Geheiratet wird immer und überall

Young Bride's Story Cover

© Foto: Bettina, 2015

Manchmal ist das Entdecken neuer Dinge wie der sprichwörtliche Fall in den Kaninchenbau. Da rumpele ich holterdiepolter zum ersten Mal über ein Shojo Manga, taumele weiter und falle – platsch – in einen wohligen Anime, um dann schließlich mit der Nase zuerst auf Young Bride’s Story zu landen. Wie sich herausstellt: Dies ist definitiv der Weg ins Wunderland!

Die Reise durch das Wunderland beginnt in diesem Fall in einem Dorf in Zentralasien im 19. Jahrhundert, dem Zuhause des Eyhon-Clans. Es wird gefeiert, denn soeben hat der 12-jährige Karluk geheiratet. Seine Braut Amira ist bereits 20 Jahre alt und stammt aus einem Clan der, im Gegensatz zu den Eyhons, noch halbnomadisch lebt. Sie findet sich trotz dieser Unterschiede schnell in die Familie ein und die beiden beginnen sich kennen und schätzen zu lernen. Doch ihr Leben wird in Aufruhr gebracht als Amiras Clan sie zurückfordert und an einen anderen Mann verheiraten will.

Dies ist nur eine der vielen Geschichten, die Young Bride’s Story geschickt zu einem Ganzen verwebt. Amira und Karluks Erzählung bildet einen von zwei Hauptsträngen, die sich durch das Manga ziehen. Dabei dreht sich selbst hier nicht alles ständig um die beiden. Bald sind die benachbarten Familien, der gesamte Eyhon-Clan und später auch Amiras Familie, die Halgals, wohlbekannte Akteure. Wir lernen Pariya, die Tochter einer befreundeten Familie kennen, deren Persönlichkeit eine liebenswerte Mischung aus schüchtern und ruppig ist. Da ist Balkirush, die Matriarchin der Eyhons, die auch mal mit Pfeil und Bogen zeigt wo die Tür ist, die Falken liebende Tireke oder Rostem, der stundenlang beim Schnitzen zusehen kann. Jeder bietet einen kleinen Einblick in eine neue Welt, öffnet die Tür noch einen Spalt mehr.

Den zweiten Hauptstrang bilden dann die Erlebnisse des englischen Forschers Mr. Smith und seine Reise zurück nach Großbritannien. Ist er zu Beginn noch Gast des Eyhon-Clans, macht er sich später auf den Weg zu einem Hafen am Mittelmeer, denn die politische Lage der Region ist mehr als brenzlig und wird für ihn immer unsicherer. Auf dem Weg begegnet er Menschen in Fischerdörfern und Städten, wird verhaftet, verliebt sich und schreibt so manche Beobachtung in sein allgegenwärtiges Notizbuch. Diese Episoden bieten einerseits eine schöne Abwechslung zu der Geschichte um Amira und Karluk und lassen die Spannung steigen, denn man weiß selten wann der nächste Szenenwechsel stattfinden wird. Andererseits erweitern sie den Eindruck, den man von dieser riesigen Region und ihren vielfältigen Menschen und Kulturen gewinnt. So streift man niemals nur eine Art Umgebung, lernt nur eine Art Familie kennen oder nur eine Lebensweise.

Der für uns eher ungewohnte Schauplatz ist, soweit ich das beurteilen kann, gut recherchiert und realitätsnah umgesetzt. Zugegeben: der Gedanke ist verstörend, dass man hier über die Heirat von Kindern oder zumindest Teenagern liest, aber dies scheint zumindest historisch begründet. Obwohl die Geschichten bis jetzt einen sehr positiven Unterton haben, wird das Leben der Protagonisten nicht übertrieben romantisiert. Es werden unter anderem unglückliche Ehen, Konflikte zwischen Familien, der Druck zu Heiraten und die schwere Arbeit angesprochen.

Der Autorin Kaoru Mori gelingt es mit ihren wahnsinnig detaillierten Zeichnungen und ihrer bedachten Erzählweise ihre Schauplätze zum Leben zu erwecken. Dass eine solche Zeichenqualität überhaupt in einem Serienformat aufrechterhalten werden kann, ist eine erstaunliche Leistung. Wer mich außerdem noch dazu bringt mich in die Kleider der Protagonisten zu verlieben, mir geschnitzte Türrahmen zu wünschen und am besten schon heute die Taschen für eine Reise packen zu wollen, gehört ins Herz geschlossen. Die Erzählung hat zwar ein meist eher ruhiges Tempo, aber trumpft mit ihrer Fülle an Themen auf. Besondere Wertschätzung erfahren hier meiner Meinung nach die Handwerkskünste und die Lebenswelt der Frauen. Vom Brotbacken, Schnitzen, Sticken und Tiere hüten bis zum Jagen, Kochen und dem Familienbesuch ist alles dabei.

Ist man einmal in das Wunderland von Young Bride’s Story abgetaucht, fällt es schwer sich wieder davon zu lösen. Das nagende Gefühl, endlich wissen zu wollen wie es denn nun mit diesem und jenem weitergeht, hat einen gepackt. Man wartet auf den nächsten Akt des Stückes, die nächste Hochzeit, die nächste Stadt und bekommt doch nie genug. Da gibt es nur eine Lösung: Bände auf Vorrat kaufen und Geduld haben.

Bettina

Autorin: Kaoru Mori
Buchtitel: Young Bride’s Story
Verlag: Tokyopop

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