Ein raubeiniger Schnüffler ermittelt

© Foto: Katrin, 2015

Privatdetektiv Cormoran Strikes langjährige Beziehung liegt in Scherben und auch beruflich droht ihm wegen mangelnder Aufträge die endgültige Pleite. Der raubeinige Protagonist des Krimiromans Der Ruf des Kuckucks hat definitv mehr als nur ein Problem! Doch just nachdem seine aktuelle Büroangestellte fluchtartig ihren Posten verlassen hat, taucht die Aushilfssekretärin Robin Ellacott auf. Aufgrund von Strikes prekärer finanzieller Situation, ist ihm diese Person zunächst eher lästig. Robins Timing stimmt jedoch offenbar, denn unvermutet steht ein extrem wohlhabender Klient vor der Tür und bittet um das erneute Aufrollen eines eigentlich eindeutigen Falles.

John Bristow, der Adoptivbruder von Lula Landry, vermutet einen Mord. Das berühmte Model mit dem außergewöhnlichen Charisma soll sich drei Monate zuvor aus dem Fenster ihrer Suite in den Tod gestürzt haben. Bristow mag das jedoch einfach nicht wahrhaben. Schlechten Gewissens greift Cormoran Strike nach dem sich bietenden Strohhalm und übernimmt den Fall. Zwar geht er insgeheim, wie auch die Polizei, von einem Selbstmord aus, doch als Profi ist er fest entschlossen, Lulas Suizid lückenlos zu untermauern. Und nebenbei die Finanzen der Detektei aufzumöbeln. Noch ahnt er nicht, welche Geheimnisse seine Nachforschungen im Dunstkreis der Reichen und Schönen ans Licht bringen werden …

Nachdem der bittere Gesellschaftsroman Ein plötzlicher Todesfall von J.K. Rowling mich kalt erwischt und ziemlich überwältigt hatte, war ich wirklich gespannt, welcher Thematik sie sich als Nächstes widmen wird. Dass es sich um einen Krimi handeln würde, fand ich zunächst etwas schade – gehofft hatte ich auf einen weiteren Ausflug in Fantasy-Gefilde. Aber selbstverständlich wollte ich den im Herbst 2014 unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlichten Titel schon aus Prinzip lesen. Immerhin habe ich auch im Krimi-Genre so einige Lieblinge, die ich nicht missen mag. Besonders die intelligente Krimireihe von Henning Mankell um Kurt Wallander oder die eher humoristische Buchreihe um Agatha Raisin haben es mir angetan.

Der erste Cormoran-Strike-Fall muss sich keinesfalls hinter der zahlreichen Konkurrenz verstecken. Wie von der Autorin gewohnt, strickt sie eine komplexe, spannende Handlung, die unaufhaltsam einer genauso überraschenden, wie schlüssigen Auflösung entgegen strebt. Wer die Romane um Harry Potter gut kennt, wird sich in der Geschichte sofort heimisch fühlen, denn das Ganze liest sich, als wäre man endlich wieder zu Hause angekommen. Als unglaublich angenehm empfand ich, dass die Autorin nicht auf Schockmomente oder übermäßige Ekel- und Gewaltszenen setzt, sondern ihre Fabulierkunst für sich selbst sprechen lässt. So ist Der Ruf des Kuckucks meiner Meinung nach ein klassischer, zeitloser Krimi geworden, der vage an Agatha Christies berühmte Buchreihen und deren Kultfiguren erinnert. Manchem Leser mag das ein wenig aus der Zeit gefallen erscheinen – für mich hat es schlichtweg Stil.

