Als Anders einfach anders war

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© Foto: Karoline, 2014

Es ist sein elfter Geburtstag, als Felix diesen schrecklichen Unfall hat. Erst bekommt er die Geburtstagsdeko, die sein Vater gerade aufzuhängen versucht, gegen den Kopf, anschließend wird er von seiner Mutter umgefahren. Als Felix Monate später wie durch ein Wunder aus dem Koma erwacht, hat sich einiges für ihn geändert. Nicht nur, dass er nun eine lokale Berühmtheit ist und viele Leute an seinem Schicksal Anteil genommen haben. Nein, er hat auch sein komplettes Gedächtnis verloren. Er kann sich zwar erinnern, was das Wort Familie bedeutet, jedoch kommt ihm seine eigene so überhaupt nicht bekannt vor.

Für seine unflexible Mutter bricht eine Welt zusammen, für den Vater jedoch eröffnet sich die Gelegenheit, seinen Sohn endlich mal so richtig von Grund auf kennenzulernen. Doch Felix fühlt sich auch nicht mehr wirklich wie ein Felix – eher wie ein Anders. Und anders ist er wirklich: Er sieht jede Person nun in einer farbigen Aura und kann instinktiv die Krankheiten bei seinen Mitmenschen erkennen. Auch in Mathematik ist er nun viel besser, obwohl er doch vor dem Unfall erhebliche Probleme hatte. Das hindert ihn jedoch nicht daran, sich mit seinem früheren Nachhilfe-Lehrer Herrn Stack anzufreunden. Gemeinsam mit dem Vater bauen sie für die Henne Romy und viele neue Hühner einen Hühnerstall. Alles könnte in Ordnung sein – wenn sich seine früheren Freunde Nisse und Ben nicht so komisch verhalten würden. Und was ist das eigentlich für eine mysteriöse geschützte Datei auf seinem Laptop? Ob er sich jemals wieder an das Passwort erinnern wird? Wieso kann ihm niemand eine Antwort darauf geben, warum er am Tag des Unfalls so verwirrt war?

Ich bin ein großer Andreas Steinhöfel-Fan. Mit Begeisterung habe ich die Bücher über Rico und Oskar gelesen. Daher war ich auf diesen Band vom Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreises besonders gespannt. Anders als bei der Rico und Oskar-Reihe ist Anders kein durch und durch sympathischer Protagonist – dazu ist er viel zu seltsam und undurchschaubar. Trotzdem war ich von Anfang an in der Geschichte gefangen und konnte das Buch einfach nicht beiseitelegen. Die Spannungskurve war dabei ganz unterschwellig. Der Leser erfährt in einem gemächlichen Erzähltempo von Anders alias Felix und seinem Weg zurück in den Alltag. Trotzdem schwingen die ungeklärten Fragen immer wieder wie ein Damoklesschwert über der Geschichte und treiben sie unaufhaltsam voran. Sehr gelungen finde ich auch wieder einmal Steinhöfels Charakterzeichnung der Figuren. Herrlich wird beispielsweise die schrullige Mutter beschrieben. Hier eine Kostprobe:

Menschen wie Melanie Winter zerrten einen, ohne mit der Wimper zu zucken, wegen irgendeiner Petitesse vors nächste Zivilgericht.
Entschuldigen Sie, aber ich glaube, Ihr Atem hat soeben meine Braue gebleicht.
Etwa in dieser Art.
Fürchterliche Frau.

Andreas Steinhöfel, Anders, S. 168

Besonders lesenswert sind auch einige sehr bildlich geschilderte Tagträumereien der Figuren. So trifft die Nachbarin Frau Hensel Anders auf der Dorfbrücke. Während des Gesprächs muss sie an eine Vision denken, die sie einst als junge Frau hatte. Dort überschüttete sie den dreckigen, modrigen Fluss des Örtchens mit Reinigungsmitteln, sodass ein wohlriechendes Meer aus Seifenblasen, die wie ein Regenbogen funkelten, entstand. Diese Bilder im Kopf sind einfach unbezahlbar!

