Todesfalle Amazonas

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© Foto: Karoline, 2014

Wenn euch mal wieder das Fernweh packt und ihr am liebsten eine Dschungelexpedition unternehmen möchtet, um wilde naturbelassene Gebiete zu erforschen, euch aber das nötige Budget fehlt – dann solltet ihr unbedingt Die versunkene Stadt Z lesen. Es stillt nicht nur euer Fernweh, sondern es desillusioniert euch darüber hinaus über den Amazonas als grünes Paradies. Im Gegenteil: Seit diesem Buch weiß ich, dass er in Wirklichkeit die grüne Hölle auf Erden ist.

Der Autor dieses Buches – David Grann – ist fasziniert von jener so menschenfeindlichen Gegend. Noch mehr jedoch faszinierte ihn das Schicksal des letzten großen Gentleman-Forschers Percy Harrison Fawcett, der in den 20ern des letzten Jahrhunderts auf eine Expedition in den Amazonas ging und nie wieder zurück kehrte. Also begab sich David Grann auf die Suche und fügte Fragment um Fragment seines Lebens zusammen. Mehr und mehr zog diese Person ihn in seinen Bann, sodass er sogar schließlich selbst seinen heimischen Schreibtisch verließ, um im Amazonas nach dem Verbleib des verschollenen Forschers zu suchen.

Im kalten viktorianischen Zeitalter erzogen, erlebte Percy Fawcett ein kaltes Elternhaus, das ihn früh stählte und unabhängig werden ließ. Die Ausbildung beim Militär und sein Posten auf Ceylon (heute Sri Lanka) langweilen ihn schnell, sodass er beschließt bei der Royal Geographical Society eine Ausbildung zum Forscher zu machen. Er besteht mit Bravour und darf gleich zu seiner ersten Expedition aufbrechen; die Vermessung der Grenze zwischen Bolivien und Brasilien. Als er bereits nach einem statt nach den angesetzten zwei Jahren erfolgreich zurückkehrt, hat Fawcett auch sogleich das Ziel seiner nächsten Reise fest im Auge: die Vermessung des Rio Verde. Dieser Trip wird zur wahren Zerreißprobe für alle Beteiligten. Die Forscher tragen alles, was sie benötigen, in großen 30 Kilogramm schweren Rucksäcken durch die Wildnis. Die Lebensmittel reichen nur für die ersten Wochen, danach müssen die Männer selbst schauen, was sie zwischen die Zähne bekommen. Das ist im Amazonas leichter gesagt als getan. Alles, was den Boden berührt, ob lebendes oder totes Fleisch oder abgestorbene Pflanzen wird sofort in seine Einzelteile zersetzt und der Natur wieder neu zugeführt. Fünf Männer verhungern auf dieser Expedition, Fawcett selbst ist komplett eingefallen. Das einzige, was ihn am Leben hält ist sein ausgesprochen gut gestählter Körper (er verzichtete komplett auf Fleisch und Alkohol) sowie seine standhafte Psyche. Er scheint immun gegen das weit verbreitete Gelbfieber und die Seuchen zu sein, die die anderen Mitreisenden in Scharen niederstrecken. Als ob er mit einem Radar ausgestattet wäre, weicht er den giftigen Tieren des Regenwaldes geschickter aus als seine Mitstreiter.

Es gibt viele Tiere, die den Forschern das Leben schwer machen. Die mitgeführten Esel halten meistens nur einen Monat im Dschungel durch, bevor sie verenden. Grund sind zahlreiche Parasiten, aber auch die Vampirfledermäuse, die sowohl Mensch als auch Tier angreifen und ihnen das Blut aussaugen. Berührt auch nur ein winziger Teil des Körpers das Moskitonetz, mit dem sich die Forscher nachts schützen, stürzen sich die Blutsauger auf ihre Opfer und saugen sie bis zu 40 Minuten lang aus. Es gibt giftige Schlangen und Frösche, die in der Lage sind mit ihrem Gift den kompletten Forschertrupp auf einmal zu töten. Vor jedem Bad in einem Fluss müssen sich die Expeditionsteilnehmer am ganzen Körper nach offenen Wunden abtasten, denn sobald sie im Wasser sind lauern schon die Piranhas auf ihre Beute. Als würden diese noch nicht reichen, beherbergt der Amazonas einen kleinen Fisch, der in die Harnröhre eines Menschen schwimmt und sich dort gern verankert. Bei Männern führte dies zu Fawcetts Zeiten unweigerlich zur Kastration, da sonst eine Blutvergiftung die Folge gewesen wäre. Doch die schlimmste Gefahr lauerte im Detail. Millionen von Moskitos, Maden, die in Wunden ihre Eier ablegen und deren Nachwuchs dann langsam das eigene menschliche Fleisch zerfrisst oder fleischfressende Bienen sind hier an der Tagesordnung.

Kein Wunder also, dass Percy Harrison Fawcett schnell zu einer Legende wurde, hatte er doch Gebiete bereist und vermessen, in die sich zuvor noch niemand getraut hatte. Bald erlangte er in den Medien den Ruf unsterblich zu sein. Seine Anfreundung mit den sonst so menschenscheuen Indianern trug ebenfalls dazu bei. Er pflegte bei einer Begegnung alle Waffen auf den Boden zu legen und langsam auf die Indianer zuzugehen, immer in der Hoffnung, dass diese ihn nicht mit ihren Pfeilen töten würden. So konnte er mit den exotischen Stämmen der Guarayos, Echojas und Maxubis Freundschaft schließen.

