Auf engstem Raum im lichten Baum

© Foto: Katrin, 2015

Wie Karos Großmutter vor einiger Zeit ganz richtig bemerkte, besprechen wir auf Inkunabel sehr häufig Buchtitel oder Filme aus dem englischsprachigen Raum. Etwas mehr Abwechslung könne da doch nicht schaden, oder? Das kitzelte natürlich unseren Ehrgeiz. Daher haben wir uns nach ausgiebigen Diskussionen entschlossen, gewissermaßen Weltenbummler zu werden und Ländermonate einzuführen.

Was bedeutet das? Ganz einfach: Ab sofort werden wir in unregelmäßigen Abständen ein vorher festgelegtes Land in den Mittelpunkt rücken – und zwar in allen Beiträgen des jeweiligen Monats. Das wird sicher nicht ganz einfach sein, aber uns dafür hoffentlich einmal auf etwas weniger ausgetretene Pfade führen und für ordentlich Abwechslung sorgen! Da uns auf Anhieb zum schönen Frankreich besonders viele Ideen zuflogen, wird der Monat September ganz der Literatur, den Filmen und Spielen dieses Landes gewidmet sein. Wie ich finde, ein wunderbarer Anlass, um euch einen meiner Kinderbuch-Leseschätze näher vorzustellen: Tobie Lolness.

Dieses zweibändige Umweltmärchen des französischen Autors Timothée de Fombelle entdeckte ich vor etlichen Jahren in der Kamenzer Bibliothek und fand es schon damals unglaublich originell. Als ich letztens bei meiner liebsten Kinderbuchhändlerin Sisu im Regal stöberte, stand da direkt neben einem aktuelleren Titel des Autoren die Taschenbuchausgabe von Tobie Lolness. Damit war meine Wahl für das Lesefutter dieses Monats getroffen.

Schauplatz der Geschichte ist ein majestätischer alter Baum, auf dem die Baummenschen leben. Gerade einmal ein bis zwei Millimeter groß sind sie und im Grunde sehr friedliebend. Trotzdem beginnt die Geschichte ganz und gar nicht geruhsam, sondern mit einer atemlosen Jagd auf Tobie Lolness, den Sohn des Wissenschaftlers Sim und seiner Frau Maia. Auslöser für Tobies verzwickte Situation ist die übertriebene Nutzung von Rohstoffen, welche das fragile Gleichgewicht des Ökosystems im Baum gefährdet. Dessen Krone hat sich durch den Abbau von Baumsaft als Treibstoff immer mehr zu lichten begonnen, sodass sich der gesamte Lebensraum nachhaltig verändert. Die Erklärungsversuche und Handlungsvorschläge von Tobies Vater finden kein Gehör. Stattdessen wird die Familie Lolness des Verrats bezichtigt und gerät in Gefangenschaft. Von diesem Punkt an dreht sich alles um Tobies verzweifeltes Bestreben, seine zu Unrecht verurteilten Eltern zu befreien. Erst im Laufe der zwei eng miteinander verknüpften Bände werden die wahren Motive aller Beteiligten vollständig aufgedröselt, sodass Ein Leben in der Schwebe und Die Augen von Elisha nur gemeinsam funktionieren.

Diese Romane sind Fantasy im wahrsten und besten Sinne des Wortes: Ideenreich und kreativ baut sich vor den Augen des Lesers eine glaubhafte Welt auf, in die er vollkommen abtauchen kann. Nach all den Jahren, die seit meinem letzten Schmökern vergangen sind, hat mich die Geschichte noch einmal ganz neu begeistert. Damals ist mir gar nicht so bewusst gewesen, wie poetisch das Ganze streckenweise ist und wie stark die Figuren durch ihre Handlungen charakterisiert werden, statt durch bloße Beschreibung. Genau diese liebens- oder hassenswerten Personen sind es auch, die alles zusammenhalten. So zahlreich wie sie vertreten sind, weisen sie auch unglaublich viele Verbindungen untereinander auf. Im Grunde stellen die zwei Bücher eine Art Puzzle dar, das buchstäblich erst auf der letzten Seite vollständig gelöst wird. Hierfür springt der Autor zwischen Figuren und verschiedenen Zeitebenen hin und her und gibt häppchenweise seine Geheimnisse preis. Das einzuordnen und im Kopf zu verknüpfen ist schon anspruchsvoll. Dank der klaren, schönen Sprache wird jedoch der Lesefluss nicht merklich gestört und es fällt trotz der fragmentarischen Vorgehensweise erstaunlich leicht, den Überblick zu behalten.

