Eine Schlacht zwischen Licht und Schatten

wpid-20141117_085826.jpg

© Foto: Karoline, 2014

Wenn ich an Russland denke, fallen mir immer als erstes die schier unendlichen Weiten Sibiriens ein. In meiner Fantasie male ich mir diese von Menschen verlassene Region stets als eine trübe, düstere Steppe aus. Damit steht sie im krassen Gegensatz zu meiner zweiten Assoziation: dem Zarenreich. Prunkvoll und eigentlich fast immer blutig war es dort. Ob Moskau oder Sankt Petersburg, alles in meinem Kopf ist in den Farben Gold und Rot gehalten. Einfach alle Menschen sind in schillernde Gewänder gehüllt und es gibt riesige Buffets mit exotischen Tieren als Deko, aber auch blutige Schlachten zwischen Männern mit Gewehren und langen Bärten.

In der Trilogie Grischa von Leigh Bardugo erwacht genau dieses Kopfkino wieder zum Leben. Gekonnt stellt die Autorin diese starken Gegensätze einander gegenüber und erzeugt damit ein so authentisches als auch komplexes Fantasie-Russland, dass man es doch fast für echt halten könnte.

Die Welt

Das ist es jedoch nicht. Es gibt zwar einen Zaren, der verschwenderische Feste feiert, und zwei Armeen, die ihm treu ergeben sind. Außerdem gibt es die Schattenflur – ein durch finstere Magie entstandenes schwarzes Loch. Wo einst Dörfer und Städte waren, breitete es sich aus, zerstörte alles Leben und teilte das Zarenreich in zwei Hälften. Trotz der Schwärme von Volkra, gargoyle-ähnliche Wesen, die sich wie besessen auf Menschen stürzen, durchqueren zahlreiche Sandschiffe diese Ödsee. Sie bildet den wichtigsten Handelsweg des Reiches, verbindet sie doch den Westen inklusive Zarensitz mit dem Osten und damit dem Zugang zur echten See miteinander.

Um eine unbeschadete Überfahrt auf den Sandschiffen (auch Skiffs genannt) zu garantieren, gibt es die Vertreter der Zweiten Armee – die Grischa. Sie haben die Fähigkeit bestimmte Teilchen zu mehren und können somit Wind, Feuer und Wasser beschwören, aber auch Metall bearbeiten und Menschen manipulieren. So schaffen die Feuermehrer helle Flammen, vor denen die lichtscheuen Volkras fliehen, während die Windmehrer die Überfahrt beschleunigen. Besonders hervorstechend ist der Anführer der Grischa, der von allen nur Der Dunkle genannt wird. Er besitzt die einzigartige Gabe die Dunkelheit hervorzurufen. Einer Legende nach ist sein Vorfahr verantwortlich für die Katastrophe der Schattenflur. Nun versucht er den Schaden zu beheben und den Zar nach Leibeskräften zu unterstützen.

Die Charaktere

Die Hauptheldin dieser Trilogie heißt Alina Starkowa. Gemeinsam mit ihrem besten Freund Maljen wuchs sie in einem ärmlichen Waisenhaus auf und dient nun als Kartenleserin im Regiment des Zaren. Sie ist unscheinbar, kraftlos und auch nicht besonders hübsch. Ganz anders als ihre heimliche Liebe Maljen, der als einer der besten Fährtenleser im Regiment gilt und auch als Frauenschwarm berüchtigt ist.

Als sie bei ihrer ersten Fahrt über die Ödsee von einem Schwarm Volkra angegriffen werden, kann Alina ihren besten Freund nur retten, indem sie sich schützend über ihn wirft. In dem Moment bricht sich etwas in ihr Bahn und sie erhellt die Schattenflur mit ihrem Leuchten. Nur knapp dem Tod entronnen, wird Alina nach Ankunft am Hafen, dem Dunklen vorgeführt. Er ist davon überzeugt, dass Alina die erste Sonnenkriegerin seit vielen Generationen ist. Durch die Fähigkeit Licht hervorzurufen, bildet sie das komplette Gegenstück zum Dunklen. Kurzerhand wird sie in der Akademie der Grischa aufgenommen. Dort lernt sie neben den Kampfkünsten auch den handgerechten Umgang mit ihrer Fähigkeit – ein sehr frustrierendes, da beschwerliches Unterfangen.

