Überredung für Anfänger

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© Foto: Katrin, 2015

Als eingefleischte Janeite höre ich es gar nicht gern, wenn jemand die Romane meiner Lieblingsautorin verschmäht. Das allseits bekannte Stolz und Vorurteil war definitiv meine erste große Leidenschaft. An der Genialität dieses Meisterwerks messe ich noch immer andere Titel des Genres. Meine Bewunderung für Überredung entwickelte sich jedoch im Laufe der Zeit und war sozusagen Liebe auf den zweiten Blick. Heute ist die etwas melancholische Geschichte um zweite Chancen mein unbestrittener Favorit, den ich euch gern ans Herz legen möchte.

Überredung spielt in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Anne Elliot ist 27 Jahre alt, unverheiratet und mittlere Tochter des verwitweten Baronets Sir Walter Elliot. Im Alter von 19 Jahren lernte sie Kapitän Frederick Wentworth kennen und verlobte sich mit dem intelligenten, tatkräftigen und optimistischen Mann. Doch Annes standesbewusster Vater war grundsätzlich gegen eine Verbindung mit dem mittellosen Marinesoldaten. Auch ihre integre Patentante Lady Russell, die seit dem Tod von Lady Elliot für Anne die Mutterrolle übernommen hat, erhob Einspruch. Sanft aber bestimmt legte sie Anne die damit verbundenen Risiken sowie die aus finanziellen Gründen lange Wartezeit bis zur Heirat dar. Aus Respekt für Lady Russel und aus Liebe zu Frederick, dessen Erfolg bei der Marine sie nicht im Weg stehen mochte, gab Anne der Überredung nach und löste die Verlobung. In seinem Stolz verletzt und tief enttäuscht vom Wankelmut der jungen Frau, fuhr Kapitän Wentworth zur See. Anne Elliot blieb mit gebrochenem Herzen bei ihrer Familie und musste lernen, mit den Konsequenzen ihrer vernünftigen Entscheidung zu leben. Acht Jahre später treffen die beiden wieder aufeinander. Ironischerweise hat Wentworth im Krieg Reichtum und Ansehen erworben, während die Elliots wegen Sir Walters Verschwendung hoch verschuldet sind. Sind Anne und Frederick trotz aller Versuchungen und äußerlichen Veränderungen im Innersten noch dieselben Menschen?

Auf behutsame Art erzählt die Autorin, wie sich zwei Menschen, die einander bereits einmal verloren hatten, langsam wieder annähern. Das macht den Roman für mich so besonders. Feinfühlig und ohne Übertreibungen wird die Befangenheit der beiden geschildert, dieses vorsichtige gegenseitige Taxieren und wiederholte Missverstehen. Der klare, knappe Stil des Buches sorgt dafür, dass so starke Gefühle wie Groll, Bitterkeit und Trauer, aber auch Respekt, Wärme und Zuneigung realistisch wirken. Denn beide Figuren sind im Laufe der Zeit gewachsen, haben an Profil gewonnen. Es ist einfach wunderbar zu lesen, wie die von der Familie niedergedrückte, verhuschte Anne Elliot irgendwann ihren eigenen Wert begreift und schließlich – zurückhaltend, aber zielgerichtet – ihren Wünschen entsprechend handelt. In Anbetracht einer Zeit, in der Frauen dieser Gesellschaftsschicht darauf zu warten hatten, dass andere für sie Entscheidungen trafen, wirkt das geradezu emanzipiert. Nach allen Schwierigkeiten wird schließlich klar, dass Anne und Frederick acht Jahre zuvor noch nicht jene Reife besaßen die es gebraucht hätte, um widrigen Umständen in ihrem Umfeld zu trotzen oder sich in den anderen hineinzuversetzen. So rekapituliert Kapitän Wentworth an einer Stelle äußerst treffend:

„Aber ich habe auch über die Vergangenheit nachgedacht, und ich habe mir die Frage gestellt, ob es nicht sogar einen noch größeren Feind gegeben hat als jene Dame? Mich selbst.“

Überredung, Jane Austen, Kapitel 23, S. 280

Dieser Selbsterkenntnis geht einer der schönsten, literarischen Liebesbriefe voraus, die ich kenne. Allein dafür lohnt es sich, Überredung zu lesen.

