Wer die Nachtigall stört …

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© Foto: Karoline, 2014

Mit 16 Jahren habe ich mich an die große Weltliteratur herangewagt. Ich dachte ich hätte ein Alter erreicht, in dem ich nun alles verstehen würde und stürzte mich auf einen Klassiker nach dem anderen – so auch bei Wer die Nachtigall stört. Die Autorin Harper Lee hatte schließlich den Pulitzer-Preis bekommen, da konnte das Buch in meinen Augen ja nur vielversprechend sein. Knapp zehn Jahre später fälle ich das gleiche Urteil wie damals: Dieses Buch ist ein unbedingtes Muss für jeden, der sich über Diskriminierung informieren möchte und gleichzeitig ist es doch so viel mehr.

In den 1930er Jahren wachsen Jem und Scout als Bruder und Schwester in einem kleinen Ort innerhalb des südlichen US-Staates Alabama auf. Ältere Bewohner reden sogar noch aus erster Hand über den Bürgerkrieg und so ziemlich jeder scheint die schwarze Bevölkerung als minderwertig zu betrachten – jeder, bis auf ihren Vater Atticus Fink, den alleinerziehenden Vater und Rechtsanwalt des Örtchens.

Der erste Teil des Buches liest sich wie die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Jem und Scout freuen sich wie jeden Sommer auf den jährlichen Besuch ihres Freundes Dill, mit dem sie Unsinn anstellen und der über eine blühende Fantasie verfügt. Scout erlebt das erste und zweite Schuljahr und stellt fest, dass sie die Schule irgendwie doof findet. Sie kann bereits dank ihres Vaters schreiben und lesen und langweilt sich daher sehr. Ihr vier Jahre älterer Bruder Jem hingegen möchte unbedingt hinter das Geheimnis von Boo Radley kommen. Die Radleys sind eine zurückgezogen lebende Familie aus der Nachbarschaft, deren Sohn Arthur alias Boo seit Jahren nicht mehr außerhalb des Hauses gesichtet wurde. In den Spukgeschichten, mit denen sich die Kinder gegenseitig Angst einjagen, erzählen sie sich von Boo, der, zum Gespenst stilisiert, nachts an die Fenster klopft oder die Einwohner beim Schlafen beobachtet.

Der zweite Teil des Buches widmet sich dem Jahr 1938, in dem ein wichtiger Gerichtsprozess das Leben der ganzen Ortschaft verändert. Der schwarze Farmarbeiter Tom Robinson ist angeklagt die weiße 19-jährige Mayella Ewell, die mit ihrem Vater und ihren zahlreichen Geschwistern verarmt und verwahrlost neben der Mülldeponie wohnt, vergewaltigt zu haben. Pflichtverteidiger ist Atticus, der diesen Fall als wohl wichtigsten seiner Karriere beschreibt – nicht zuletzt, weil sein ganzes Herz an der Freilassung seines Mandanten hängt. Dabei dreht sich alles um die Fragen: Sind vor dem Gesetz wirklich alle gleich? Ist das Wort eines Schwarzen genauso viel Wert wie das eines Weißen? Oder macht die Gleichheit vor dem Gesetz bei den Geschworenen Halt? Scout betrachtet den Prozess aus ihrer kindlichen Sichtweise, erahnt jedoch an den Reaktionen ihres Vaters und Bruders, was alles auf dem Spiel steht – nichts weniger als das Leben des dreifachen Familienvaters Tom Robinson.

Ich konnte die Seelenqualen der Kinder und auch des Vaters in diesem Buch sehr gut nachvollziehen. Es hat mich wirklich mitgenommen, wie eklig Menschen zueinander sein können – was ich nicht zuletzt den guten Schilderungen der Autorin verdanke. Die Geschichte aus Sicht des unbedarften Mädchens Scout zu erzählen, das teilweise nicht so recht versteht wieso die Welt und die Menschen so grausam sind, war ebenfalls eine gute Wahl. So fragt sich Scout nicht zu Unrecht wie die Lehrerin so viel Mitleid mit den Juden in Deutschland haben kann und dabei die einheimischen Schwarzen so herablassend behandelt, dass man denken könnte, sie würde am liebsten gleich ihre Peitsche zücken. Besonders schlimm traf mich auch die Gemütsverfassung Jems, der bereits wesentlich mehr versteht als seine kleine Schwester und daher zum desillusionierten Teenager wird, der mehr vom Prozess versteht als ihm eigentlich lieb ist und er verkraften kann.

Eine Szene ist mir besonders im Gedächtnis haften geblieben. In der Nacht vor der Gerichtsverhandlung schlägt Atticus sein Lager vor der Zelle seines Mandanten auf, um sicher zu gehen, dass dieser die Nacht überlebt. Und prompt folgen auch die ersten gewaltbereiten Männer, die mich an Mitglieder des Ku-Klux-Klans erinnerten. Einzig und allein der Zufall in Form der kleinen Scout verhindern, dass es zu einem Blutbad kommt. Sie ist mit Jem und Dill heimlich hinterhergeschlichen und stürzt sich nun auf ihren Vater, damit er sie in den Arm nimmt. Dabei erkennt sie den Vater eines Mitschülers und beginnt aus Höflichkeit mit ihm über seinen Sohn zu reden. Die rachsüchtige Kreatur, die eben noch das Blut eines Schwarzes fließen sehen wollte, verwandelt sich wieder in einen liebenden Familienvater und sieht ein, dass sie vor einem kleinen Mädchen keine Schießerei anzetteln können. Alle begeben sich friedlich nach Hause.

Wer sich übrigens nun fragt, was es mit der im Titel beworbenen Nachtigall auf sich hat, so träfe der Spruch Man soll keine schlafenden Hunde wecken fast ebenso gut. Mehr kann ich leider nicht verraten, ohne zu viel vom Geschehen preiszugeben.

Das Buch liest sich vor allem im zweiten Teil sehr flüssig und spannend, während ich mir im ersten Teil eine größere Spannungskurve gewünscht hätte. Auch die Geschichte um Boo Radley findet noch ein Ende, sodass kein Handlungsstrang im Raum stehen bleibt. Alles in allem kann ich sagen, dass dieses Buch meinen Gerechtigkeitssinn für die nächste Zeit massiv gestärkt hat.

Leider, leider ist ein großer Kritikpunkt die mangelnde Korrektur der Rechtschreibung. Ich habe selten so viele Fehler in einem Buch gesehen und hoffe der Verlag hat sich bei den nachfolgenden Auflagen mehr Mühe gegeben.

Karoline

Autorin: Harper Lee
Buchtitel: Wer die Nachtigall stört…
Verlag: Rowohlt Verlag

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