Der etwas übergewichtige Hauptcharakter Cormoran Strike ist unheimlich symphatisch gestaltet: mürrisch bis melancholisch, schweigsam, intelligent, manchmal ein wenig arrogant und mit nicht unerheblichem kriminellen Instinkt ausgestattet. Nachdem er sich in Afghanistan eine Kriegsverletzung am Bein zugezogen hat, versucht er sich die Unabhängigkeit zu bewahren und mit seiner Detektei über die Runden zu kommen. Dieser Mann zeigt keine Schwäche. Was er jedoch so alles drauf hat, offenbart sich erst nach und nach, wenn sich in Gesprächen mit verschiedenen Verdächtigen sein Scharfsinn entfaltet. Als genauer Beobachter und strukturierter Denker erkennt er Zusammenhänge, die anderen Menschen entgehen. Seine neue Sekretärin Robin Ellacott bietet mit ihrer Gewitztheit, dem eifrigen Enthusiasmus für Detektivarbeit und dem unvermuteten Schauspieltalent eine wunderbare Ergänzung zu dem Schnüffler. So spielt sie eine nicht unerhebliche Rolle bei der Lösung des Falls. Die Dynamik zwischen Strike und Ellacott ist ohnehin wunderbar, denn zu Anfang erwischen die beiden sich auf dem völlig falschen Fuß und müssen zunächst lernen, miteinander klar zu kommen. Da der Leser durch wechselnde Erzählperspektiven stets erfährt, was die zwei Hauptfiguren denken, sorgen die Dialoge der beiden häufig für Belustigung, weil sie sich im jeweiligen Bemühen um Höflichkeit und professionelle Distanz oft falsch verstehen. Über diese Figuren möchte man einfach mehr erfahren!

Die Nebenfiguren sind ebenfalls klar konturiert, sodass sich der Leser von allen ein recht gutes Bild machen kann. Wie auch in dem Roman Ein plötzlicher Todesfall spielt Rowling jedoch ein wenig mit diversen Klischees und Überspitzungen. Bei den beschriebenen Figuren handelt es sich daher eher um bestimmte Typen von Menschen, anstatt um übermäßig ausgefeilte Charaktere. Zwar ist das meilenweit von Schwarz-Weiß-Malerei entfernt, doch manche der Figuren könnten für meinen Geschmack ruhig noch einige Schattierungen mehr vertragen. Dieser Kritikpunkt fällt jedoch definitiv unter Meckern-auf-hohem-Niveau, denn dass bei neuen Titeln einer derart bekannten Autorin etwas genauer hingeschaut wird, ist wohl verständlich.

Das Gerüst dieses Kriminalromans wurde besonders sorgfältig entworfen, was sich auch im ansteigenden Erzähltempo widerspiegelt. Nach einem kurzen Prolog besucht der Leser direkt Cormoran Strikes Büro und wird – tadaaaaa – mit dem anstehenden Fall vertraut gemacht. Für die Einführung der Figuren, ihre Entwicklung oder die nähere Beleuchtung ihrer Lebensumstände nimmt sich die Autorin Zeit, ohne dass die Geschichte dadurch ins Stocken gerät. So wird der Leser ständig mit Informationshäppchen gefüttert, die scheinbar nichts mit dem Fall zu tun haben und häufig in die Irre führen. Die derart aufgebaute Spannung entlädt sich schließlich im Finale, wenn ganz in Miss-Marple-Manier die endgültige Entwirrung des Rätsels erfolgt. Den tatsächlichen Mörder erriet ich bis zum Ende nicht, denn die gestreuten Hinweise ließen mich wiederholt die Meinung ändern.

Mein Fazit: Der erste Fall von Cormoran Strike ist wirklich gelungen! Der Krimi ist intelligent, fesselnd sowie verdammt gut geschrieben. Auch bei der deutschen Übersetzung wurde solide Arbeit geleistet, sodass die Figuren lebendig wirken und selbst die fein dosierte Prise Humor perfekt zur Geltung kommt. Ich für meinen Teil bin jedenfalls ganz heiß auf den Folgeband um den bärbeißigen Detektiv und seine intelligente Sekretärin. Der Seidenspinner liegt daher ganz oben auf meinem imaginären Stapel ungelesener Bücher.

Katrin

Autor: Robert Galbraith (alias J.K. Rowling)
Buchtitel: Der Ruf des Kuckucks
Verlag: Blanvalet

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3 Gedanken zu “Ein raubeiniger Schnüffler ermittelt

    • Katrin schreibt:

      Du meinst die Buchstütze? 😉
      Die finde ich selber total schön! Hab ich letztes Jahr überraschend auf der Frankfurter Buchmesse vom Hersteller geschenkt bekommen und darüber einen kleinen Artikel verfasst. Gib mal auf unserer Startseite ins Suchen-Feld „Buchstütze“ ein, dort hab ich auch die Internetpräsenz des Herstellers verlinkt. 😉

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