In typischer Jane-Austen-Manier ist die Darstellung von Annes Familie und Bekannten Gold wert. Ihr genauso arroganter wie lächerlich eitler Vater ist schwer zu ertragen und ihre beiden Schwestern lassen einen am Wert familiärer Bindungen zweifeln. Die eine ist kalt und hochmütig, die andere braucht ständige Aufmerksamkeit und ist infolgedessen hypochondrisch veranlagt. Liebe oder auch nur Achtung wird Anne von ihnen nicht entgegenbracht. Dankenswerterweise gibt es daneben Figuren wie Lady Russel oder Admiral Croft und seine Frau: selbstbewusste, herzliche und kluge Menschen, die man am liebsten selbst kennenlernen würde. Nicht zu vergessen der charmante Mr. Elliot – ein entfernter Verwandter und künftiger Erbe Sir Walter Elliots – oder diverse attraktive Marineoffiziere, die mindestens für einen ausgedehnten Flirt gut sind.

Erzählt wird die Geschichte aus Anne Elliots Perspektive. Da der Leser nur erfährt, was die Hauptfigur weiß, wird nicht alles bis ins kleinste Detail ausgewalzt. Wichtige Wendungen werden häufig nur in einem Nebensatz geschildert. Das liest sich unglaublich angenehm und lässt genügend Raum für eigene Gedanken und Interpretationen.

Mitunter werden Jane Austens Romane aufgrund ihrer Handlung für seicht-romantisch gehalten. Die Hauptrolle in allen Büchern der Autorin spielen aber tatsächlich Geld, Statusdenken und gesellschaftlich wie moralisch richtiges Verhalten. Werbung und Liebe dienen lediglich als Handlungsgerüst, um mit spitzer Feder und einem gehörigen Maß an Ironie verschiedene Menschentypen zu beschreiben. Austens Geschichten gehen nicht zwangsläufig fair für alle Beteiligten aus. Wie im wahren Leben zahlen sich Rücksichtslosigkeit, Arroganz oder Falschheit eben manchmal aus – selbst wenn sie nicht unbedingt glücklich machen. Ohne in großes Drama oder Extreme abzugleiten, schildert Jane Austen realistische Figuren mit allen Makeln und überlässt es dem Leser, sein Urteil zu fällen.

Wird in einer Situation die fehlende Leidenschaft eines Protagonisten für das Lesen angedeutet, weist Austen damit so manches Mal auf mangelnde Intelligenz oder Unvernunft des Buchbanausen hin. Wer trotz dieses harten Urteils lieber schaut, denn liest, dem sei die BBC-Verfilmung von 1995 mit Amanda Root und Ciarán Hinds empfohlen – selbst wenn der Titel Jane Austen’s Verführung (Persuasion) etwas in die Irre führt. Die Darsteller wirken wunderbar unperfekt und natürlich, die Atmosphäre des Buches wurde sehr gut eingefangen. Für jene, die zusätzlich an Frederick Wentworths Perspektive der Geschichte interessiert sind, bietet Captain Wentworth’s Diary von Amanda Grange eine interessante Ergänzung, die mir gut gefallen hat. Zum Schluss bleibt zu sagen, dass das Leben als eingefleischter Janeite hart ist. Obwohl ich jedes der Austen-Bücher mindestens dreißig Mal gelesen habe, stand ich schon oft vor diesem wunderbaren Reclam-Schuber. Natürlich brauche ich keine vierte Version der Romane – aber ich muss mich jedes Mal quasi gewaltsam vom Kauf abhalten …

Katrin

Autorin: Jane Austen
Buchtitel: Überredung
Verlag: Reclam

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