Zieh den Kopf aus der Schlinge

henkerstochter

© Foto: Carmen, 2014

Was macht jemand, der literarisch begabt ist und ein Nachfahre einer bekannten Henkersfamilie? Er schreibt Geschichten über diese – spannende Geschichten. Also hab ich mich an einem verregneten Sonntag auf den fünften Band Die Henkerstochter und der Teufel von Bamberg von Oliver Pötzsch gestürzt und bis zum Abend ausgelesen.

Wie immer steht die Henkersfamlie Kuisl aus Schongau, dessen Nachfahre Oliver Pötzsch ist, im Mittelpunkt des Geschehens. Das sind vor allem der Henker Jakob Kuisl und seine Familie. Zu dieser gehören Magdalena – die Namensgeberin der Reihe – nebst Mann und Kindern, sowie die 15-jährigen Zwillinge Barbara und Georg, der seit zwei Jahren bei seinem Onkel Bartholomäus in Bamberg lebt und das Handwerk eines Scharfrichters erlernt. Dorthin sind die Kuisl’s unterwegs, um an der Hochzeit von Jakobs Bruder teilzunehmen und Georg wiederzusehen.  Bereits kurz vor Bamberg findet die Reisegesellschaft einen abgetrennten Arm – Jakob stellt für sich fest, dass hier jemand mit guten anatomischen Kenntnissen am Werk war.

So ziehen alle in Bamberg ein und sind gespannt auf die Braut des Onkels, denn diese ist von besserem Stand – eigentlich dürfen Henkersfamilien nur untereinander heiraten. Kaum angekommen, streiten sich die zwei Brüder, da sie noch ein großes privates Problem aus ihrer Kindheit mit sich herumtragen. Aber auch die Leichenteile häufen sich, denn es verschwinden ehrbare Frauen und Männer aus Bamberg, von denen einige tot wieder auftauchen, mit den Spuren von Folterungen. So haben Magdalena und ihr Vater Jakob mal wieder alle Hände voll zu tun, diese Morde aufzuklären. Da nachts verschiedentlich eine Gestalt im Fellkleid gesehen wird, ist bald von einem Werwolf die Rede. Jakob glaubt der Sache jedoch nicht und vermutet nur allzu menschliche Abgründe dahinter. Als dann auch noch der zukünftige Schwiegervater von Bartholomäus verschwindet, steht die Hochzeit auf dem Spiel und Jakob muss sich mit seinem Bruder zusammenraufen. Werden sie es schaffen, diesen lebend zu finden oder …

Natürlich gibt es ein gutes Ende, mit einigen Verlusten, wie immer spannend bis zum Schluss und mit Einblicken in die seelischen Abgründe der Menschen. Doch auch das Gefühlsleben der Hauptcharaktere wird dem Leser hier nahe gebracht. Sehr schön finde ich die Informationen über Bamberg und über die sozialen Strukturen eines Henkers. Es ist faszinierend, wie unterschiedlich der Umgang mit ihm gehandhabt wird. In Bamberg ist er ein „fast normales“ Mitglied der Stadt, wohingegen ein Henker sonst außerhalb der Stadt leben muss und nur unter seinesgleichen heiraten darf. In der Regel wird jeder verstoßen, der ihn aus Versehen berührt. Auch Magdalena, die Henkerstochter, heiratet über ihrem Stand – ihr Mann verzichtet aus Liebe auf eine Karriere als Arzt und darf nur noch als Bader arbeiten. Dass ein Scharfrichter meist auch Helfer in medizinischen Fragen war, was rege in Anspruch genommen wurde (er war billig), änderte nichts an seinem Status.

Vor allem die Hintergrundinformationen sind mir persönlich wichtig und bringen mir die Figuren nahe. So hat sich Jakob Kuisl seine Menschlichkeit bewahrt und „hilft“ manchem Opfer mit Betäubungstränken, um Schmerzen während der Folter oder Hinrichtung zu lindern.

Wer jetzt neugierig geworden ist, sollte sich das Buch holen. Noch besser, auch die anderen Teile, die alle mit Die Henkerstochter anfangen.  Na dann, viel Spaß beim Lesen!

Carmen

Autor: Oliver Pötzsch
Buchtitel: Die Henkerstochter und der Teufel von Bamberg

Verlag: Ullstein Taschenbuch

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