Magisches Geigenspiel mit Verfolgungsjagd

© Foto: Katrin, 2015

Kaum hatte ich mir das Leseexemplar Der magische Bogen ausgeliehen, saß ich auch schon in der Straßenbahn nach Hause und konnte nicht anders, als mit dem Lesen zu beginnen. Ich vergaß alles um mich herum und hätte wieder einmal fast meine Endhaltestelle verpasst. Sozusagen augenblicklich tauchte ich ab in die Geschichte der elfjährigen Elizabeth Barrett, kurz Lizzie, die ein recht eigenwilliges Kind ist. Nach ihren vorangegangenen vergeblichen Versuchen mit Blockflöte und Klarinette hat sich Lizzie nun dazu entschieden, das Geigespielen zu erlernen – und zwar so schnell wie möglich.

Voller Verbissenheit übt sie also tagein, tagaus und treibt damit ihre Familie fast in den Wahnsinn. Doch egal wie sehr sie ihre Begabung den anderen und sich selbst beweisen will: Allen Anstrengungen zum Trotz wird ihr Geigenspiel einfach nicht besser! Verkrampft wie sie ist, gelingt es ihr nicht, den Bogen richtig über die Saiten zu führen. Selbst ihre Musiklehrerin Mrs. Stokes hat in ihren über 40 Jahren Berufserfahrung niemals etwas Gleichartiges erlebt und kann sich nur mit Mühe davon abhalten, dem enthusiastischen Mädchen ganz von dem Instrument abzuraten. Niemand – noch nicht einmal ihre Familie – scheint an Lizzies Talent zu glauben.

Auch im Schulorchester bringt sie mit ihren schiefen Tönen alle durcheinander. Als Lizzie deswegen rausfliegt, ist sie am Boden zerstört und flüchtet in den Park. Doch dann hört sie zauberhaftes Geigenspiel, das sie im Innersten berührt und zu einem Musikpavillon führt. Der Violinist ist ein mysteriöser Mann, der offenbar bereits auf das Mädchen gewartet hat, um ihr einen 200 Jahre alten, magischen Geigenbogen zu überreichen. Damit, so verspricht er, wird sie beim Üben die ersehnten Erfolge erzielen. Allerdings sind drei Bedingungen an die Leihgabe geknüpft: Lizzie darf niemandem erzählen, woher sie den Bogen hat, keine andere Person darf ihn verwenden und sie muss ihn nach genau drei Monaten zurückgeben. Mit diesen Worten ist der geheimnisvolle Mr. Rostikoff wie vom Erdboden verschluckt. Nach dem seltsamen Erlebnis verbessert sich Lizzies Technik rapide und das Üben bereitet ihr echte Freude. Für ziemlichen Ärger sorgt der magische Geigenbogen jedoch, als mit einem Mal finstere Gestalten auf den Plan treten, die ihn sich unter den Nagel reißen wollen.

Musik, Magie, Spannung und Selbsterkenntnis

Warum also ist Der magische Bogen nun so genial? Nach nur wenigen Seiten befindet sich der Leser mitten im Geschehen und wird mitgerissen von den Kapriolen eines herrlich energischen, intelligenten und willensstarken Mädchens, das allen Widerständen trotzt. Ich will jetzt gar nicht so darauf herumhacken, wie sehr mich die Mädchenfiguren in Kinderbüchern manchmal ärgern. Von solchen Hauptcharakteren wie Lizzie kann es jedenfalls meiner Ansicht nach gar nicht genug geben! Sie hat Ecken und Kanten, ist eben nicht nur Klischee, sondern so überzeugend echt, dass ihr meine Symphatie sicher war. Überhaupt kommt die Geschichte trotz der magischen und abenteuerlichen Komponenten recht realistisch daher.

Werden Instrumente und die Liebe zur Musik thematisiert, bin ich sowieso von vornherein positiv eingestellt, aber dieses Buch hat mich beim Lesen dann sogar etwas überrascht. Zu Beginn ist es eine Art magisches Musik-Märchen, in dem es insbesondere um das Erkennen der eigenen Fähigkeiten geht. Plötzlich vollzieht die Geschichte jedoch eine Kehrtwendung hin zum Abenteuerbuch, komplett mit Verfolgungsjagd und Krimi-Elementen. So gegensätzlich das klingen mag: Diese Verknüpfung sorgt für Tempo und funktioniert einwandfrei. Das Buch ist überraschend, hat Herz, Tiefe und eine vernünftige Moral, ohne ständig mahnend mit dem Zeigefinger zu wedeln. Im Laufe der Erzählung lernt Lizzie nicht nur ein Instrument, sondern vor allem etwas über sich selbst. Aus welchen Gründen lohnt es sich, zu musizieren? Sind Ehrgeiz und Erfolg immer eine gute Sache? Wie entsteht aus Unsicherheit Vertrauen in die eigene Begabung? Der geheimnisvolle Mr. Rostikoff spielt hierbei eine Schlüsselrolle und taucht immer dann auf, wenn es irgendwie brenzlig wird. Auch der ewige Streit unter Geschwistern wird auf eher tröstliche Weise thematisiert, denn kommt es hart auf hart, hilft eben ein großer Bruder sogar der nervtötenden Schwester.

Auf Anhieb angesprochen haben mich außerdem das in warmen Farben gehaltene, schön illustrierte Cover sowie die Typografie im Inneren des Buches. Vor jedem Kapitel steht eine Einzelseite, auf der durch ein kurzes Zitat das folgende Geschehen angedeutet wird und die schlichtweg hübsch gestaltet ist. Insgesamt handelt es sich bei diesem Roman von Rodney Bennett um wirklich gute Kinderliteratur, deren Zauber selbst erwachsene Leser garantiert nicht kalt lässt. Bitte lest dieses Buch, empfehlt oder verschenkt es – ihr werdet es nicht bereuen. 😉

Katrin

Autor: Rodney Bennett
Buchtitel: Der magische Bogen, ab 11 Jahren
Verlag: Freies Geistesleben

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