Heute servieren wir Ihnen Langschwein vom Grill

wpid-20150203_085229.jpg

© Foto: Karoline, 2014

Als wir neulich gemeinschaftlich beim Mittag saßen, erörterten meine Freunde Georgie und Markus eine neue Serie, die sie ganz gefangen genommen hatte – Hannibal. Ich konnte bis dato mit der Person Hannibal nicht sehr viel anfangen. Mir waren die Filme mit Anthony Hopkins noch verschwommen im Gedächtnis und der hatte aus meiner Angsthasen-Sicht seine Rolle eindeutig zu authentisch gespielt, als dass ich Lust auf mehr gehabt hätte. Trotzdem ließ ich mich dann überzeugen, zumindest mal die ersten Folgen zu testen. Was soll ich sagen: Ich war von Beginn an gefesselt! Und nicht nur das. Nach den beiden Staffeln der Fernsehserie musste ich mir auch unbedingt noch die Bücher von Thomas Harris zu Gemüte führen, so sehr packte mich die ganze Thematik um den vielleicht berühmtesten fiktiven Soziopathen. Doch Achtung: Wer hier denkt, das sei doch alles doppelt gemoppelt und die Bücher dadurch langweilig, der hat die Rechnung ohne die unvorhersehbaren Abweichungen gemacht!

Die Serie

Gleich zu Beginn der Serie lernt der Zuschauer Will Graham kennen. Will ist ein wirklich außergewöhnlicher Mann, schließlich verfügt er über eine hundertprozentige Empathie. Er kann sich in jede Person hineinversetzen und aus ihrer Sicht denken. Das macht ihn zu einem begehrten Berater des FBI-Agents Jack Crawford. Ein richtiger Agent darf Will jedoch nicht werden, denn seine Gabe hat auch ihre Schattenseiten. Er gilt als psychisch instabil und das zu Recht. Wills geschätzte Kollegin Dr. Alana Bloom, eine promovierte Psychologin, empfiehlt Crawford und Graham deshalb ihren ehemaligen Mentor aus Studienzeiten –  den Psychiater Dr. Hannibal Lecter. Von ihm lässt sich Will regelmäßig unter die Lupe nehmen. Will und Jack beginnen also mit Unterstützung Dr. Lecters bei diversen Mordserien zu ermitteln und werden dabei häufig von der Presse in Form von Fredricka Lounds behindert. Diese Sensationsreporterin betreibt eine Online-Seite und stellt dort gern die neusten, zwielichtig ergatterten Fotos von Tatorten zur Schau. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, denn die Serie lebt eindeutig vom Überraschungseffekt.

Hugh Dancy versteht es dem seelisch gepeinigten, zurückgezogenen Will Graham Leben einzuhauchen. Sein permanent trauriger Blick und die zerstreute sexy Art wecken in mir den Urinstinkt ihn beschützen zu wollen. Er versucht sich immer wieder in die Mörder hineinzudenken und verliert jedes Mal ein bisschen mehr seiner selbst. Sein Therapeut Hannibal Lecter betreut ihn dabei nach seinem eigenen Ermessen. Mads Mikkelsen verkörpert absolut genial den jüngeren Hannibal. Er liebt es Dinner-Parties zu geben, pflegt gute Weine zu trinken und kocht mit Vergnügen für seine Kollegen und Bekannten. Wer könnte hinter diesem anspruchsvollen, eleganten und stets gut gekleideten Mann einen Menschen verachtenden Kannibalen vermuten? Auch Jack Crawford lässt sich durch das gute Essen nur zu gerne blenden. Lawrence Fishburne steht hier den anderen beiden Charakterdarstellern in nichts nach. Er mimt wunderbar den ehrgeizigen FBI-Agenten, der lieber das Leben einer Person (Will) zerstört, als weitere Leichen zu finden. Was seine Arbeit für Auswirkungen auf seine Ehe mit Bella (gespielt von Fishburnes Ehefrau Gina Torres) hat, erfahren wir ebenfalls an einigen Stellen. Gaststars wie Gillian Anderson (Akte X), Anna Chlumsky (My Girl), Cynthia Nixon (Sex and the City) oder Jonathan Tucker (Veronika beschließt zu sterben) runden das beeindruckende Repertoire an Schauspielern, mit der die Serie aufwarten kann, ab.

Hannibal verkörpert für mich pure Ästhetik. Die exotischen Gerichte, die Hannibal in seiner geräumigen Küche zaubert, lassen dem Zuschauer das Wasser im Mund zusammenlaufen. Man muss sich immer wieder zwanghaft ins Gedächtnis rufen, dass dort Menschenfleisch gebraten wird und man das einfach nicht appetitlich finden darf … Wer sich einen Anreiz holen möchte, kann das auf dem Blog Feeding Hannibal tun. Die Ästhetik findet sich aber auch in der gesamten filmischen Umsetzung wieder. Die Leichen sind so grausam dekorativ platziert, dass es fast Gemälde sein könnten. Als Beispiel sei hier nur die Leiche eines korruptes Politikers zu nennen, der in einen Baum eingewoben ist und dessen Organe durch wunderschöne, giftige Zierpflanzen ersetzt wurden. Die musikalische Untermalung ergänzt dabei perfekt die mit den Bildern erzeugte Atmosphäre. Sie ist melancholisch und oft beklemmend, jedoch immer dezent und anmutig. Wer einen ersten Eindruck gewinnen möchte, kann sich den Trailer zur 1. Staffel anschauen.

