Die Stunde der Rache ist gekommen, Carl Bildt.

© Foto: Karoline, 2014

© Foto: Karoline, 2014

Eigentlich bin ich ja kein Krimi-Fan. Schon gar nicht von Schweden-Krimis! Ich weiß, ich werde jetzt wohl von Mankell-Fans mit Fackeln durch den Ort gejagt, aber als ich vor ein paar Jahren seine Romane lesen wollte, ödeten sie mich einfach nur an –viel zu tempolos und langwierig. Von wegen nervenzerreißende Spannung …

Neulich trat jedoch mein Buchhändler des Vertrauens an mich heran und legte mir das Buch
Die Akademiemorde von Martin Olczak nahe. Was hatte ich schon zu verlieren? Denn 1. gab mir mein Buchhändler immer unverzichtbare Tipps für literarische Leckerbissen und 2. war meine letzte Krimi-Erfahrung wie bereits beschrieben schon einige Jahre her.

Also fing ich an Die Akademiemorde zu lesen und hab es doch tatsächlich zu großen Teilen regelrecht verschlungen. Bereits auf der ersten Seite erlebte ich eine sehr ungewöhnliche Einleitung. Aus der Ich-Perspektive spricht ein Sterbender zu mir, der fast einem Märchenerzähler gleich kommt und will mich in die kommenden Geschehnisse einweihen. Fast das komplette Buch hindurch habe ich auf eine zweite Sequenz dieser Art gewartet, denn nach dieser Einleitung wird der Rest der Geschichte aus der Perspektive eines unabhängigen allwissenden Dritten beschrieben. Erst auf den letzten Seiten wird überhaupt klar, wer dort am Anfang gesprochen hat und man ist ambitioniert noch einmal zum Anfang zurück zu blättern und erneut zu lesen, was denn der Sterbende zu sagen hatte. Die darauf folgende Haupthandlung setzt direkt beim ersten Mord an. Opfer ist eines der zwölf ständigen Mitglieder der Akademie – jener Akademie, die die Nominierung und Vergabe des Literatur-Nobelpreises leitet und lenkt. Tatwaffe ist ein Handfeuergerät aus dem 18. Jahrhundert. Das Tatmotiv bleibt lange unbekannt. Allein der Satz des Mörders, gesprochen zum ersten Opfer bei der Hinrichtung, bleibt lange der einzige Anhaltspunkt: „Die Stunde der Rache ist gekommen, Carl Bildt.“

Ermittlerin in diesem Fall und damit auch Hauptperson des Romans ist Claudia Rodriguez, eine Schwedin griechischer Herkunft, die als Einzelgängerin und Unruhestifterin unter den Kollegen bekannt ist. Eigentlich mag ich ja solche Ermittler bei Krimis überhaupt nicht. Die einsamen Wölfe, die sich beinahe zwanghaft gerne in Gefahr begeben, weil sie immer denken, dass sie alles allein schaffen und im Griff haben (aber das haben sie ja offensichtlich zu 99 Prozent nicht – wo würde auch sonst die Spannung bei der ganzen Sache bleiben?). Doch mit Leo Dorfman, einem liebenswürdigen Antiquar, den seine Leidenschaft für gute alte Bücher beinahe in die Obdachlosigkeit treibt, hat der Autor (zu meinem Glück) eine zweite Figur erschaffen, auf deren Hilfe Claudia in diesem Fall angewiesen ist. Gemeinsam ermitteln sie erst offiziell, später dann nach Claudias Suspendierung auf eigene Faust und mit Fahndungsbefehlen am Hacken. Man kann also auch hier sehen, dass die Spannungskurve stetig zunimmt. Ihre gemeinsame Suche nach dem Mörder führt sie dabei in die Stadtbibliothek, in verrauchte Spelunken sowie in die Geheimarchive des Nobelpreiskomitees. Nebenbei werden mal so eben noch einige weitere Personen der Literatur-Nobelpreis-Riege erschossen oder in die Luft gesprengt.

Was diese Geschichte von den anderen schwedischen Krimis wirklich unterscheidet, ist die humorvolle Art der Erzählung, die trotz der grausigen Mordfälle nicht aufgesetzt wirkt. Oder hat schon mal jemand einen kakaosüchtigen Pathologen kennengelernt? Aber auch die Dialoge sind durchaus humorvoll gestaltet. Besonders schmunzeln musste ich bei der folgenden Stelle, in der die Mordermittler die noch verbliebenen Komitee-Mitglieder schützen möchten, sie aber erst einmal finden müssen:

„Und niemand weiß, wo er wandert?“
„Vermutlich irgendwo in Schweden. Aber es kann auch im nordöstlichen Norwegen sein, da fährt er manchmal hin. Oder in Finnisch-Lappland.“
„Willst du mich verarschen?“
„Nein, das macht er seit Mitte der siebziger Jahre mehrmals pro Jahr. Sagt niemandem ein Wort, […].“
Lövden schlug die Hände vors Gesicht und fuhr sich mit dem Fingern über die pockennarbigen Wangen.
„Schriftsteller …“

Martin Olczak, Die Akademiemorde, S. 106

Als ich dies las, konnte ich förmlich das resignierte Kopfschütteln des Ermittlers fühlen und auch nachvollziehen.

Die Streifzüge durch die historische Schriftsteller-Landschaft Schwedens, ob nun August Strindberg oder Sven Hedin, sind gut recherchiert und beruhen größtenteils auf Tatsachen. Weniger glaubwürdig jedoch gestalten sich die letzten 100 Seiten, die immer mehr in die Welt der Verschwörungstheorien und allzu konstruierten Zufälle abdriften. Echt schade! Da hätte man definitiv mehr draus machen können. (In diesem Punkt stimmen mein Buchhändler und ich übrigens überein.) Was mich im Nachhinein ebenfalls verwundert hat, ist die deutsche Covergestaltung, die ihr oben im Bild sehen könnt. Dargestellt ist eine große Schublade mit vielen Schlüsseln. Diese hat jedoch keinerlei Bezug zum Buch. Vermutlich soll das Cover nur die Zugehörigkeit zum Krimi-Genre demonstrieren. Ich finde es daher nicht gelungen und möchte anmerken, dass das Original-Cover des schwedischen Verlags Norstedts wesentlich stimmiger und inhaltlich passend ist.

Fazit: Der Großteil des Buches hat Potential und macht es trotz des enttäuschenden Endes durchaus lesenswert. Ebenfalls lesenswert sind auch die zu jedem Kapitelbeginn ausgesuchten Nobelpreisträger mit einer kurzen Begründung des Nobelpreis-Komitees, wieso gerade sie diesen Preis verdient haben.

„Ernest Hemingway – Nobelpreisträger für Literatur 1954
Begründung der Schwedischen Akademie: ‚Für seine kraftvolle und innerhalb der heutigen Erzählkunst stilbildende Meisterschaft, jüngst an den Tag gelegt in The Old Man and the Sea.“

Martin Olczak, Die Akademiemorde, S. 29

Karoline

Autor: Martin Olczak
Buchtitel: Die Akademiemorde
Übersetzung: aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Verlag: btb

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s