Ein Drachenreiter auf der Suche nach Gerechtigkeit

© Foto: Ilke, 2014

© Foto: Ilke, 2014

Drachen – für mich der Inbegriff für Stärke und Unabhängigkeit; sie sind edel, wild und unangepasst. Als ich den Film zu Eragon sah, war ich ziemlich enttäuscht über die Rolle, die die Drachen einnahmen: abhängig von ihrem Menschen, sogar etwas unterjocht. Meine Meinung änderte sich, als Katrin mir erzählte, dass die Beziehung von Drachen und Menschen in der Buchvorlage vielschichtiger ist, und dass die Wesen von ihrer alten Macht nichts eingebüßt haben. Ich war neugierig und beschloss, der vierbändigen Buchreihe eine Chance zu geben. Bloß gut, sonst hätte ich viel verpasst.

Seit Jahrhunderten wird das Land Alagaesia vom mächtigen und grausamen Drachenreiter König Galbatorix regiert. Weit abgeschieden von der Hauptstadt lebt der fünfzehnjährige Eragon, ein einfacher Bauernjunge, bei seinem Onkel Garrow und seinem Cousin Roran am Rande des kleinen Dorfes Carvahall in den Bergen. Während eines Jagdausfluges findet er durch Zufall einen schönen blauen Stein. Kurzerhand nimmt er ihn mit nach Hause, nichts ahnend, dass dieser Fund sein Leben radikal ändern wird. Der geheimnisvolle Stein ist ein Ei, aus dem eines Nachts ein wunderschöner, blauer Drache schlüpft. Nach der ersten Berührung stellt Eragon verwundert fest, dass er nun eine emotionale und gedankliche Verbindung mit dem Wesen besitzt. Doch die Freude über diese Entdeckung währt nicht lange: der Hof wird von einigen Ra’zac – vogelartige Wesen, die im Dienste des Königs Galbatorix stehen – angegriffen und Garrow dabei getötet. Eragon und seine Drachendame Saphira machen sich auf, die Mörder zu stellen. Brom, der Geschichtenerzähler des Dorfes, begleitet sie und erzählt von den längst verstorbenen Drachenreitern, die einst über das Land herrschten, von Galbatorix‘ Verrat und seiner Machtergreifung. Eragon erkennt, dass er die Künste und Fertigkeiten eines Drachenreiters erlernen muss. Es beginnt eine lange Reise, die zu der Rebellengruppe der Varden und zu den Völkern der Zwerge und Elfen führt. Dabei begegnet er späteren Gefährten und Freunden wie dem Zwerg Orik oder der Elfendame Aria. Einen Teil des Weges geht Eragon mit Murtagh, dessen Rolle er noch nicht ahnen kann. Währenddessen braut sich eine große Rebellion an vielen verschiedenen Orten zusammen. Eine entscheidende Schlacht gegen König Galbatorix ist unausweichlich, denn seine Herrschaft wird immer grausamer und boshafter.

Christopher Paolini erschuf mit seinem Eragon-Zyklus eine komplexe Fantasywelt mit vielfältigen Wesen und Völkern. Für die Zwerge, Elfen und Urgals erdachte er eine eigene Sprache, die stetig erweitert wurde. Um dabei nicht den Faden zu verlieren, sind die wichtigsten Worte und Redewendungen in jedem Band aufgelistet. Zusätzlich befindet sich eine Landkarte von Alagaesia auf der ersten Seite. Etliche Wesen sind dabei nicht neu: Zwerge, Elfen und Drachen gibt es in ähnlicher Form und mit ähnlichen Konflikten bereits in anderen Fantasygeschichten. Das finde ich allerdings nicht schlimm, man braucht schließlich das Rad nicht immer neu zu erfinden und kann sich bereits bestehender Figuren bedienen und diese erweitern. Die Besonderheit der Welt von Alagaesia macht die emotionale Verbindung von Drachenreiter und Drachen aus. Der Drache entscheidet, bei wem er schlüpft, sei es Mensch, Elf oder etwas anderes. Drache und Reiter sind Freunde, Gefährten, Kritiker. Beide ergänzen sich und lernen gleichzeitig voneinander, durch die telepathische Verbindung teilen sie Gedanken und Gefühle. Der Tod des einen bedeutet einen schweren Verlust, als würde ein großer Teil von einem selbst sterben.