Unterschiede zu den Büchern

Nachdem mich die Serie so begeistert hatte, musste ich unbedingt erfahren, wie detailliert die Beschreibungen aus der Vorlage Roter Drache von Thomas Harris umgesetzt wurden. Erstaunlicherweise haben Buch und Serie selten Überschneidungen. Es waren eher die Diskrepanzen, die mich beeindruckt haben.

Der Unterschied beginnt schon mit der zeitlichen Struktur. Der Fall Roter Drache findet nach der Verhaftung Hannibal Lecters statt. Dieser befindet sich zum Zeitpunkt der Morde bereits in der Nervenheilklinik Baltimore State Hospital und tritt im ganzen Buch lediglich als Randfigur auf. Um ihn in einer zentralen Rolle vorzufinden, musste ich dann schon zum Folgeband Schweigen der Lämmer greifen. Auch spielen die Bücher in den 1970er Jahren, während die Serie in die jetzige Zeit übertragen wurde.

Dr. Alana Bloom und Freddy Lounds werden bei Hannibal von sehr attraktiven Schauspielerinnen verkörpert und tragen nachhaltig zur leicht erotischen Note der Serie bei. Im Buch fehlt davon jede Spur und das aus gutem Grunde – beide sind dort männlich und auch nicht mehr in ihren besten Jahren. Während Dr. Alan Bloom im Buch eher mit Abwesenheit aufgrund gesundheitlicher Probleme glänzt, wird Freddy Lounds als „hässliches, kleines Kerlchen mit schiefen Zähnen und Rattenaugen“ beschrieben – nichts mehr von der rothaarigen Reporterin mit den rosigen Lippen. Auch die Figur des Garrett Jacob Hobbs, seines Zeichens Serienmörder, wird im Buch nur am Rande erwähnt, während ihm in der Serie wesentlich mehr Aufmerksamkeit zuteil wird.

Sowohl in der Serie als auch im Buch ist mir eine Person jedoch besonders im Gedächtnis geblieben: Dr. Chilton. In beiden Fällen wird er wunderbar widerlich und schleimig beschrieben. Er flirtet ungeniert herum, versucht mit nicht vorhandenen Kenntnissen zu brillieren und sich mit allen Mitteln ins Rampenlicht zu drängen. Als Anstaltsleiter für die Nervenklinik Baltimore State Hospital für geistesgestörte Straftäter verfügt er jedoch über einigen Einfluss und weiß diesen auch gelegentlich zu nutzen. Sehr zu meinem Erstaunen entwickelt sich dieser Charakter in der Serie jedoch anders als in den Büchern. Das gleiche trifft auch auf die reife und gutaussehende Forensikerin Beverly Katz zu.

Selbst der Serien-Hannibal weist einige markante Unterschiede zu seiner Buchvorlage auf. Während Mads Mikkelsen einen unglaublich kultivierten und zivilisierten Kannibalen darstellt, weist der gefangene Buch-Hannibal bereits ernsthafte Höflichkeitslücken auf. Ob es an der langen Zeit der Isolation in der Gefängniszelle liegt oder ob der Serien-Hannibal noch ein Mäntelchen über sein wahres Ich gelegt hat, kann ich an dieser Stelle leider noch nicht feststellen. Statt sich im Gefängnis brav kooperativ zu verhalten, um seine Bücher und Klobrille zu behalten, erlaubt sich der Buch-Hannibal lieber einen Scherz mit der Polizei – er verweigert sämtliche Gespräche und bastelt Origami-Hühner. Das fand ich so beeindruckend, dass ich das gleich selbst testen musste! Diese Hühner eignen sich wirklich wunderbar als Aggressionsbewältigung, können jedoch bei öffentlichem Basteln zu temporärer gesellschaftlicher Isolation führen. Ob die mich jetzt auch alle für verrückt halten?

Wer in der Serie genau hinschaut, kann auch einige witzige Anspielungen auf die Bücher wiederfinden. So flattert einmal ein verirrter Star durch das Forensik-Labor – eine dezente Anspielung auf Clarice Starling, die Ermittlerin in Schweigen der Lämmer. Auch der Besuch eines Tatortes auf dem Bauernhof endet damit, dass Hannibal ein Lamm streichelt.

Als Fazit kann ich feststellen, dass beide Varianten durchaus ihre Reize haben und wer das eine gesehen oder gelesen hat, muss sich vom anderen nicht gelangweilt fühlen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt besteht bei beiden keinerlei Spoiler-Gefahr, dazu sind die Unterschiede einfach zu gravierend. Daher kann ich ruhigen Gewissens sowohl Serie als auch die Buchreihe wärmstens weiterempfehlen!

Karoline

Autor: Thomas Harris
Buchtitel: Roter Drache, Das Schweigen der Lämmer
Verlag: Wilhelm Heyne Verlag

Erschaffen von: Bryan Fuller
Serientitel: Hannibal
Ausgestrahlt: seit 2013
Dankeschön: an Markus für das Ausleihen der beiden Staffeln

Advertisements

2 Gedanken zu “Heute servieren wir Ihnen Langschwein vom Grill

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s