Prinzessinnenpropaganda, Cybersexismus und Gerechtigkeit

© Foto: Katrin, 2015

Es gibt Lektüre, die gehört nicht unbedingt ins eigene Beuteschema. Trotzdem schleicht man drum herum, weil es einem in den Fingern juckt, sie zu kaufen – bis man es endlich tut! Im Falle von Unsagbare Dinge – Sex, Lügen und Revolution war die Empfehlung eines Buchhändlers der Auslöser, sodass ich am Ende einfach nicht widerstehen konnte. Laurie Penny nimmt in diesem Sachbuch zum Thema Feminismus kein Blatt vor den Mund, wenn es um Geschlechterrollen und Identität, Machtverhältnisse oder Sex geht. In fünf lose aufeinander aufbauenden Kapiteln äußert sich die Autorin genauso unverblümt wie sarkastisch, gleichermaßen sachlich und wütend über abgefuckte Mädels, verlorene Jungs, Cybersexismus und die alltäglichen Lügen der Liebe. Wer jedoch denkt, dies sei ein Buch um Frauen gegen Männer aufzuhetzen, der irrt sich gewaltig.

Dass dieser Lesestoff dazu taugt, mal über den eigenen Tellerrand zu blicken und mit anderen darüber zu diskutieren, kann ich jedoch versprechen. Offen werden diverse Rollenbilder thematisiert, beispielsweise der Status der Frau als Objekt der Begierde, alleinstehende Mütter oder andere Sündenböcke. Dann wieder wird ausführlich erörtert, was mit Begriffen wie Vergewaltigungskultur gemeint ist und auf welche Art sie sich im Umgang miteinander äußern. Das ist häufig nicht schön – unter anderem weil keinerlei Rücksicht auf diverse Befindlichkeiten genommen wird. Da heißt dann eine Unterüberschrift schon mal Schlampengeschwätz oder Auf den Knien rutscht du sowieso. Wie Laurie Penny selbst gleich zu Anfang feststellt, ist dieses Buch definitiv kein Ratgeber und sicher nicht unter Mainstream einzuordnen:

Dies ist ein feministisches Buch. Es ist keine heitere Anleitung für den Umgang mit dem modernen Patriarchat, Augenzwinkern, Daumen hoch. (…) Als Leitfaden zum Glück in einer abgefuckten Welt taugt dieses Buch nicht.

Unsagbare Dinge – Sex, Lügen und Revolution, Laurie Penny, S. 9

Der Leser wird u.a. mit Gedanken über den Mainstream-Feminismus und seine Auswirkungen konfrontiert. Wenig überraschend sind damit immer wieder die Themen Medien, Vernetzung und öffentliche Meinung eng verknüpft. Nach und nach entsteht Mitgefühl für alle, die aus dem Raster fallen und unter starren Rollenbildern zu leiden haben – und das sind beileibe nicht nur Frauen! Denn welchen Erwartungen sind ein „echter“ Mann oder eine „ideale“ Frau unterworfen und weshalb eigentlich? Ist es jedem erlaubt, laut zu sein und Raum einzunehmen? Was hat Frauenhass mit Redefreiheit zu tun und weshalb kann Liebe Arbeit sein? Mit derartigen Fragen könnte ich sicher noch eine ganze Weile fortfahren, denn Denkanstöße und unsagbare Dinge gibt es in dem Buch wahrlich genug. Klar: Selbst würde ich auch nicht alle Aussagen des Buches bedingungslos unterschreiben. Dafür haben einige der Schilderungen zu wenig mit meiner eigenen Lebenswirklichkeit zu tun. Manches empfand ich als zu gewollt provokant, andere Äußerungen waren mir zu subjektiv oder auch pauschalisierend. Aber dann – wusch! – gab es da diese schonungslos ehrlichen, verletzlichen, rebellischen, verstörenden Passagen, die mir fast den Boden unter den Füßen wegzogen. Das passierte besonders, wenn die Autorin persönliche Erlebnisse schilderte oder wenn einfach ein wunder Punkt erwischt wurde. Auf der anderen Seite reizten mich einige überspitzte Formulierungen sogar zum Lachen, wenn auch offen gesagt eher schlechten Gewissens. Außerdem verwendet Laurie Penny Worte wie Renitenz und Prinzessinnenpropaganda. Mal ganz ehrlich? Damit hat sie bei mir von vornherein einen Stein im Brett. Interessante, weiterführende Links und unzählige Buchtipps zu verwandten Themen sind ein weiterer Bonus zu all den wertvollen Denkanstößen.

Der Meuterei anschließen?

Im Grunde holt einen dieser Lesestoff aus der eigenen Komfortzone heraus. Er fordert dazu auf, seine Umgebung wacher zu beobachten, den alltäglichen Umgang miteinander zu hinterfragen und mal gründlich darüber zu sinnieren, welche Rollen man selbst einnimmt. Zum Meutern animiert fühlte ich mich hier und da tatsächlich. Immerhin wird jeder Mensch im privaten, wie beruflichen Umfeld mit geschlechtsspezifischen Erwartungen konfrontiert. Nachhaltig beeindruckt haben mich weiterhin die intensiven Passagen zu den Themen Vergewaltigung, Täter und Opfer. Im Grunde wird tatsächlich gefordert, dass sich eine Hälfte der Bevölkerung zum eigenen Schutz wie selbstverständlich gewissen Einschränkungen unterwirft: Verhalte dich unauffällig. Geh im Dunkeln nicht allein raus. Zieh dir keinen kurzen Rock an. Oberflächlich betrachtet klingt das alles völlig vernünftig, aber am Kern des Problems geht es vorbei. Allein über diese Problematik ließe sich schier endlos diskutieren. Abschließend kann ich sagen, dass meine persönliche Sicht auf den Feminismus durch das Buch erweitert wurde. Feminismus ist nicht feindselig oder radikal, sondern in Wahrheit nur verdammt unbequem. Wenn eine Gesellschaft als Ganzes aufgefordert ist an ihrer Einstellung zu arbeiten, leuchtet mir sofort ein, wo all der Gegenwind herkommt. Wahrscheinlich möchte jedoch niemand ernsthaft bestreiten, dass wir noch meilenweit von der Gleichberechtigung entfernt sind. Klingt irgendwie schwer verdaulich? Vielleicht stimmt das sogar. In erster Linie ist Unsagbare Dinge jedoch ein wunderbar erhellendes, leidenschaftliches Plädoyer für Gerechtigkeit, Toleranz und die Freiheit aller, ihren Wünschen entsprechend zu leben und zu lieben. Nach der Lektüre musste ich jedenfalls umgehend mit meiner Mutter telefonieren und auch einige Freundinnen zutexten. Die dadurch ausgelösten Gespräche waren denn auch äußerst spannend! Was kann man von einem Buch mehr verlangen?

Katrin

Titel: Unsagbare Dinge – Sex, Lügen und Revolution
Autor: Laurie Penny
Verlag: Verlag Lutz Schulenburg, Edition Nautilus

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