Pforte zur Unterwelt: jetzt geöffnet.

© Bild: Katrin, 2014

Ob ich nun Straßenbahn fahre, durch die Stadt laufe, im Park faulenze oder im Zug sitze – meine Nase steckt sehr häufig zwischen den Seiten. Ich stelle mir gern vor, dass meine vor Spannung weit aufgerissenen Augen, das fahrige Fußwippen und die abgenagte Unterlippe während des Lesens von Puerta Oscura meine Mitmenschen kurzzeitig verstört haben. 😉

Empfohlen wurde mir die Trilogie Totenreise, Totengelächter und Totengesang (*muahahaha* eine Alliteration) von der Buchhändlerin meines Vertrauens. Damit lag sie wieder einmal genau richtig. Diese Schauerromane für Jugendliche habe ich förmlich verschlungen, denn das Totenreich wird – wenn das Oxymoron erlaubt ist – beeindruckend lebendig beschrieben. Ziemlich beängstigend sogar.

In der Reihe geht es um die titelgebende Puerta Oscura, eine sagenumwobene dunkle Pforte, die sich alle 100 Jahre öffnet und es einer auserwählten Person erlaubt, ins Reich der Toten hinabzusteigen. Dieser Wanderer ist fortan ein Vermittler zwischen den Welten der Lebenden und der Toten. Er ist in der Lage, im Kampf mit den Kreaturen der Unterwelt hilflosen Seelen beizustehen und Rettungsmissionen durchzuführen. Unter anderem gilt es, im Zwischenreich der Geister nach einem gefährlichen Dämon zu fahnden oder auf den Spuren einer früheren Auserwählten die schrecklichsten Epochen der menschlichen Geschichte zu durchqueren.

Der erste Band der Reihe beginnt im heutigen Paris. Der Leser lernt den zurückhaltenden 14-jährigen Pascal Rivas kennen, der mit seinem Kumpel die Wahrsagerin Daphne aufsucht. Erst vor kurzem hat Pascal seiner besten Freundin Michelle offenbart, dass er sie liebt und schwebt nun im Ungewissen über ihre Reaktion. Diese Frage kann ihm jedoch auch die Hellseherin nicht beantworten. Stattdessen spürt sie, dass eine lange Reise vor ihm und Michelle liegt. Kurz danach gehen die Freunde auf eine Kostümparty. Dort entscheidet sich um Mitternacht Pascals Schicksal: auf dem Dachboden fällt er auf der Suche nach einer Verkleidung in eine ominöse Truhe und findet sich plötzlich im Totenreich wieder. Verängstigt, aber neugierig folgt er einem leuchtenden Pfad, an dessen Ende er das Spiegelbild des Friedhofs Montparnasse entdeckt. Der heilige Ort gehört zu den wenigen friedlichen Licht-Inseln in der Unterwelt, an denen die toten Seelen darauf warten, vom Guten gerufen zu werden.

Von diesem Punkt an überschlagen sich jedoch die Ereignisse, denn ein Tor funktioniert nach beiden Seiten. So stellt sich nach seiner Rückkehr heraus, dass mit Pascals Eintritt in die Unterwelt ein Vampir in die Welt der Lebenden flüchten konnte. Dieser versucht nun, die Macht der Puerta Oscura an sich zu reißen. Um den Wanderer hierbei aus dem Weg zu schaffen, lässt er Michelle in die Tiefen des Totenreiches verschleppen. Trotz Selbstzweifeln und Unsicherheit entschließt sich Pascal, seiner Bestimmung als Wanderer zu folgen und Michelle zu retten. Anleitung und Hilfe erhält er hierbei von Hellseherin Daphne, ihrem Lehrling Edouard und seinen Freunden. In der Oberwelt halten sie die Stellung und versuchen, den Vampir von der dunklen Pforte fernzuhalten, während Pascal die gefährliche Reise antritt. Giftige Skelette, Dämonen oder fleischfressende Wolken sind nur eine kleine Auswahl dessen, wovor er sich in der Unterwelt in Acht nehmen muss. Und er hat lediglich sieben Tage Zeit …

Die drei Titel sind angenehm dicke, atmosphärische Schmöker, die nahtlos ineinander übergehen und recht komplex gestrickt sind. Das liegt nicht zuletzt am umfangreichen Figuren-Ensemble: der häufige Perspektivenwechsel zwischen guten und bösen Charakteren erfordert ständiges Mitdenken. Zwei meiner Lieblinge sind zum Beispiel die stur rational denkende Komissarin Marguerite Betancourt (immer auf der Spur der sich häufenden grausamen Mordfälle) und der geheimnisvolle Gerichtsmediziner Marcel Laville. Dialoge und Dynamik der beiden sind geprägt von einer Mischung aus Misstrauen, Neugier, Skepsis und Freundschaft, während die zwei ständig umeinander her schleichen und versuchen, Vorhaben und Geheimnisse des jeweils anderen zu ergründen. Als die Gefahr am größten ist, kreuzen sich schließlich die Wege sämtlicher Protagonisten und der verschiedenen Erzählstränge.

