Ein Stapel voller Hoffnung. Runde 1.

Leseproben Runde 1

© Foto: Bettina, 2015

Selbst unter den fleißigsten Lesern kommt es vor: das unbeachtete Buch im Bücherschrank. Einige der vernachlässigten Bände unserer Bibliotheken haben wir schon vorgestellt und ihnen so immerhin ein wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Doch diese Bücher sind bei weitem nicht das einzige, was in meinem Bücherregal herzerweichend um Hilfe ruft. In einem kleinen, unscheinbaren Stapel in einer hinteren Ecke liegen sie: jene die noch darum buhlen meine Bücher zu werden, jene die überhaupt erst bei mir ankommen wollen. Kurz: die Leseproben. Es ist also an der Zeit auch einmal diese noch unentdeckten Schätze zu sichten.


Secrets of Annwn – Die Quelle des Lebens, Gerti Dienel, Medu Verlag
Wegen des geradezu winzigen Formates liegt diese Leseprobe an allererster Stelle auf meinem Stapel und lässt mein Erkunden nicht gerade positiv beginnen. Die Leseprobe umfasst nur den Prolog des Buches, was ich ausgesprochen nervig und reichlich ungeschickt finde. Rhiana hat gerade eine Tochter geboren und wird von Thurisaz bedroht, da sie ihn angeblich betrogen hat. Nachdem sie ihn verärgert, tötet Thurisaz mit irgendwelchen fantastischen Kräften ihr Baby und verschwindet. Was weiß ich jetzt über die Geschichte? So gut wie nichts. Das kommt davon, wenn man den Prolog als Leseprobe wählt. Durch den Klappentext hätte ich wahrscheinlich einen besseren Überblick gewonnen. Der Textinhalt hat mich also nicht gerade neugierig gemacht. Die Atmosphäre empfinde ich als inkonsistent und die Sprache ist geradezu melodramatisch. Wenn allerdings Karo mir die Leseprobe in ihrer unverkennbar dramatischen Art vorlesen würde, müsste ich wahrscheinlich lauthals lachen.


Shadow World – Kampf der Seelen, Melissa Marr, Ravensburger Buchverlag
Das Cover dieser Leseprobe gibt schon mal recht vielversprechende Signale ab. Jugendbuch sagt es und fantastisch-dystopisch flüstert es. Auch hier ist ein Prolog enthalten, der aber nicht die ganze Probe ausmacht und daher den Gesamteindruck nicht schmälert. Mallory schwärmt zum ersten Mal für einen Jungen: Kaleb. Den sieht sie auf den Weg zum Training und versucht ihm aus dem Weg zu gehen. Sie weiß, dass aus ihren Gefühlen nichts werden kann. Sie zieht ständig um, ist zu beschäftigt und die Welt da draußen gefährlich. In besagtem Training lernt sie von ihrem Ziehvater den Umgang mit Waffen und Selbstverteidigung – und das alles, um gegen Daimonen zu kämpfen. Über die Gründe für diese Bedrohung weiß sie wenig, doch zum ersten Mal stellt sie Fragen. Anfangskonflikte werden eingeführt, die Welt in wenigen Sätzen aufgebaut und dann kann es losgehen. Die Gefühle sind gewohnt backfischmäßig beschrieben und bekannt, Mallory als Charakter noch vage und undefiniert. Einige Verhältnisse und Beziehungen lassen sich schon weiterdenken und nehmen dem ganzen etwas den Biss. Nett klingt es, dringend ist es aber sicher nicht.


Wörter auf Papier, Vince Vawter, Königskinder Verlag
Dass der Königskinder Verlag schöne Cover machen kann, wissen wir ja schon. Dieses hier gefällt mir ausgesprochen gut und scheint sich auch clever auf den Inhalt zu beziehen. Es geht um einen Jungen, der stark stottert und deshalb häufig Probleme hat über die Lippen zu bekommen, was er sagen will. Also schreibt er viel lieber, denn hier muss er keine Wörter umschiffen, die es einfach nicht aus dem Mund schaffen wollen. Er lebt in Memphis und übernimmt aushilfsweise das Zeitungsaustragen für seinen Freund Rat, während der bei seinen Großeltern auf der Farm ist. Prompt kommt es auf der Strecke wegen des Stotterns zu einer unangenehmen Situation. Bewunderswert ist, wie unmittelbar sich hier die ganz eigene Stimme des Protagonisten entwickelt. Zack, schon hat sie sich in meinem Kopf eingenistet und lässt sich von all den anderen plappernden Zeitgenossen, die dort herumgeistern, mühelos unterscheiden. Die Bildsprache ist originell, die Handlung verspricht Wendungen und das Portrait des Jungen scheint einfühlsam. Her damit!


