Mach die Augen zu, wenn du leben willst!

© Foto: Ilke, 2015

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Wir alle verlassen uns hauptsächlich auf unseren Sehsinn. Fast alles auf der Welt und in unserem Leben ist danach ausgerichtet. Was aber machen wir, wenn dieser Sinn plötzlich wegfällt? Wenn das Sehen lebensgefährlich wird? Was, wenn ohne Vorwarnung ein Phänomen auftritt, das Leute wahnsinnig werden lässt, die es sehen? Sie töten wahllos Menschen ihres Umfelds und danach sich selbst. Einziger Schutz ist es, die Augen zu verschließen; die Fenster und Türen abzuriegeln und zu verdunkeln. Lass es nicht rein, sieh es nicht an! Das ist die Ausgangssituation von BirdBox.

Seit vier Jahren hat Malorie das Haus, in dem sie mit ihren beiden Kindern wohnt, kaum verlassen. Sie huschen nur kurz zum Wasserholen und Abortausleeren hinaus. Stets haben sie die Augen dabei verschlossen. In ihrem Haus ist es duster, da alle Fenster verhangen sind. Es ist stickig, staubig und verwahrlost. Dieses Leben möchte Malorie nicht mehr führen, sie will ihren Kindern etwas besseres bieten. Nun endlich, im Schutze des Nebels, findet sie genug Mut, um mit den beiden zu einem sicheren Ort aufzubrechen. Dazu müssen die drei das Haus verlassen und auf einem Fluss neben dem Haus entlangfahren; zur Orientierung dienen nur ihr Gehör und Tastsinn. Malorie fragt sich, ob das jahrelange Training mit den Kindern reicht. Doch es muss reichen, es ist ihre einzige Chance.

Die Handlung des Romans, der an vielen Stellen einem Thriller gleicht, ist in zwei Stränge geteilt. Der Leser erfährt das Leben von Malorie und den Kindern in der Gegenwart; ihre Ängste, ihre Vorkehrungen zur Flucht und die Fahrt auf dem Fluss. In Rückblenden wird weiterhin die Vergangenheit von der Protagonistin beleuchtet: von den Anfängen der Katastrophe; dem Beginn Malories Schwangerschaft bis zum Ausgangspunkt der Geschichte.

Der Autor versteht es, eine düstere und bedrohliche Stimmung aufzubauen und kontinuierlich zu halten. Das Phänomen, das die Menschen zur Blindheit zwingt, ist allgegenwärtig, doch oftmals im Hintergrund. Das unterscheidet den Roman von anderen Endzeit- und Monster-Geschichten. Da (fast) ausschließlich aus Malories Perspektive erzählt wird, erfährt der Leser wenig über das Phänomen an sich. Das Augenmerk der Handlung liegt nicht auf der Endzeit und dem Ereignis, sondern auf den zwischenmenschlichen Beziehungen, die in solch einer Zeit entstehen. Man erfährt die Sorgen und inneren Einstellungen von Malorie und den Gefährten, die sie trifft. Wie gehen Menschen in so einer Situation um, wie orientieren sie sich, wenn das Sehen plötzlich gefährlich wird? All das finde ich sehr spannend, ich konnte das Buch kaum zur Seite legen. Der Schreibstil ist flüssig und sehr bildhaft. Die permanente Form des Präsens, auch in den Rückblenden, fand ich anfangs sehr irritierend, später aber habe ich gar nicht mehr darauf geachtet.

Den Titel und das Cover finde ich sehr gut gelungen. Es fängt gut die Atmosphäre ein. Wer wissen will, was es mit dem Titel auf sich hat, wird das Buch lesen müssen. Es lohnt sich auf jeden Fall.

Bird Box ist ein grandioses Buch und jedem zu empfehlen. Zu zart besaitet sollte man allerdings nicht sein. Es kommt nicht viel Brutalität vor, aber wenn, dann umso heftiger. Weiterhin ist dies eines der wenigen Bücher, mit dessen Ende ich vollkommen einverstanden war.

Ilke

Autor: Josh Malermann
Buchtitel: Bird Box
Verlag: Penhaligon

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