Verfasst wurde die Geschichte von Autor David Lozano Garbala in der dritten Person, was mitunter etwas kühl wirkt. Meiner Ansicht nach passt die distanzierte Schreibweise jedoch, schließlich ist das Bild, das hier vom Leben (oder Tod) nach dem Tod gezeichnet wird, nicht eben tröstlich. Mir reichte die Nähe zu den Akteuren und Begebenheiten vollkommen aus, um teilweise nachhaltig verstört zu werden. Insgesamt setzt die Geschichte auf schleichenden Grusel und subtile Spannung statt wilde Action. Hier und da entstehen sogar einige Längen, die sich allerdings mit derart an den Nerven zerrenden Passagen abwechseln, dass einem erst am Ende der Seite wieder einfällt zu atmen. Die Story wartet mit unzähligen Facetten auf: interessante Figuren und deren Beziehungen zueinander, alte Geheimnisse, angsteinflößende Horror-Szenarien, natürlich diverse grausige Todesfälle und Abenteuer bis hin zur ersten großen Liebe. Hier ist alles dabei, was sich das Leserherz wünscht. Aufgrund der zahlreichen Verknüpfungen empfiehlt es sich definitiv, die drei Teile direkt hintereinander zu lesen.

Vielleicht noch ein Wort zur Altersempfehlung des Verlages. Die gelungene Cover-Gestaltung lässt natürlich schon den Horror vermuten, der einen erwartet. Gleichwohl finde ich ab 12 Jahren etwas zu niedrig gegriffen, da die Bücher sehr düster geschrieben sind und die Geschehnisse stellenweise wirklich grausam geschildert werden. Nennt mich meinetwegen Hasenfuß – aber trotzdem hätte ich nach der Lektüre manchmal gern das Nachtlicht angelassen.

Katrin

Autor: David Lozano Garbala
Buchtitel: Puerta Oscura (Totenreise, Totengelächter, Totengesang), ab 12 Jahren
Übersetzung: aus dem Spanischen von Susanna Mende, Catalina Rojas Hauser und Kirstin Bleiel
Verlag: Loewe Verlag

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7 Gedanken zu “Pforte zur Unterwelt: jetzt geöffnet.

    • Katrin schreibt:

      Das kann ich auch verstehen. Ich musste mich selbst zunächst an den kühlen Stil gewöhnen. Aber als ich erst einmal drin war (wobei ich direkt beim ersten Kapital am Haken war), fand ich die Buchreihe außergewöhnlich. Voller neuer Ideen und Gestalten, komplex und nicht auf Krampf auf ein Happy End bedacht. Einfach mal ein Unterschied zu englischen oder amerikanischen Autoren. 😀

      • Ela´s Büchertruhe schreibt:

        Ich kann dir auch gar nicht mehr genau sagen woran es eigentlich lag. An einigen Stellen wirkte es auf mich einfach zu langatmig, trocken, irgendwie fand ich vieles daran toll aber einfach nicht fesselnd genug um all die Seiten durchzuhalten. Vielleicht versuche ich es aber einfach irgendwann noch einmal oder schaue ob es diese Reihe auch als Hörbuch gibt 🙂

      • Katrin schreibt:

        Dass sich manche Stellen etwas ziehen, ist mir beim Lesen auch aufgefallen. Aber wahrscheinlich fehlt mir einfach die Vergleichsmöglichkeit, sodass es für mich nicht ins Gewicht fiel bzw. haben all die coolen Ideen das wieder wett gemacht.
        Für ein Hörbuch bräuchte es dann aber ne Hammer-Stimme, damit man bei all dem Text auch dranbleibt, oder? 😀

      • Katrin schreibt:

        Oh Gott, jaaaaaaaa! 😀 Das könnte sogar das Gegenmittel dafür sein, dass ich eher nicht der auditive Typ bin. 😉

      • Ela´s Büchertruhe schreibt:

        Er bespricht ja viele Hörbücher 🙂
        Ich höre sie immer im Haushalt, beim putzen, kochen und auch wenn ich mit dem Hund rausgehe 🙂
        Halt fast überall da wo ich nicht lesen kann 🙂

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