Dramatik pur mit einem dreifachen Hardy

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© Foto: Karoline, 2015

Dem Deutschen Taschenbuch Verlag mit seiner tollen Herstellungsabteilung habe ich es zu verdanken, dass ich überhaupt auf den englischen Autoren Thomas Hardy aufmerksam geworden bin. Anlässlich seines 175. Geburtstags erschienen drei seiner berühmtesten Bücher mit neuen Covern, die mir sofort ins Auge sprangen. Schnell stand fest, dass ich sie einfach besitzen musste. Meine anfänglichen Bedenken, dass die Bücher staubig und langweilig sein könnten, zerstreuten sich zum Glück ebenfalls sehr schnell und ich wurde in den Bann mehrerer hochdramatischer Handlungen gezogen, die sich immer mit einem fulminanten Ende verabschiedeten.

Der Inhalt

In dem 1874 erschienenen, gelb-geblümten Band Am grünen Rand der Welt dreht sich alles um die wunderschöne und eigensinnige Bathsheba. Die dunkelhaarige Schönheit bekommt es gleich mit drei Verehrern zu tun, dabei will sie doch eigentlich nur die geerbte Farm ordentlich bewirtschaften und ihr eigenes, unabhängiges Leben führen. Verehrer Nummer 1 ist der Schäfer Gabriel Oak, der ihre Herde beaufsichtigt und auch der erste, der sich in sie verliebt. Zusammen mit Verehrer Nummer 2 in Form eines reichen, gesetzten Mannes sowie Verehrer Nummer 3, einem verwegenen Sergeant, buhlen sie mal mehr mal weniger offensichtlich um die Gunst von Bathsheba. Sie muss sich zwischen Leidenschaft, Freundschaft und Pflichtbewusstsein entscheiden. Dramatik ist hier an der Tagesordnung, denn die junge Protagonistin verfügt über keinen unfehlbaren Charakter – irgendjemandem muss sie wohl oder übel das Herz brechen.

Im Buch Auf verschlungenen Pfaden aus dem Jahre 1878, dessen Cover von lila-farbenen Blumen verziert ist, spielt eine hochnäsige, aber wunderschöne junge Dame namens Eustacia die zentrale Rolle. Sie lebt auf einer dünn besiedelten Heide mit ihrem pensionierten Großvater. Durch ihre feines Elternhaus fühlt sich die Vollwaise einsam und isoliert von den weit entfernt lebenden, einfachen Nachbarn, die ihr nichts bieten können. Sie steigert sich in romantische Fantasien hinein, die mal der eine, mal der andere Mann ihr erfüllen soll. Durch ihre Anmut und ihren natürlichen Charme gelingt es ihr auch immer wieder die verliebten Männer um den Finger zu wickeln, um sie dann fallen zu lassen. Sie wartet auf den einen, der sie fort bringt aus dieser grünen Hölle, in der es nur Ginstersammler und Dörfler gibt. Jedoch scheint kein Mann ihrem erträumten Ideal gerecht werden zu können und sie stürzt sich in ein Unglück nach dem anderen.

Der rosafarbene Band Tess hieß im englischen Original eigentlich Tess d’Urberville: A Pure Woman Faithfully Presented by Thomas Hardy und löste bei seinem Erscheinen 1891 einen nationalen Skandal aus. Heute gilt er als einer der großen Klassiker der englischen Literatur. Den damaligen Aufruhr verursachte der Untertitel Eine reine Frau, denn im Buch geht es um nichts geringeres als ein junges Mädchen, das durch unglückliche Umstände und ohne verheiratet zu sein schwanger wird.
Die junge Tess Durbeyfield hat es im Leben nicht leicht. Die Mutter ist selbst ein halbes Kind und schenkt ihr immer wieder neue Geschwisterchen, der Vater ist ein meist arbeitsloser Trinker. Um die Familienfinanzen aufzubessern, geht sie daher zum Anwesen der reichen d’Urbervilles, scheinbar weit entfernter Verwandter ihrer Familie. Statt jedoch Unterstützung zu erhalten, drängt sich Tess‘ liebestoller Cousin ihr permanent auf und schwängert sie schließlich. Dieses prägende Ereignis verfolgt sie ihr ganzes Leben lang und belastet alle zwischenmenschlichen Beziehungen – besonders die zum jungen Pfarrersohn Angel Clare. Sie ist ein gutes und gottesfürchtiges Mädchen, das stets das Richtige tun will und allein wegen dieses einen Fehltritts soll sie in der Hölle landen? Der Kirchenkritiker Hardy verdeutlichte mit Tess die absurde religiöse Moral der damaligen Zeit. Sein Buch wurde von Müttern als Aufklärungsliteratur für ihre Töchter herangezogen und selbst bei Dinner-Parties wurden die Tische in Pro- und Contra-Tess-Lager aufgespalten, um Konflikte zu vermeiden. Von der harten Kritik ernüchtert, beschloss Hardy, dass Tess sein vorletzter Roman sein sollte. Bis zu seinem Tode widmete er sich ausschließlich seinen Gedichten.

