Außen stachelig, innen raffiniert und schrecklich elegant

© Foto: Kristina, 2015

© Foto: Kristina, 2015

Paris, Rue de Grenelle 7, Erdgeschoss: Hier lebt Renée Michel, 54, Witwe. Sie führt nach außen das einfache Leben einer Concierge, die etwas kratzbürstig und einfach gestrickt ist. Heimlich hegt sie jedoch eine große Leidenschaft für die großen Werke der Literatur und Malerei – etwas, das dem Bild einer Concierge so gar nicht entsprechen mag und somit versteckt werden muss. Dies ist jedoch nicht immer leicht …

Paris, Rue de Grenelle 7, fünfter Stock: Das Zuhause von Paloma Josse, 12, und ihrer Familie. Sie ist heimlich hochbegabt, liest trotzdem am liebsten Mangas und hält das (Erwachsenen-)Leben für absurd. Um sich gar nicht erst dieser Absurdität auszusetzen beschließt sie, sich an ihrem 13. Geburtstag umzubringen.

Jede der beiden kämpft sich durch den Alltag. Paloma geht zur Schule, ärgert sich mit ihrer unnützen Schwester herum und versucht, bis zu ihrem Tod so viele tiefgründige Gedanken wie möglich zu sammeln. Renée gibt die brubbelige Concierge und liest. Einzig die Besuche ihrer herrlich pragmatischen Freundin Manuela, die bei den Herrschaften im Haus unter anderem (blattvergoldete) Klos putzt, bieten bei Tee und feinem Gebäck etwas Ablenkung. Doch dann wird das Leben der Hausbewohner auf den Kopf gestellt. Im vierten Stock zieht Kakuro Ozu ein, sehr japanisch und sehr präsentabel. Paloma ist sowohl begeistert als auch enttäuscht:

„So ein Pech, ausgerechnet jetzt, kurz bevor ich sterbe, muß das passieren! Zwölfeinhalb Jahre im kulturellen Notstand, und wenn ein Japaner auftaucht, muß ich mein Bündel schnüren … Das ist wirklich zu ungerecht!“

Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels, S. 152

Renée versucht, ihre einfältige Conciergen-Rolle weiterzuspielen, aber bei diesen verflixt höflichen Japanern ist das schwerer als gedacht. Und es kommt, wie es kommen muss. Sie verrät sich …

Die Eleganz des Igels ist ein Buch, das ich mit gemischten Gefühlen gelesen habe. Die Geschichte mag ich sehr und es gibt viele wunderbare Stellen, aber manchmal driftet es schon sehr ab und man wünscht sich fast ein Fremdwörterbuch … aber eben nur fast. Aus Renées Perspektive liest es sich etwas angenehmer – ihr Part ist auch in einer Serifenschrift gesetzt, wogegen Palomas serifenlos und eben teilweise recht strange daherkommt. Wer so gar nichts mit Philosophie anfangen kann, ist mit diesem Buch nicht gut beraten; wer sich allerdings von überschlauen Sätzen nicht abschrecken lässt erhält etwas, das ich irgendwie nur als zauberhaft beschreiben kann.
Der zugehörige Film Die Eleganz der Madame Michel ist ebenso zu empfehlen, auch weil Renée dort dieselbe Stimme wie Berta aus Two and a half men hat, die perfekt zur leichten Kratzbürstigkeit passt.

Kristina

Autor: Muriel Barbery
Buchtitel: Die Eleganz des Igels
Verlag: dtv

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3 Gedanken zu “Außen stachelig, innen raffiniert und schrecklich elegant

  1. dj7o9 schreibt:

    Ich liebe Mme Michel und diesen stacheligen Roman und seit ich ihn gelesen habe, ist mein größter Berufswunsch Concierge 😉 Nur der Mammutatem der muss nicht sein, aber an den Schopenhauer würde ich mich dann auch mal wagen, wenn ich den ganzen Tag lesen könnte. Danke für die Erinnerung an dieses wunderbare Buch.

    • Bettina schreibt:

      Aber so einen japanischen Nachbarn hätte ich dann bitte auch gern … Irgendjemand muss ja die Freude bei Tee und/oder gutem Essen teilen!

      • Katrin schreibt:

        Was ich mir Mr. Ozu noch immer gemerkt habe, waren weder Tee noch Essen, sondern seine musikalische Toilette. 😀 Grandiose Szene (im Buch, wie im Film)!

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