Das Grauen der Welt in Worten

Im Westen nichts Neues

© Foto: Karoline, 2014

Stell dir vor du bist Soldat. Stell dir vor es ist das Jahr 1918. Tagsüber sitzt du mit deinen Kameraden beieinander; ihr zockt Karten, kocht Essen oder macht ein Nickerchen. Das entfernte, sich manchmal nähernde Heranzischen der Granaten hörst du schon gar nicht mehr. Mit den Jahren hast du gelernt sie anhand dieses Geräusches auf Gefährlichkeit einschätzen zu können. Nachts geht es in kleinen Gruppen in feindliches Gebiet, um verlorene Schützengräben von den Franzosen zurückzuerobern. Du kriechst durch den Dreck und durch die von Granaten entstandene Mondlandschaft, Meter um Meter. Zwischendurch gibt es immer wieder ein Gewitter aus den gegnerischen Maschinengewehren. Du stellst dich tot, atmest in den Dreck, drückst dich in einen Mondkrater, um nicht getroffen zu werden. Tagsüber erfolgt auf dem Feld ein Gasangriff. Du musst schnell deine Maske aufsetzen und hoffst einfach, dass sie dicht ist. Neben dir verreckt ein Kamerad, der sie zu spät aufgesetzt hat. Seine Lunge wird von innen verätzt, er wird stundenlang nach und nach seine Lunge aushusten, nur um schließlich zu ersticken.

Viele denken bei dem Buchtitel Im Westen nichts Neues an lästige Schullektüre. Ich hingegen habe immer die beschriebenen Bilder im Kopf.

Erich Maria Remarque erschafft in seinem Buch den Soldaten Paul Bäumer, der sich noch vor Abschluss seines Abiturs freiwillig zum Kriegsdienst meldet. Begleitet wird er von seinen männlichen Klassenkameraden. Sie alle werden oft als die Verlorene Jugend bezeichnet – sie sind jung und wollen eigentlich die Welt für sich entdecken. Sie haben Wünsche, Träume, Zukunftspläne, die ihnen jäh durch das Grauen des Krieges – sowohl körperlich als auch seelisch – geraubt werden.

Paul Bäumer ist ein durchschnittlicher 20-Jähriger. Er lernt für uns Leser den Krieg auf alle erdenklichen Arten kennen. Er sieht seine Kameraden fallen, mit denen er wortwörtlich durch die Hölle ging, er sieht beim Heimaturlaub wie fremd ihm sein vorheriges Leben geworden ist und er sieht die deutschen Lazarette von innen. Und mit ihnen die Ärzte, die oft zu schnell Gliedmaßen amputieren, da die Operationen wie am Fließband laufen. Andere Ärzte nutzen die Flut an Patienten als Versuchsmaterial. So auch einer, der die Soldaten von Plattfüßen heilen will und sie stattdessen verstümmelt.

Zwei Szenen im Buch haben mich besonders erschüttert. Die erste wird schon im ersten Kapitel beschrieben, als Paul am Bett seines sterbenden Klassenkameraden Kemmerich steht und weder er noch seine anderen Kameraden sich trauen, dem Verwundeten zu sagen, dass sein angeblich schmerzendes Bein gar nicht mehr vorhanden ist. Kurze Zeit später ist er tot und Paul quält sich mit der Aufgabe Kemmerichs Mutter einen Brief zu schreiben. Einerseits ist Paul geschockt einen Schulkameraden zu verlieren, aber andererseits war er nicht der erste Freund, der fiel. Beim Streit um die Schuhe des Sterbenden schaltet sich schließlich der soldatische Pragmatismus ein. Diese Kombination erschütterte mich besonders stark. Die zweite Szene spielt auf dem Schlachtfeld und dreht sich um das langsame und qualvolle Sterben eines unbekannten Soldaten, der tagelang schreit und doch nicht gefunden werden kann. So hören ihm alle drei Tage lang zu, wie er erst um Hilfe schreit, später dann durch den Blutverlust halluzinierend mit seiner Frau redet und zum Schluss nur noch röchelt bis es ganz ruhig ist.

Paul Bäumer war drei Jahre an der Front. Der Sommer 1918 bedeutet für ihn die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende und gleichzeitig die Angst davor, kurz vorher noch einmal verwundet zu werden. So viele sterben noch in dieser Zeit, obwohl der Krieg längst verloren ist. Fast sehnt sich Paul danach ebenfalls zu sterben – aus Verzweiflung danach nichts mehr mit seinem Leben anfangen zu können. Dieses Zitat beschreibt sein ganzes Lebensgefühl meiner Meinung nach am prägnantesten:

„Wir sind keine Jugend mehr. Wir wollen die Welt nicht mehr stürmen. Wir sind Flüchtlinge. Wir flüchten vor uns. Vor unserem Leben. Wir waren achtzehn Jahre und begannen die Welt und das Dasein zu lieben; wir mußten darauf schießen. […] Wir sind abgeschlossen vom Tätigen, vom Streben, vom Fortschritt. Wir glauben nicht mehr daran; wir glauben an den Krieg.“

Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues, S. 59, Ausgabe: Taschenbuch der Weltliteratur des Aufbau-Verlags 1989

Das Buch ist aus der Sicht des Paul Bäumers geschrieben. Durch die Ich-Form lernen wir zwar seine Gefühle und Gedanken sehr ausführlich kennen, können aber leider nicht in die Köpfe seiner Kameraden gucken. Dort hätte mich schon die Motivation und der Ansporn des einen oder anderen interessiert. Warum wollten sie den Krieg heil überstehen? War es reiner Instinkt oder hatten sie ausgefeilte Zukunftspläne? Dieses Thema wird nur sehr kurz und oberflächlich umrissen und hat meinen Wissensdurst nicht gänzlich befriedigt.