Doch was wurde aus Maljen? Er überlebte zwar den Angriff der Volkra, wurde aber aus Alinas Leben entfernt. Nach Monaten des Briefeschreibens gibt Alina frustriert den Kontaktversuch auf und wendet sich dem Dunklen zu – der mit seiner geheimnisvollen Ausstrahlung durchaus verführend wirken kann. Beim großen Frühlingsfest des Zaren wird Alina der Allgemeinheit als neue Sensation vorgestellt. Als sie dann auch noch unverhofft auf Maljen trifft, gerät ihr Weltbild endgültig aus den Fugen. Was hat er hier zu suchen? Ist er wegen ihr hier oder wegen des geheimnisvollen Auftrags des Dunklen? Und ist der Dunkle wirklich der gute Freund, der er vorgibt zu sein oder steckt eine ganz andere Motivation dahinter? Für wen von beiden wird sie sich entscheiden?

wpid-20141117_090143.jpg

Auch ohne Schutzumschlag ein echter Hingucker. © Foto: Karoline, 2014

Leigh Bardugo hat eine wunderbare Welt abseits der alltäglichen amerikanischen Fantasy geschaffen. Ihr Schreibstil ist mitreißend, sodass ich die drei Bücher innerhalb weniger Tage (und einiger Nachtschichten) durchgelesen hatte. Vereinzelt hatte es ein paar Längen, die ich aber schnell überlesen hatte. Alina bildet eine starke Protagonistin, die auch unliebsame und harte Entscheidungen zu treffen hat. Besonders gut gefallen haben mir auch die zahlreichen Nebencharaktere, die liebevoll gezeichnet wurden. So zählen die beiden Lehrer an der Grischa-Akademie – Baghra und Botkin – zu meinen absoluten Lieblingen. Baghra ist eine alte, schrumpelige Frau, deren genaues Alter wohl nicht einmal sie kennt. Sie mault eigentlich die ganze Zeit nur herum und pocht darauf, dass sie in Ruhe gelassen werden möchte. Und doch steckt hinter dieser rauen Schale ein weicher, herzlicher Kern, der Alina hilft, ihre Kräfte besser zu kontrollieren. Botkin hingegen hat einen charmanten Akzent und scheucht Alina tagein tagaus durch die Pampa, damit sie endlich mal etwas Kondition bekommt. Für seine schonungslose, aber konsequente Art des Unterrichts wird er von seinen Schülern gleichermaßen gefürchtet und geliebt.

Interessante Charaktere kann auch der zweite Teil bieten. Dort erscheint Sturmhond, ein unerschrockener Pirat, mit seiner Crew auf der Bildfläche, unter ihnen auch die Zwillinge Tolja und Tamar. Sie alle haben nicht nur ein Geheimnis zu hüten und verbreiten daher bis zum Ende hin immer einen Hauch des Mysteriösen.

Innerhalb dieses Universums gibt es zwei Auskopplungen, die der Verlag als exklusive E-Books veröffentlicht hat. Die Hexe von Duwa und Der allzu schlaue Fuchs sind kurze Märchen, die an die russischen Klassiker erinnern.

Bei der Covergestaltung der Trilogie gefällt mir das minimalistische Design der Schutzumschläge besonders gut. Das dezente Weiß symbolisiert reine Helligkeit und lässt gleichzeitig die Mottofarbe des jeweiligen Bandes umso mehr hervorstechen. Auch ohne Schutzumschlag können sich die Bücher meiner Meinung nach sehr gut sehen lassen. Abgerundet wird das Ganze von farblich passenden Lesebändchen. Ein Hingucker für jedes Regal und absolut lesenswert!

Karoline

Autor: Leigh Bardugo
Buchtitel: Grischa Goldene Flammen, Eisige Wellen, Lodernde Schwingen
Verlag: Carlsen
Dankeschön: an die beiden Herren vom Carlsen Multimarkt, die mich erst auf dieses Buch aufmerksam machten

Advertisements

Ein Gedanke zu “Eine Schlacht zwischen Licht und Schatten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s