Ein liebenswerter Lausbub und der Rest der Sippschaft

© Foto: Ilke, 2014

© Foto: Ilke, 2014

Es ist einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass mir der Roman Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung in die Hände fiel. Ich stöberte zur Zeitüberbrückung in einem kleinen Ramschladen, zog das Buch heraus, sah das Cover und dachte: What the … ?! Noch dazu mit diesem Titel! Im Klappentext sah ich das erste Wort: Gaylord. Wenn einer schon Gaylord heißt … !, dachte ich. Die reine Neugier brachte mich dazu, weiterzulesen. Der weitere Text war überraschend witzig und zerstörte mein Bild der idyllischen Landhausatmosphäre mit gehirnwäsche-manipuliertem, bravem Kind. Denn dieser Knirps ist das eigentliche Oberhaupt der Familie.

Gaylord ist acht Jahre alt und lebt mit seinen Eltern, seinen Tanten Rose und Becky, Großtante Marigold und seinem Opa in dessen Landhaus. Morgens um sieben genießt die Familie Pentecost die Ruhe und den Frieden des beginnenden Tages, wohl wissend, dass dies bald vorbei sein wird. Gaylord ist der Einzige, der frühmorgens schon vor Energie nur so strotzt. Er schert sich nicht um Privatsphäre oder Ruhe, springt von Zimmer zu Zimmer und leistet den Erwachsenen seine wertvolle Gesellschaft. Gleichzeitig sorgt er sich um ihr Wohlergehen und bringt jedem eine Tasse Tee ans Bett.

Gleich zu Beginn lernt der Leser alle Mitglieder der Familie mitsamt ihrer Vorlieben, Nöte und Sorgen kennen. So ist Rose unglücklich verliebt, wohingegen ihre liebreizende Schwester regelmäßig neue Männer findet, sich aber nicht so recht entscheiden kann. Marigold hört schwer und gibt trotzdem oft ihren Senf dazu und Opa findet immer was zu meckern. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen typische familiäre Dinge, wie geschwisterliche Rivalität, mütterliche Sorge und bis ins Fleisch piekende Neugier.

Gaylord selbst ist so facettenreich gestaltet, dass sich jeder Leser mit ihm identifizieren kann: er ist sowohl liebenswürdig als auch nervtötend, besorgt und rabiat, aufgeweckt und nachdenklich. Das Verhalten der Erwachsenen findet er rätselhaft und unlogisch, ihr Leben langweilig. Frei vom plagenden Gewissen und Anstand platzt er in heimliche Treffen, plaudert Geheimnisse aus und wirkt dabei so niedlich kindlich und unwissend, dass man ihm nie lange böse sein kann. Auch seine Neigung zur Morbidität kann man ihm nicht übel nehmen. Die Geschichte bietet einige heimelige Stunden und hinterlässt ein seltsam vertrautes und wehmütiges Gefühl der eigenen Kindheit.

Erschienen ist der Roman in den 60er Jahren, was sich natürlich auch in der Handlung widerspiegelt. Einige Dinge, die für uns heute selbstverständlich sind, waren zu jener Zeit anders. Ich musste immer wieder den Kopf schütteln über den Umstand, dass Rose mit 30 bereits als alte Jungfer gilt oder wie unsittlich es damals war, wenn eine ledige Frau abends bei einem Mann anzutreffen war. Die Illustrationen, die in unregelmäßigen Abständen auftauchen und aufgrund des Stils einen eigenen Charme haben, komplettieren die imaginäre Zeitreise.

Ich habe eine bereits vergriffene Ausgabe vom 1967 ergattert. Es gibt aber auch eine aktuelle Neuauflage mit leicht verändertem Cover. Erschienen sind noch sechs weitere Romane rund um die Familie Pentecost, die jedoch vergriffen sind. Doch wenn ihr Zeit und ein bisschen Glück habt, werdet ihr vielleicht bei eurem nächsten Flohmarkt- oder Ramschladen-Besuch auf einen davon stoßen.

Ilke

Autor: Eric Malpass
Illustrator:
Wilhelm M. Busch
Buchtitel: Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung
Verlag: Rowohlt Verlag

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