Über die Dienstboten der Bennets

© Foto: Georgia, 2014

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Habt ihr euch schon mal gefragt wer Elizabeth Bennets Petticoat wieder sauber macht, wenn sie nach einem Regenschauer spazieren geht? Oder wer spät abends losgeschickt wird, um Schuhrosen für den Ball in Netherfield zu besorgen? Ich nämlich nicht. Dennoch hat Jo Baker es geschafft, dass ich mich für die Personen interessiere, die eben diese Aufgaben erledigen. In ihrem Roman haucht sie den Dienstboten des Longbourn Anwesens Leben ein. Sie erzählt die Geschichte von Figuren die in Stolz und Vorurteil zum Großteil namenlos geblieben sind.

Die Diener in Stolz und Vorurteil bewegen sich im Hintergrund der Handlung, sie sind zwar da, aber irgendwie trotzdem unsichtbar. Bei dem Personal der Bennets werden lediglich die Haushälterin Mrs Hill und das Dienstmädchen Sarah namentlich erwähnt. Weiterhin wird ab und an von einem Butler und einem weiteren Dienstmädchen gesprochen, ein einziges Mal taucht ein Hausdiener auf. Jo Baker hat eben diese Personen zu den Hauptfiguren ihres Romans Im Hause Longbourn gemacht. Dabei wurde Mrs Hill auch zur Köchin der Bennets und der Butler zu Mr Hill, ihrem Ehemann. Wir erfahren wie die Dienstmädchen Sarah und Polly auf das Anwesen kamen und wie ihr Alltag aussieht, quasi was alles für Mr und Mrs Bennet sowie für die fünf Töchter getan werden muss. Dabei wird die Geschichte aus der Perspektive von Sarah erzählt, ab und an übernimmt auch Mrs Hill. Eine dritte Erzählperspektive kommt hinzu, als der neue Hausdiener James im Haus Longbourn erscheint.

Die Handlung läuft parallel zu der von Stolz und Vorurteil. Es wird berichtet, wie die Ereignisse auf die Dienstboten wirken und wie sie deren Leben beeinflussen. Als Mr Collins beispielsweise zu Besuch kommt, versucht das Personal alles um einen guten Eindruck zu hinterlassen damit er sie übernimmt, falls er einmal das Anwesen bekommt. Wenn man Stolz und Vorurteil gelesen hat, weiß man immer an welcher Stelle sich die Geschichte gerade befindet. Das ist aber keine Voraussetzung um Im Hause Longbourn zu lesen. Für Fans ist es sehr schön die lieb gewonnenen Figuren wieder zu sehen, aber man kann auch ohne Vorkenntnisse problemlos der Geschichte folgen. Hier tritt nämlich die Handlung rund um Lizzy und Darcy in den Hintergrund und es wird zudem über das Ende von Stolz und Vorurteil hinaus erzählt. Es dreht sich darum, wie das Dienstmädchen Sarah ihren Platz in der Welt findet und wie sie versucht etwas gegen ihre Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben zu tun. Der Leser ist mit dabei, wenn Sarah sich selbst findet und erkennt worauf es für sie im Leben ankommt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die aufkeimende Liebesbeziehung zu dem Diener James. Die Geschichte erzählt auch, wie er seinen Platz und Frieden für sich selbst findet.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Im ersten werden die Hauptfiguren vorgestellt und man taucht in ihre Welt ein. Dieser Abschnitt ist noch recht unspannend, nicht langweilig, aber noch kann man das Buch aus der Hand legen. Der zweite Teil befasst sich hauptsächlich mit der Beziehung zwischen Sarah und James, dabei nimmt die Handlung zunehmend Fahrt auf. Der Höhepunkt kommt schließlich im dritten Teil. In diesem wird die Geschichte von James aufgedeckt und jetzt will man das Buch nicht mehr weglegen und einfach wissen, ob es noch ein Happy End gibt. Die Charaktere haben es sich allemal verdient. Im Gegensatz zu Stolz und Vorurteil ist die Handlung wesentlich dramatischer und ernster. Es werden Themen behandelt wie das Leben von Waisenkindern und Bastarden oder wie die zahlreichen Schattenseiten des Napoleonischen Krieges aussehen. Für mich war außerdem die Beziehung von Mr und Mrs Hill sehr interessant. Anhand dieser beschreibt Baker wie es aussehen kann, wenn das mit der großen Liebe nicht funktioniert und wie man trotz Verzicht dennoch zufrieden sein kann.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ich finde, dass die Geschichte auch ohne das Gerüst von Stolz und Vorurteil gut gelungen wäre. Andererseits wäre es dann gut möglich, dass ich es nicht in die Hand genommen hätte. Mein einziger Kritikpunkt ist, wie Baker die Ehe von Lizzy und Darcy dargestellt hat. Ich finde, dass Elizabeth zu sehr darauf bedacht ist, Darcy zu gefallen und dadurch an Selbstbewusstsein verliert. Da es sich dabei nur um einen winzigen Teil der Geschichte handelt, hat es meinem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch getan. Zum einen kann ich das Buch an Austen-Fans weiterempfehlen. Zum anderen ist es auch empfehlenswert für Leute, die gerne eine Liebesgeschichte zu Beginn des 19. Jahrhunderts lesen wollen, die mehr Drama aufweist als Austens Bücher.

Der Roman hat ein angenehmes Erzähltempo und innerhalb der knapp 450 Seiten steigt die Spannung stetig. Ein großer Pluspunkt der deutschen Übersetzung ist, dass die Anredeformen Mr, Mrs und Miss beibehalten wurden. Auch gefällt mir das deutsche Cover (Bild) besser als das Originalcover. Im Hause Longbourn ist gestern erschienen – also ab zum Bücherkauf.

Georgia

Autorin: Jo Baker
Buchtitel: Im Hause Longbourn
Übersetzung: aus dem Englischen von Anne Rademacher

Verlag: Knaus

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5 Gedanken zu “Über die Dienstboten der Bennets

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