Ein Diktator gefangen in der Moderne

© Foto: Ilke, 2015

© Foto: Ilke, 2015

Es lag schon lange auf meiner Liste der Bücher, die ich noch lesen will. Der Buchtrailer hatte mich damals bereits angefixt, doch hat es sehr lang gedauert, bis ich mir das Buch zulegte. Oder vielmehr – das Hörbuch. Der Sprecher des Trailers ist eben auch der Sprecher des Hörbuchs, und das ist kein geringerer als Christoph Maria Herbst. Der geneigte Leser weiß sicher schon, worum es geht: Er ist wieder da von Timor Vermes.

Protagonist des Romanes ist Adolf Hitler. Aus einem sehr langen und tiefen Schlaf erwacht er plötzlich auf einem Grundtück irgendwo in Berlin. Natürlich ist er sehr verwundert über seinen Aufenthaltsort. Die Verwunderung wächst, als er bei einem Zeitungsverkäufer das Jahr erfährt, in dem er lebt: 2011. In seiner Führer-Montur passt er so gar nicht mehr ins Stadtbild. Zu seinem Glück sind der Zeitungshändler sowie die Passanten erstaunt bis begeistert von dem Outfit, denn er wird für einen Schauspieler gehalten. Aufgrund seiner „Rolle“ als Adolf Hitler, den er so authentisch zu spielen vermag, wird er schnell berühmt und gewinnt an Einfluss. In einer Welt, die so anders ist als die, die er verließ, muss er nun irgendwie zurechtkommen.

In der Ich-Perspektive berichtet Hitler über sein neues Leben. Die Tücken und Bequemlichkeiten der modernen IT interessieren ihn dabei genauso sehr wie das aktuelle politische Geschehen. Selbstverständlich gibt er zu allem seinen Senf dazu. Die intelligente Gesellschaftskritik, die dabei an den Tag gelegt wird, fand ich hoch interessant. Auch Themen der NS-Zeit und der aktuellen rechten Szene kommen dabei nicht zu kurz. Mehrmals musste ich laut auflachen, und oft blieb das Lachen auch im Halse stecken. Ich fragte mich: darf ich darüber überhaupt lachen? Wo doch alles was Hitler betrifft so ein ernstes Thema ist? Ich finde: ja, das darf ich. Die Verbrechen von Hitler und dem NS-Regime werden in keiner Weise lächerlich gemacht oder glorifiziert. Genutzt werden hauptsächlich Hitlers Sprechweise und übertriebene Artikulation, gepaart mit Gesellschaftskritik und schwarzem Humor. Genau deshalb fand ich die Grundidee auch gut.

Mit Christoph Maria Herbst wurde der perfekte Sprecher für das Hörbuch ausgewählt. Seine Stimmfärbung und Betonung sind hervorragend und vermitteln ein gutes Bild von Hitler und den Nebenfiguren des Buches. Manch einer mag die dauerhaft übertriebene Sprechweise als anstrengend empfinden, mich hat das überhaupt nicht gestört. Ich empfand es aber auch als angenehme Abwechslung, wenn der Sprecher zu einen Nebencharakter mit anderem Tonfall wechselte. Leider waren der Reiz der Neuartigkeit und die Kontroversität des Themas für mich schnell verflogen. Zeitweilig fand ich den Roman langatmig, ich musste mich zwingen weiterzuhören. Vermutlich hätte ich das Buch sogar abgebrochen. Für mich geschah in der Handlung zu wenig, der Hauptaugenmerk lag auf Hitlers Sichtweise der Politik und des Gesellschaftswandels. Politisch Interessierten mit Hang zum schwarzen Humor ist das Buch jedoch zu empfehlen.

Das Ende der Geschichte hinterließ in mir ein seltsames Gefühlsgemisch. Es ist erschreckend, wie Hitler die Leute für sich einnehmen konnte, wie sie trotz der NS-Vergangenheit diesen Mann so bejubeln konnten. Mit vielen Dingen, die Adolf in dem Roman sagte, war ich einverstanden und hatte gleich ein schlechtes Gefühl dabei. Man muss sich selbst daran erinnern, dass man die Ansichten des Autors liest, und sie Hitler nur in den imaginären Mund geschoben wurden.

Neugierige können sich von all dem selbst überzeugen und hineinlesen und –hören. Das Hardcover kostet 19,33 Euro, das ist doch mal eine witzige Anspielung. Auch die Covergestaltung finde ich hervorragend: einfach und sofort zu erkennen.
Sehr interessant zu dem Thema ist eine Diskussion, die in der ARD-Sendung Hart aber Fair geführt wurde. Es stellte sich unter anderem heraus, dass das Hörbuch etwas entschärft wurde. Viele Passagen finde ich trotz der Entschärfung immernoch sehr hart, vor allem die Sichtweise von Hitler auf die Juden.

Ilke

Autor: Timur Vermer
Gelesen von: Christoph Maria Herbst
Hörbuchtitel: Er ist wieder da
Verlag: Lübbe Audio

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12 Gedanken zu “Ein Diktator gefangen in der Moderne

  1. Kristina schreibt:

    das stimmt.
    hoffe, dass sie im film die npd-szene gut umsetzen (und nicht wie die schnurrbart-stalin-szene beim hundertjährigen einfach weglassen…)

  2. tination8 schreibt:

    hmm… also das Hörbuch ist durch Herrn Herbst sehr zu empfehlen. Das ist mal ein etwas anderes Hörbuch. Aber gegen Ende des Hörbuches kam doch eine gewisse Lächerlichkeit auf. Wie schon hier geschrieben, der Reiz an der Neuartigkeit dieses Werkes war sehr, sehr, sehr schnell weg. Leider. Habe es genervt zu Ende gehört (was mich auch ein wenig verstört zurückließ)

  3. Ilke schreibt:

    Ja, das stimmt leider. Ich habe das Hörbuch deshalb manchmal nur nebenbei laufen lassen und nur halb hingehört. Etliche Szenen musste bzw. wollte ich mir dann nochmal anhören, weil ich Worte aufgeschnappte und dachte: was war das jetzt!? Sogar das Ende hatte ich vertrant.

  4. shalimamoon schreibt:

    Ja bei mir hat es auch lange im Regal gestanden, ehe ich es jetzt doch mal gehört habe (Was soll man auch sonst tun, wenn man in den Urlaub fährt?)
    Ich stimme dir in allem zu. Am Anfang war es wirklich lustig zu hören, aber es wurde immer politischer und politischer und das Ende ist wirklich erschreckend.
    Ich lese, es soll verfilmt werden? Na ob das was wird…

    • Ilke schreibt:

      An sich find ich sie gut. Wenn man allerdings das Hörbuch kennt finde ich die Stimmen etwas schwach. Wobei das wahrscheinlich auch realistischer ist, soweit das bei der Geschichte möglich ist. 🙂

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