Nichtsdestotrotz liest sich das Buch insgesamt sehr flüssig und in einem Rutsch (bis auf die tränenreichen Pausen, in denen ich mich erstmal beruhigen musste). Ich bin auch normalerweise kein Mensch, der sich bereits gelesene Bücher noch einmal zur Brust nimmt. Da ich das Ende dann schon kenne, neige ich eher dazu den Inhalt zu überfliegen und nicht mich erneut intensiv mit ihm auseinanderzusetzen. Das war hier beileibe wirklich nicht der Fall. Obwohl ich den radikalen Twist auf der allerletzten Seite (der ja auch dem Buch seinen berühmten Titel einbrachte) bereits kannte, hatte das Buch kein bisschen an Reiz verloren und ich tauchte sofort wieder in diese düstere und hoffnungslose Welt von damals ein.

Es ist das zweite Mal, dass ich dieses Buch gelesen habe. Damals wie heute hat es mich in Fassungslosigkeit ob diesen sinnlosen Gemetzels versetzt. Im Westen nichts Neues ist kein schönes, erheiterndes oder gar lebensbejahendes Buch. Trotzdem ist es rundum lesenswert für jeden, der etwas über die deutsche Vergangenheit und die Untaten des 1. Weltkriegs erfahren möchte. Es ist ein Mahnmal für eine zerstörte Generation, die nur das Grauen der Welt entdeckte. Es sollte uns alle warnen, dass solch ein Blutvergießen nie wieder geschehen sollte. Ich jedenfalls bin heilfroh in der heutigen Zeit und vor allem in einem Land im Frieden leben zu dürfen.

Wer sich auf eine andere Art und Weise mit Paul Bäumers Erlebnissen auseinandersetzen möchte, hat hier zwei Auswahlmöglichkeiten. Für die Freunde des bewegten Bildes gibt es zwei Verfilmungen aus den Jahren 1930 und 1979. Wer sich dem Thema lieber auf der haptischen Ebene – aber trotzdem mit Bildern – nähern möchte, dem kann ich die gerade erschienene Graphic Novel vom Splitter Verlag ans Herz legen.

Karoline

Autor: Erich Maria Remarque
Buchtitel: Im Westen nichts Neues
Verlag: Heute: Kiepenheuer & Witsch, Früher: Aufbau-Verlag

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10 Gedanken zu “Das Grauen der Welt in Worten

  1. Bettina schreibt:

    Ich erinnere mich noch heute an diese Schullektüre. Das war ein Buch, das mich absolut zerstört hat. Kann also deine Reaktionen gut nachvollziehen. Mit kurzem Blick auf das Bild: ist das eine geerbte Ausgabe?

    • Karoline schreibt:

      ja, das ist die alte DDR-Ausgabe, die in Familienbesitz ist^^ zerstört weil du es schrecklich langweilig gefunden hast oder weil es dich so mitgerissen hast?

      • Bettina schreibt:

        Langweilig ist es auf keinen Fall. Mitgerissen ist für mich nicht ganz das richtige Wort. Es hat mich provoziert, obwohl ich es nicht erwartet hatte und dann konnte ich mich nicht kontrollieren. Wie du habe ich geweint und musste umgebenden Personen erzählen wie grausam diese unsere Welt denn sein kann. Und das ständige Gefühl, dass alles noch schlimmer kommen kann hat mich einfach fertig gemacht. Zerstört im Sinne von ausgelaugt, erschöpft.

        Sonst sind natürlich Bücher aus dem Familienbesitz was ganz besonderes. Es macht es irgendwie gerade spannend, wenn auch andere die wir kennen und schätzen ein Buch gelesen haben.

  2. Schlopsi schreibt:

    Mussten wir glücklicherweise nicht in der Schule lesen, stattdessen konnte ich zuhause konzentriert in diese traurige Welt eintauchen. Da kam genau das gleiche Gefühl wie bei dir hoch. Es gibt kaum etwas, dass sich mit diesem Leid vergleichen lässt. Mir fällt da nur der Film „Johnnie zieht in den Krieg“ (nach Buchvorlage von 1939 ‚Johnny got his gun‘ von Dalton Trumbo) ein, der genauso unangenehm drückt und unter die Haut geht.

    Das Buch von Remarque sollte ich wohl auch nochmal lesen. Das Interesse kommt nach dem Text wieder hoch.

    • Karoline schreibt:

      das freut mich sehr, wenn mein Artikel dich dazu motivieren konnte!!! mich haben noch zwei weitere Bücher über den Krieg so mitgenommen: Harry Thürks „Die Stunde der toten Augen“ und „Die Geißel der Menschheit“ von Lord Russel of Liverpool. Das zweite ist jedoch ein Sachbuch, das knallhart die deutschen Kriegsverbrechen des 2. Weltkriegs auflistet – definitiv nichts für schwache Gemüter… Harry Thürk schon eher…

    • Karoline schreibt:

      Da bist du mir voraus, ich hab noch gar keinen von beiden Filmen gesehen. Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, ob ich das kann. Das Buch hat mich schon so sehr mitgenommen… Wie war denn der Film aus den 30ern gemacht? Und wie bist du auf die Idee gekommen ihn dir anzugucken?

      • Leo's Literarische Landkarten schreibt:

        Der Film hinterlässt auf jeden Fall Eindrücke, die man so schnell nicht los wird. Besonders die Bilder bleiben hängen, wo Gewalt nicht direkt gezeigt wird (z.B. die Szene des Heimaturlaubers bei der Schulklasse). Schauspielerisch und technisch ist 1930 noch vieles aus der Stummfilmära vorhanden, die ja besonders eindringliche Bilder produziert hat. Grüße.

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