Der Wert von Sekunden

© Foto: Ilke, 2015

© Foto: Ilke, 2015

Deutsche Filmproduktionen haben hierzulande einen schlechten Ruf. Es treten sogleich Assoziationen zu Till Schweiger, Matthias Schweighöfer, Kitsch und Humor unter der Gürtellinie auf. Dass es auch anders geht und unser Land auch wunderbare Produktionen hervorbringen kann bewies zuletzt Fack ju Göhte. Eine besondere Perle aus den 90ern und einer meiner Lieblingsfilme ist das Drama Lola rennt.

Lola befindet sich in ihrer Wohnung in Berlin. Das Telefon klingelt. Am anderen Ende ist ihr Freund Manni. In Rückblenden erfährt man, dass er gelegentlich als Kurier für einen Autoschieber arbeitet.  Die Geldübergabe verlief reibungslos, doch weil Lola zu spät am Treffpunkt erschien, musste er die U-Bahn nehmen. Dabei traf er auf einen Obdachlosen, der exakt in dem Moment hinfiel, als Kontrolleure die U-Bahn bestiegen. Manni verließ reflexartig die Bahn, ohne auf die Geldtasche zu achten. Als er seinen Fehler bemerkte, war es zu spät: Die Bahn samt Geld und glücklichem Obdachlosen war weg. Seinem Boss ist das egal, er will sein Geld haben. Nun steht Manni verzweifelt in der Telefonzelle gegenüber eines Supermarktes und überlegt diesen auszurauben. Doch Lola hält ihn zurück; ihr würde etwas einfallen. Sie hat 20 Minuten Zeit, um die 100.000 Mark aufzutreiben. Der Hörer fällt und Lola rennt los. Ihre erste Idee ist gut, doch kommt sie trotzdem einige Sekunden zu spät. Es scheint alles verloren. Aber was wäre, wenn sie sich anders entschieden hätte, wenn nur einige Sekunden anders verlaufen wären …
Stopp! Alles auf Anfang.
Der Hörer fällt und Lola rennt los.

In insgesamt drei Episoden zu 20 Minuten erlebt der Zuschauer Lolas Hatz nach dem Geld und dem hoffentlich rechtzeitigen Eintreffen bei Manni. Es ändern sich jeweils nur Details, die oft mit dem richtigen oder falschen Timing zusammenhängen. Es sind meist nur Sekunden, die dann zu dem einen oder anderen Ergebnis führen. Auch die Nebencharaktere, die Lola auf ihrem Weg trifft, werden kurz beleuchtet. In einer schnellen Abfolge von Polaroid-Schnappschüssen sieht der Zuschauer eine mögliche Zukunft der Person. Als Verbindung der einzelnen Episoden dienen Gespräche von Manni und Lola über Liebe, Zukunft und Was-wäre-Wenns. Das bis dahin herrschende rasante Tempo und die Verzweiflung der Protagonisten werden hier aufgebrochen und dadurch wird die philosophische, ruhige Seite der Beiden gezeigt.

Ich bin ein ungeheurer Fan von Geschichten mit, beziehungsweise über den Schmetterlingseffekt. Hinzu kommt der gezielte Einsatz von Zeichentrick, der die ganze Szenerie surreal erscheinen lässt und doch perfekt ins Bild passt. Weiterhin spielt der Regisseur mit etlichen Schnitt- und Drehtechniken, wie beispielsweise Spit-Screen und verschiedene Kamerafahrten. Die Schauspieler finde ich durchgehend überzeugend bis phänomenal. Lola ist mit ihren unkonventionellen Ideen, der konsequenten Zielverfolgung und ihrer Fähigkeit, mit ihrem Schrei Glas zerspringen zu lassen wunderbar verrückt und sympathisch.

Franka Potente erreichte mit diesem Film ihren internationalen Durchbruch als Schauspielerin, und auch Moritz Bleibtreu ist inzwischen kein Unbekannter mehr. Franka Potente sang mit dem Musiker Thomas D, Mitglied der Band Die Fantastischen Vier, den Titelsong Wish; und schaffte es damit auch in die Deutschen Charts. Lola rennt ist einer von wenigen Filmen, die auch im Ausland großes Ansehen genießen und zählt zu den erfolgreichsten deutschen Filmen. Er wurde mit zahlreichen Filmpreisen geehrt, unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis in mehreren Kategorien und dem Bambi. Der Regisseur Tom Tykwer produzierte später weitere bekannte Filme, zum Beispiel Das Parfüm und Der Wolkenatlas.

Ilke

Regisseur: Tom Tykwer
Filmtitel: Lola rennt
Erscheinungsjahr: 1999

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2 Gedanken zu “Der Wert von Sekunden

  1. Melanie schreibt:

    Hallöchen Ilke,
    „Lola rennt“ ist ein ganz toller Film! 🙂 Ich habe ihn zwar erst letzes Jahr zum 1. Mal gesehen, war aber schwer begeistert!
    LG Melli

  2. Ilke schreibt:

    Hallo Melanie,
    schön, dass dir der Film auch so gefällt. Ich habe ihn mir schon mehrmals angesehen und entdecke immer wieder neue, kleine Details.
    Liebe Grüße
    Ilke

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