Wir bekamen die Bilder und stachen in See

Wovon wir träumten Cover

© Foto: Bettina, 2014

Irgendwie ist Julie Otsuka mit ihren Büchern auf meinem monströsen Lesezettel gelandet. The Buddha in the Attic steht da. Na, das wirst du wohl auf englisch lesen, denn übersetzen tun die das eh nie, dachte ich mir. Zu ungewöhnliches Thema, nicht von Interesse für die deutschen Leser. Dann stolperte ich über Wovon wir träumten. Eine Übersetzung. HA! Danke lieber mare Verlag, ich habe gerne falsch gelegen.

Es ist Anfang des 20. Jahrhunderts, vielleicht 1920. Wir finden uns auf einem Schiff unter einer Gruppe japanischer Frauen wieder, die ihre Heimat in Richtung der Vereinigten Staaten verlassen. Sie reisen zu ihren neuen Ehemännern, Unbekannte die sie nur von Fotografien und aus Briefen kennen. Doch das Leben, das sie erwartet, stellt sich als ganz anders heraus, als sie es sich ausmalten. Wir begleiten sie durch ihr Schicksal: erleben die Schiffsreise, die erste Nacht mit dem fremden Mann, das Arbeiten und Leben mit den Amerikanern und wie sie Babys bekommen, die zu Kindern heranwachsen. Dann kommt der Angriff auf Pearl Harbor und plötzlich ist man Verräter.

Otsuka erzählt die Geschichten der Frauen dabei sehr dicht und in beeindruckend zielsicher ausgewählten Szenen. Oft fühlte ich mich beim Lesen von Wovon wir träumten an 6-Wort-Geschichten erinnert, denn ganze Leben bauten sich in wenigen Sätzen vor meinen Augen auf. Zu Beginn machten mich diese Geschichten oft ungeduldig und erschienen mir wie ein Prolog. Als ob ich eingestimmt und vorbereitet werden soll auf die kommende Erzählung. War mir aber erst klar, dass diese Szenen die Erzählung sind, veränderte sich mein Eindruck. Nun sind mir diese kleinen Einblicke wichtig und ich bin von der Vielfältigkeit der Lebenswege geradezu überwältigt. Aus den verschiedenen Erfahrungen der Frauen wird ein Bild ihrer Leben gewoben, dem es gelingt ein ihnen eigenes Gefühl darzustellen. Dem ein oder anderen mag die gewählte Wir-Form der Erzählung missfallen und ungewünschte Distanz zu den Protagonisten erzeugen. Für mich jedoch baut gerade sie diese gemeinsame Stimmung unter den Frauen auf und betont die unglaublichen Unterschiede der Lebenswege.

So viele Geschichten so kunstfertig erzählt, lassen mich als Leser nicht kalt zurück. Wenn eine der Frauen zu schüchtern ist um bei der Feldarbeit nach Wasser zu rufen, stattdessen aus einem Bewässerungsgraben trinkt und daraufhin an Typhus stirbt, bin ich betroffen. Wenn eine andere spät das lang ersehnte Kind bekommt, bin ich berührt. Wenn sich eine Frau in ihren so amerikanischen Kindern nicht wiedererkennt, bricht mein Herz ein wenig. Als schließlich alle unter Verdacht stehen die Japaner im 2. Weltkrieg zu unterstützen, sie gezwungen werden ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und in Lagern hausen müssen, fühle ich mit ihnen.

Obwohl es manchmal weh tat und obwohl es mich manchmal traurig stimmte: ich habe Wovon wir träumten gern gelesen. Lieber mare Verlag, Julie Otsuka hat noch ein anderes Buch geschrieben von dem ich behauptete, es werde nie übersetzt. Ich möchte noch einmal Unrecht haben.

Bettina

Autorin: Julie Otsuka
Buchtitel: Wovon wir träumten
Übersetzung: aus dem Amerikanischen von Katja Scholtz
Verlag: mare

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3 Gedanken zu “Wir bekamen die Bilder und stachen in See

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