Vertraue denen, die du liebst!

Müsste ich die Hauptmotive aus Tobie Lolness nennen, wären das wohl Familie und Verrat. Wie rote Fäden ziehen sich diese Themen durch die Geschichte und treiben die Geschehnisse unaufhaltsam voran. Hierfür gibt es unzählige Beispiele: Tobie will – nein: muss! – seine Eltern retten, diese wiederum würden absolut alles tun, um ihn zu beschützen. In die Irre geführte Freunde werden zu Verrätern, während sich mutmaßliche Feinde unerwartet loyal verhalten. Der Bösewicht Jo Mitch schließlich ist vollkommen besessen von dem Gedanken, mit seiner Herde Rüsselkäfer ein Loch in den Baum zu graben und verrät für diese haarsträubende Idee sein gesamtes Volk und dessen harmonische Art zu leben. Oft tun die Charaktere aufgrund von Missverständnissen und Vorurteilen genau das Falsche – häufig dann, wenn man es am wenigsten erwartet.

Letztendlich wird der Leser am Ende von Die Augen von Elisha nicht umhin kommen über die Geschichte zu reflektieren. Darüber, wie gefährlich Passivität sein kann oder dass sich hinter oberflächlicher Vernunft vielleicht eine Dummheit verbirgt, die besser hinterfragt werden sollte. Begreifbar gemacht wird außerdem, wie Machtstrukturen entstehen und warum Einschüchterung in einer Umgebung der Angst derart gut funktioniert. Im Gegenzug wird ebenso der Zusammenhalt untereinander thematisiert sowie der Mut, richtig zu handeln, ohne Rücksicht auf etwaige negative Konsequenzen. Klar wird zudem, dass sich überwältigende Angst, Nicht-Wissen und Ohnmacht schnell in Gewaltbereitschaft verwandeln können.

Ganz schön viel Stoff zum Nachdenken! Zwar entbehrt die Geschichte nicht einer gewissen Leichtigkeit, trotzdem kommen einige Szenen recht erwachsen daher. Neben den Lichtblicken von Freundschaft, Liebe und Humor und finden sich genauso dunkle Töne in allen möglichen Schattierungen. Das reicht von Intoleranz und Machtgier, über Erpressung und Versklavung bis hin zu Mord. Wie ich finde, sind hier gewisse Parallelen zu Cornelia Funkes Tinten-Trilogie erkennbar, die ebenfalls für Kinder wie Erwachsene funktioniert.

Etwas gestört hat mich zunächst, dass die Erzählung ausschließlich den verschiedenen Haupt- und Nebenfiguren folgt. Was in der Bevölkerung als Ganzes vorgeht, ob sich der Rest des Baumvolkes ÜBERHAUPT etwas denkt, ob sich großflächiger Widerstand gegen die Vorgänge im Baum regt, wird nicht thematisiert. Immerhin ist die Lebensgrundlage dieses Volkes in ernster Gefahr, doch niemand will es sehen, geschweige denn etwas dagegen tun. Folgerichtig bleibt die gesichts- und bewegungslose Masse im Hintergrund, aus der nur jene hervortreten, welche aktiv die Geschehnisse zum Guten oder Schlechten wenden. Verflixt! Verbirgt sich in Tobie Lolness etwa eine universelle Wahrheit, gar eine Botschaft? Eine intelligente Geschichte für Leser mit Köpfchen … Wie konnte das nur passieren? 😉

Katrin

Titel: Tobie Lolness – Ein Leben in der Schwebe, Tobie Lolness – Die Augen von Elisha, ab 12 Jahren
Autor: Timothée de Fombelle
Illustrator: François Place
Verlag: dtv Junior

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