So spannend die Geschichte auch geschrieben sein mag, bin ich jedoch sehr zwiegespalten beim Ende. Einerseits finde ich den Ausgang der Geschichte durchaus realistisch und nicht übertrieben. Andererseits wird die Nebenfigur, die mir am meisten am Herz gelegen hat, sehr hart getroffen und ich werde leider nie wissen, ob sie sich davon erholen konnte. Diese Tatsache ließ mich mit sehr gemischten Gefühlen zurück.

Anders erscheint im ersten Verlagsprogramm des neuen Carlsen-Imprints Königskinder. Mit der Gestaltung haben sie wahrlich hohe Ansprüche gesetzt. Während das Cover relativ schlicht in Weiß gehalten ist, entfaltet sich die wahre Schönheit beim Aufschlagen des Buches. Lesebändchen, die Illustrationen von Peter Schössow, Seitenzahlen sowie Textabschnitte sind mit der Farbe Gold akzentuiert. Obwohl mich das Ende nicht gänzlich zufrieden stellt, so hat mich das Erscheinungsbild des Buches doch definitiv nachhaltig beeindruckt! Wer sich einmal in den Anfang vertiefen möchte oder einfach nur die tolle Aufmachung bewundern will, kann sich gern die Leseprobe auf der Verlagsseite anschauen.

Karoline

Autor: Andreas Steinhöfel
Buchtitel: Anders
Verlag: Königskinder Verlag

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8 Gedanken zu “Als Anders einfach anders war

  1. Kathrin schreibt:

    Oh, das Buch wartet hier auch schon seit fast zwei Monaten darauf, rezensiert zu werden. Danke fürs Erinnern 🙂

    Für mich war „Anders“ das erste Steinhöfel-Buch und ich war ganz hin und weg. Herr Stack ist mir ja besonders ans Herz gewachsen und seine Geschichte hat mich so berührt …

    • Karoline schreibt:

      Jaaaaaa! Herr Stack war auch meine Lieblingsfigur!!!! Wenn dir das Buch gefallen hat, musst du UNBEDINGT noch die „Rico und Oskar“-Reihe lesen. Die ist wirklich soooo liebevoll geschrieben und es ist auch etwas für jede Altersgruppe… Die Reihe war sogar was für meine Oma:)

      • Kathrin schreibt:

        „Rico und Oscar“ kannte ich ja, zugegebenermaßen, bis zur Verfilmung gar nicht und bis jetzt dachte ich auch immer, dass die Bücher eher Jungs ansprechen. Aber wenn du sagst, dass sie wirklich etwas für alle Altersgruppen und Geschlechter sind, muss ich mich wohl doch mal näher mit der Reihe beschäftigen 🙂

        Kannst du sonst noch etwas anderes von Herrn Steinhöfel besonders empfehlen?

    • Karoline schreibt:

      Sexy, nicht wahr;) hab ihn extra mal aktiver ins Bild eingebunden und er macht so eine super Figur *miau*

  2. Desirée Löffler schreibt:

    Ich bin so gespannt auf dieses Buch, und jetzt hast Du mir noch mehr Lust gemacht! Kennst Du „Die Mitte der Welt“ von Steinhöfel? Fand ich persönlich noch toller als Oscar und Rico (von denen ich aber auch nur einen Band kenne).

    • Karoline schreibt:

      Oh, tatsächlich hab ich von dem Buch zwar gehört, es aber noch nie gelesen! Das heißt, du kannst es mir empfehlen? Dann würde ich es mir mal zu Gemüte führen:) und ich freue mich sehr, wenn ich die Spannung noch einmal steigern konnte;)

      • Desirée Löffler schreibt:

        Absolut, es ist eins meiner Lieblingsbücher. Ganz zart und sensibel, witzig und trotzdem melancholisch. Also Du siehst: Ich finde es echt toll!

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