Die Unwahrscheinlichkeit von Liebe, A. J. Betts, Fischer KJB
Zac liegt im Krankenhaus, Diagnose Krebs. Durch ein Missverständnis kommt er mit seiner Zimmernachbarin Mia in Kontakt und muss sich nun entscheiden ihre Freundschaftsanfrage auf Facebook anzunehmen oder abzulehnen. Nach eher widerwilligem Akzeptieren merkt er, dass Mias Freunde anscheinend nichts von ihrer Krebserkrankung wissen und chattet mit ihr. Da läuft bei weitem nicht alles rund und Zac stolpert von einem Fettnäpfchen ins andere. Über Mia lässt sich nicht wirklich viel sagen, aber zumindest Zac scheint in seinem Teenagerdasein gut beschrieben. Das Hin und Her zwischen den beiden ist unerwartet liebenswert, wenn auch tolpatschig. Die typisch peinliche Situation lässt sich gut nachvollziehen und verspricht mehr Anknüpfungspunkte an das alltägliche Leben. Nur in einer außergewöhnlichen Situation. Die erinnert natürlich schon von der Prämisse her an John Green, aber das soll dem Buch mal keinen Abbruch tun. Okay.


The Diviners – Aller Anfang ist böse, Libba Bray, dtv
Das Cover ist schon mal total stylisch und zieht mich mit seinem Flair richtig an. Da kann man einiges vom Text erwarten. Es ist die Zeit der Prohibition und Evie bekommt wegen einer durchzechten Nacht auf einer Party am nächsten Tag eine Standpauke von den rechschaffenden Eltern. Schlimm genug, dass sie die skandalöse junge Frau des Örtchens ist, jetzt hat sie auch noch durch ihre geheime Gabe etwas über ein Techtelmechtel erfahren und prompt alles ausgeplappert. So schicken ihre Eltern sie erst einmal zum Onkel nach New York, was für Evie mitnichten eine Strafe ist. Bereits von der ersten Zeile an ist klar, dass Evie wohl keine blütenreine und tugendhafte Heldin sein wird. Fantastisch! Das kommt doch viel zu selten vor. Die Zwanziger Jahre sind im Jugendbuch ein noch wenig abgegraster Zeitraum und die übersinnlichen Elemente passen gut in die Zeit. Die Sprache ist Evie angemessen, neckisch, gespannt und auch etwas beklemmend. Hört sich gut an. Nehme ich.


Dohlenwinter, Anders Björkelid, Ueberreuter
Nachdem ich die kleine Endeckungstour durch meinen Leseprobenstapel mit der Leseprobe im kleinsten Format begonnen habe, ist es nur logisch sie mit der größtformatigen zu beenden. Sunia und Wulf sind Zwillinge und leben auf einem abgelegenen Hof auf dem Land. Sie werden eines Nachts durch einen heftigen und anscheinend unnatürlichen Schneesturm geweckt. Als Sunia und schließlich auch Wulf ihren Schlafplatz verlassen, um den Grund für die aufgebrachten Schreie der Tiere zu ermitteln, treffen sie auf Unbekannte. Diese scheinen nichts Gutes im Sinn zu haben und versuchen die beiden gefangen zu nehmen. Sie laufen vor ihnen davon, doch Wulf macht kehrt, um eine wichtige Kiste zu holen, während Sunia sich in den Wald flüchtet. Sie kann sich knapp vor ihren Verfolgern verstecken. Hier wurde ohne Zweifel eine spannende Stelle aus dem Buch für die Leseprobe ausgewählt. Diese Spannung wird gekonnt gesteigert und der Schneesturm bedrückend dicht beschrieben. Dies scheint eine relativ klassische Fantasy-Geschichte zu sein und in einer pseudo-mittelaterlichen europäischen Welt zu spielen. Das Konzept rund um die Zwillinge wirkt interessant, aber ob das für einen originelles Buch ausreicht? Für ein solides sicherlich. Hmmm.

Bettina

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