Die Partei hat immer Recht!

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© Foto: Ilke, 2014

Im vermuteten Jahr 1984 (denn verlässliche Aufzeichnungen gibt es nicht) besteht die Welt aus drei großen Mächten: Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Ozeanien (bestehend aus den ehemaligen Staaten Amerika, Großbritannien, Australien und dem südlichen Afrika) befindet sich im Krieg mit einer der beiden Parteien. Welche von beiden das gerade ist bestimmt willkürlich die Partei. Wer genau zur Partei gehört, weiß niemand, aber das stellt auch keiner infrage. Wichtig ist nur, dass der Große Bruder das Gesicht der Partei ist. Wichtig ist auch, dass der Große Bruder bzw. die Partei immer Recht hat. Immer!

Die Handlung spielt in London, das ziemlich heruntergekommen ist. Winston Smith ist ein Mitglied der äußeren Partei und arbeitet im Wahrheitsministerium. Sein Job besteht darin alte Zeitungsmeldungen, die mit aktuellen Ereignissen nicht übereinstimmen, zu korrigieren, also neue, passende Meldungen zu verfassen. Die alten werden vernichtet. Nach und nach beginnt Winston, diese offene Manipulation der Wirklichkeit und das herrschende System an sich infrage zu stellen. Weiterhin umgeht er die totale Überwachung, indem er ein Tagebuch beginnt und sogar eine Liebesbeziehung zu einer Frau anfängt. Gerüchten zufolge soll es eine Widerstandsbewegung geben, der sich beide schlussendlich anzuschließen versuchen. Doch der Große Bruder sieht zu …

Wer sich mit Dystopien beschäftigt, kommt an dem Roman 1984 von George Orwell nicht vorbei. Obwohl das Buch bereits 1946-1948 entstand, hat es durch seine Beschreibung eines totalitären Überwachungsstaates erschreckende Aktualität. Einige Gesellschaftsstrukturen und technische Möglichkeiten, die in den 40er Jahren reine Fiktion waren, sind denen unserer Zeit sehr ähnlich: so gibt es Televisoren, die nicht nur Filme abspielen, sondern auch Bilder und Töne aufzeichnen und eine sofortige Interaktion ermöglichen. Die von Orwell erschaffene Welt ist von Angst, Hass und Misstrauen geprägt, gleichzeitig aber auch von Liebe für den Großen Bruder. Alle anderen positiven Gefühle werden systematisch ausgelöscht: es darf keine romantische Beziehung zwischen Mann und Frau geben, keine Bindung zwischen Eltern und Kinder, kein Glück, keine Freude. Jeglicher Widerstand wird sofort unterbunden und getilgt. Diese sogenannten Gedankenverbrecher werden nicht einfach nur getötet, ihre Existenz wird vollständig gelöscht. Da die Partei Kontrolle über sämtliche Medien hat und Meldungen stets anpasst, wird der Name des Verbrechers überall ausradiert. Dies geschieht offen vor den Augen der Menschen, die zu abgestumpft oder zu ängstlich sind, um etwas dagegen zu sagen oder zu tun.

Der Roman ist harter Stoff, den man aufgrund der Parallelen zur heutigen Zeit nicht einfach als weit entfernte, gesponnene Zukunftsvision abtun kann. Beim Lesen hatte ich dadurch teilweise ein recht beklemmendes Gefühl und durch kleine Andeutungen in der Geschichte war schnell klar, wie es mit Winston weitergehen wird. Gut gefallen hat mir der Kampf von Winston gegen das System. Im Gegensatz zu vielen anderen Dystopien, die heutzutage aus dem Boden sprießen, sind es bei Winston eher kleine Gesten, die seinen Widerstand zeigen. Dazu zählt der Kauf eines antiken Briefbeschwerers, der zur reinen Dekoration dient, oder ein kurzes, verstecktes Händchenhalten in der Menge. Weiterhin hat mir gut gefallen, dass sich die Ereignisse nicht nur auf London beschränken, sondern die außenpolitische Situation erklärt wird. Der Leser erfährt nicht nur etwas über die Situation in Ozeanien, sondern auch wie es um den Rest der Welt steht. Dieser Punkt fehlt mir oft in anderen Dystopien. Den Schreibstil des Romans fand ich angenehm, auch wenn die Worte im Neusprech, der angestrebten Sprache in Ozeanien, gewöhnungsbedürftig waren. 1984 bietet eine gute, wenn auch merkwürdig gruselige Unterhaltung, die dazu zum Nachdenken anregt.

Mein Exemplar ist ein gebrauchtes von 1973. Aktuelle Ausgaben gibt es von Ullstein und Heyne. Weiterhin gibt es zwei Verfilmungen. Die aktuellste erschien, wie könnte es anders sein, im Jahr 1984.

Ilke

Autor: George Orwell
Buchtitel: 1984
Verlag: Diana Verlag Zürich

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4 Gedanken zu “Die Partei hat immer Recht!

  1. schnipseltippse schreibt:

    Ooooh, das ist ein so gutes Buch, dass ich es sogar damals im Englisch-Unterricht gern nochmal gelesen habe.
    Leider finde ich die Verfilmung sehr tröge. Da hätte man mehr draus machen können. Vielleicht wagt sich ja nochmal ein anderer Regisseur dran, das würde mich freuen.
    Sehr empfehlenswert ist übrigens auch „Farm der Tiere“ von Orwell.
    Zwei Klassiker, die man wirklich gelesen haben sollte 🙂
    Vielen Dank und Grüessli

    • Ilke schreibt:

      Sowas tolles haben wir im Englischunterricht leider nie gelesen. Schön, dass dir das Buch auch gefallen hat.
      Die „Farm der Tiere“ finde ich auch sehr gut. Die Zeichentrick-Verfilmung hatte mir als Kind gefallen; viele Jahre später habe ich mir auch das Buch geholt. Es ist ebenfalls sehr lesenswert, da hast du recht. 🙂

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