Zur damaligen Zeit (vor der Entdeckung Machu Picchus) waren viele Gelehrte der Ansicht, dass das Leben im Dschungel Südamerikas so menschenfeindlich und aufreibend sei, dass es unmöglich ist eine große und komplexe Kultur hervorzubringen. Fawcett entdeckte auf seinen Reisen, dass die Ureinwohner durchaus in der Lage waren sich die Natur zunutze zu machen, dass die Stämme sogar eigene Vorratskammern hatten. Diese Tatsache und die Entdeckung von unzähligen Tonscherben auf seinen Reisen, ließen ihn zunehmend vermuten, dass es vielleicht wirklich ein El Dorado gegeben haben mag. Nach und nach entwickelt er die Theorie der Stadt Z, einer versunkenen Kulturstadt im Herzen des Amazonasbeckens.

Leider kommt der 1. Weltkrieg dazwischen. Fawcett verliert dadurch nicht nur Jahre bei der Suche, sondern auch die Royal Georgraphical Society muss mit knapperen Geldern haushalten, sodass Fawcett nach Kriegsende erst lange auf finanzielle Unterstützung warten muss. Als er letztendlich seine Reise mit seinem ältesten Sohn Jack Fawcett und dessen bestem Freund Raleigh Rimell antritt, ahnt niemand, dass der Dschungel sie nie wieder ausspucken wird. Auf der jahrzehntelang andauernden Suche nach ihnen werden über 100 Menschen ihr Leben lassen. Dennoch ist es bis heute niemandem gelungen das Geheimnis um das Verschwinden der drei Abenteurer zu klären.

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Im Buch enthalten sind anschauliche Fotografien von und mit Percy Harrison Fawcett sowie Zeichnungen und Bilder zu den Ureinwohnern Südamerikas.
© Foto: Karoline, 2014

Ich finde dieses Buch einfach grandios, auch wenn ich es nicht genau einordnen kann. Es liest sich wie eine Mischung aus Biografie und Abenteuerroman. Auf 335 Seiten taucht der Leser in diese mysteriöse Geschichte um das Verschwinden der Forscher ein, lernt dabei aber auch so viel über die Natur und Geschichte Südamerikas kennen. Mich haben besonders die Beschreibungen der gefährlichen Tiere beeindruckt. Hingegen erschüttert war ich wie grausam die Europäer den Ureinwohnern Amerikas gegenüber waren. Die Person Percy Harrison Fawcett ist mir jedoch trotz der ausführlichen Lebensgeschichte nach wie vor ein Rätsel. Was hat ihn dazu verleitet seinen Lieblingssohn solchen Gefahren auszusetzen? Warum steigerte er sich in den Traum von Z so herein? Und vor allem: was ist ihm und seinen Mitstreitern wirklich passiert?

Diese wahre Geschichte liest sich einfach so unglaublich, dass sie sogar Vorlage zu diversen Romanen wurde. So ist der Held John Roxton aus Sir Arthur Conan Doyles Die vergessene Welt Percy Fawcett nachempfunden. Ebenso hat er bei einer Folge Tim und Struppi einen Gastauftritt, in dem er Tim vor einer Giftschlange rettet. Sogar Indiana Jones hat das Vergnügen nach Fawcett zu suchen (und ihn natürlich zu finden).

In einigen kurzen Kapiteln beschreibt der Autor David Grann seine Suche nach Material und schließlich auch seine Reise in den Amazonas, in vielen langen Kapiteln wird das Leben Percy Fawcetts nachvollzogen. Es ist zwar gut und schön, dass Mr. Grann sich da persönlich auf den Weg macht, jedoch hätte er sich einige Kapitel über sich selbst sparen können. Ich finde seinen Kauf von Astronautennahrung und Adrenalinsocken zwar ganz amüsant, jedoch reißt er mich zu sehr aus dem eigentlichen Geschehen um Percy Fawcett heraus. Eine weitere Schwäche ist, dass der Autor so unglaublich viel Material zusammengetragen hat und ich verstehe es auch, dass er das nun in seinem Buch unterbringen möchte. Jedoch schweift er gelegentlich etwas zu sehr ab, sodass ich an einigen Stellen kurzzeitig den Faden verloren hatte.

Besonders gelungen finde ich hingegen die grüne lianenträchtige Covergestaltung, die mich auch dazu verleitet hat das Buch in die Hand zu nehmen. (Mein Buchhändler des Vertrauens verleitete mich dann im Anschluss dazu es zu kaufen.)

Geplant ist eine Verfilmung mit Benedict Cumberbatch (als Percy Fawcett) und Robert Pattinson. Die Dreharbeiten sollen 2014 starten. Cumberbatch ist dabei eine, wie ich finde, sehr gute Wahl. Diese eisigen Augen, die schlanke drahtige Figur und die kühle Ausstrahlung passen hervorragend zum Wesen Percy Fawcetts.
AKTUALISIERUNG: Charlie Hunnam hat die Hauptrolle übernommen, da Cumberbatch bereits bei anderen Projekten involviert ist. Mit Charlie ist natürlich ein echter Hingucker dazu gekommen.

Karoline

Autor: David Grann
Buchtitel: Die versunkene Stadt Z: Expedition ohne Wiederkehr – das Geheimnis des Amazonas
Übersetzung: aus dem amerikanischen Englisch von Henning Dedekind
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

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2 Gedanken zu “Todesfalle Amazonas

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