Wiederkehrende Elemente

In jedem Band nimmt die Beschreibung des Landlebens und des Arbeitsalltags einen wichtigen Platz ein. So erfährt der Leser einiges über die damalige Schafzucht, Molkereibetriebe und das Ginstersammeln. Die Hauptheldinnen sind keine Übermenschen, sondern haben alle ihre Fehler. Mir waren sie streckenweise sogar etwas unsympathisch, doch gerade diese Realitätsnähe macht den Charme dieser Bücher aus. Sie sind einfach wie das wahre Leben – gemischt mit etwas mehr Dramatik als üblich vielleicht. Alle drei Hauptheldinnen sind auf ihre Art genauso eigensinnig wie eigenständig. Sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, auch wenn es böse enden mag. Diese vielschichtige Darstellung hätte ich Hardy als männlichem Autoren anfangs gar nicht zugetraut.

Die Nebenfiguren erinnerten mich gelegentlich an Personen aus Jane Austens Romanen. Tess‘ Mutter Joan wäre beispielsweise auch eine tolle Mrs. Bennett gewesen, und Sergeant Troy könnte eindeutig der eineiige Zwillingsbruder von Mr. Wickham sein. Trotz der figürlichen Überschneidungen mit Jane Austen erinnert der dramatische Handlungsverlauf jedoch mehr an den Stil der Brontë-Schwestern. Die Charaktere Heathcliff und Cathy sind Hardy’s Figuren in Handeln und Denken wesentlich ähnlicher als Lizzie oder Jane es je hätten sein können. Romantiker werden also in diesen Büchern nur selten ihr ersehntes Happy End finden. Stattdessen geht der Autor recht hart mit seinen Figuren ins Gericht und beschließt die Handlung eher mit tragischen, jedoch authentischen Enden.

Neben der packenden Handlung eines jeden Buches versinkt Hardy teilweise in langen Beschreibungen von der Umgebung, der Natur sowie den Gemütszuständen der Charaktere, die ich häufig nur überflogen habe. Sie waren zwar gut ausformuliert und trugen zur Stimmung bei, entsprachen aber meiner Neigung als handlungsorientierter Leserin nicht besonders.

Wen ich jetzt dazu angeregt habe, sich einmal mit Thomas Hardy’s Werken auseinanderzusetzen, der muss nicht zwingend alle drei 400 bis 550 Seiten dicken Bücher lesen. Am grünen Rand der Welt läuft diesen Donnerstag, den 16.06.2015, mit Carey Mulligan als Bathsheba in den deutschen Kinos an. Tess wurde bereits mehrmals erfolgreich verfilmt, hierbei ist vor allem die 1979er Verfilmung unter der Regie von Roman Polanski mit der jungen Nastassja Kinski als Tess Durbeyfield zu nennen.

Karoline

Autor: Thomas Hardy
Buchtitel: Am grünen Rand der Welt, Auf verschlungenen Pfaden
, Tess
Verlag: dtv

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2 Gedanken zu “Dramatik pur mit einem dreifachen Hardy

    • Karo schreibt:

      muahahaha, da werde ich glatt ganz rot^^ ich bin gespannt wie du Hardy finden wirst und bitte um einen schonungslosen Bericht;)

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