Die Gesamthandlung erstreckt sich über vier Bände. Meiner Meinung nach hätte der Geschichte eine Straffung gut getan. Manche Passagen ziehen sich wie Kaugummi: ewig lange Landschaftsbeschreibungen der Wanderschaft oder Tätigkeitsbeschreibungen, wie die detailreiche Herstellung einer Waffe, finde ich persönlich langweilig und überfliege sie deshalb auch gern. Dagegen konnte ich bei den actionreichen Sequenzen gar nicht mehr aufhören zu lesen und wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Teilweise musste ich mich zwingen, das Buch aus der Hand zu legen, teilweise kämpfte ich mich durch die langatmigen Passagen.

Ab dem zweiten Band spielt Eragons Cousin Roran eine tragende Rolle. Die Handlung teilt sich auf in die Ausbildung von Eragon zum Drachenreiter und die Erlebnisse von Roran und den übrigen Dorfbewohnern, die mit den Konsequenzen von Eragons Entscheidung leben müssen. Diese Teilung gefiel mir sehr gut, ich habe die Passagen über Roran sogar mit wesentlich mehr Spannung und Begeisterung verfolgt als die von Eragon. Während Eragon bei seiner Ausbildung lernt, seine Magie einzusetzen und zu beherrschen und was es bedeutet, die Verantwortung eines Reiters zu tragen, erfährt Carvahall die willkürliche, grausame Macht von Galbatorix und dessen Anhängern. Roran wird durch seinen Kampfgeist und Gerechtigkeitssinn zum Anführer und beschließt, sich nicht mehr vom Imperium unterdrücken zu lassen.

Die Charakterzeichung fand ich meist sehr gut gelungen, teilweise aber auch dürftig. Vor allem bei der Entwicklung der Hauptcharaktere hatte ich das Gefühl, dass alle Gefährten von Eragon eine größere Entwicklung durchmachten als er selbst. Er machte oft den Eindruck eines kleinen, unsicheren Jungen, der überfordert ist mit all der Verantwortung, die auf ihm liegt. Enttäuscht war ich auch von der Elfin Aria, die hundert Jahre alt ist und Diplomatin von Beruf, oft aber unreif und egoistisch agiert, vor allem, wenn es um Eragon geht. Sehr schade fand ich ebenfalls, dass meinen Lieblingsnebenfiguren Murtagh, Elva und Angela so wenig Aufmerksamkeit des Autors geschenkt wurde. Ich hätte gern mehr über ihr Leben und ihre Beweggründe gelesen. Es ist den Büchern anzumerken, dass Paolini, als er den ersten Roman schrieb, fünfzehn Jahre alt war. Nicht nur in der Charakterzeichnung, sondern auch am Schreibstil, der teilweise sehr einfach gehalten wurde. Dies hat mich aber nicht gestört.

Insgesamt finde ich die Reihe trotz der Kritikpunkte gelungen. Mir gefiel die Vielschichtigkeit der Drache-Reiter-Beziehung sehr gut, die kleinen Streitereien und Liebenswürdigkeiten zwischen Eragon und Saphira. Die Geschichte bietet eine Vielzahl von Charakteren, die nicht stumpf in Gut und Böse eingeteilt werden, sondern die eine Bandbreite von Abstufungen davon abdecken. Ich wollte immer wissen, wie es weitergeht und habe mit den Figuren mitgefiebert. Am Ende mochte ich sie nicht so recht gehen lassen, doch jedes Ende ist zugleich auch ein neuer Anfang.

Ilke

Autor: Christopher Paolini
Buchtitel: Eragon: Das Vermächtnis der Drachenreiter, Im Auftrag des Ältesten, Die Weisheit des Feuers, Das Erbe der Macht
Verlag: Taschenbuch von blanvalet; Hardcover von cbj

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