Hallo!? Ist das Mikro an? Eine Lobpreisung der unvergleichlichen Marie-Aude Murail

Marie-Aude Murail Cover

© Foto: Bettina, 2015

Liebe Marie-Aude Murail,

das erste Mal habe ich dich im Schaufenster einer Buchhandlung gesehen. Nun ja, genauer gesagt nicht wirklich dich, so live und in Farbe, sondern eines deiner Bücher. Dort ausgestellt stand, eigentlich ganz unscheinbar, Das unbedeutende Leben der Charity Tiddler. Bis heute ist mir nicht klar warum ich mir genau dieses Buch dann so verzweifelt zu Weihnachten wünschte, aber es landete auf jeden Fall – liebevoll von meiner Mutter eingepackt – unter dem Christbaum. Du bist also schuld daran, dass der nächste Weihnachtsfeiertag, nach einer durchlesenen Nacht, im Nebel der Müdigkeit unterging und du bist auch selbst dafür verantworlich, dass ich dir jetzt einen Liebesbrief schreiben muss. Geschieht dir Recht!

Einfach wird dieser Brief nicht werden, denn Übung im Liebesbriefe schreiben habe ich nicht wirklich. Alternativ könnte ich dir aber nur gegenüberstehen und mir nervös einen Knoten in die Zunge reden, während ich versuche dir zu beschreiben wie wichtig deine Bücher für mich sind. Was wenn ich ganz vergessen würde dir zu sagen, welche zwei Dinge mich ganz besonders an deinen Büchern beeindrucken? Erstens der Respekt, mit denen du deinen Figuren begegnest und zweitens natürlich das leise, aber unverkennbare Lächeln, das in deiner Sprache mitschwingt. Charity aus dem oben genannten Buch zum Beispiel ist ein sehr ungewöhnliches Kind, das gerade für das 19. Jahrhundert zu einer sehr eigensinnigen Frau heranwächst. Sie hat eine ganze Menagerie an gesundgepflegten Wald- und Wiesentieren als Kameraden, beobachtet für ihr Leben gern ihre Umgebung und hat so ihre Schwierigkeiten die menschlichen Artgenossen zu verstehen. Das hält sie aber keineswegs davon ab Freunde und Mentoren zu finden oder sich zu verlieben. Sie sieht das Zeichnen als ihr Talent und verbindet es auf einigen Umwegen mit ihren Naturbeobachtungen, um Geschichten für Kinder zu erzählen.

Dies ist natürlich angelehnt an das Leben von Beatrix Potter aber du schaffst es, anscheinend ganz mühelos, deine eigene Geschichte zu erzählen und wiederholt schelmenhaften Humor durchblitzen zu lassen. Gerade wegen dieses Funkelns fühlt sich das Buch immer wunderbar lebensfroh an. Es weckt auf und lockt zugleich, wie ein tiefes Einatmen vor dem ersten Schritt einer großen Reise, voller Enthusiasmus, ganz in der Gewissheit eines bevorstehenden Abenteuers. Andererseits nimmst du Charitys Sorgen durchaus ernst, belächelst ihre Fähigkeiten nicht und gibst ihr eine ernst zu nehmende Persönlichkeit. So kann ich ihr als Leser auf Augenhöhe begegnen und es fällt mir leicht mitzufühlen. Durch diese Kombination wurde ich schon beim ersten Lesen ganz euphorisch.

Also stand ich vor der Wahl entweder dieses Buch wieder und wieder zu lesen, was ich sowieso tun würde oder andere Bücher von dir ausfindig zu machen. Bei dieser Recherche habe ich dann festgestellt, dass ich mitnichten die einzige bin, die dein Werk liebt. Auch die Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises hat dich für sich entdeckt und ein anderes deiner Bücher zum Preisträger erkoren. Simpel ist die Geschichte von Barnabé, genannt Simpel und seinem Bruder Colbert. Die beiden ziehen in eine Wohngemeinschaft in Paris, damit Colbert auf einer guten Schule sein Bac absolvieren kann und Simple nicht vernachlässigt in einem Heim wohnen muss. Denn obwohl Simpel älter als sein 17-jähriger Bruder ist, ist sein geistiger Stand der eines Kleinkindes. So kommt es zu einigem Chaos in der Wohnung und für alle gilt es die Hürden des Erwachsenwerdens zu überwinden. Schließlich verliebt man sich auch mal, die Verantwortung für das eigene Leben wächst und aller Mut muss zusammengenommen werden. Auch in diesem Buch begegneten mir dein Einfühlungsvermögen und dein Mitgefühl. Simpel ist keine Karikatur eines Menschen oder eine Farce. Die Probleme der Familie und der Wohngemeinschaft sind real und nachvollziehbar, aber du tust sie nicht ab, sondern beschreibst sie sensibel und verständnisvoll. Gleichzeitig kommt es durch Simpels Fragen, seine alleinige Anwesenheit oder die Abenteuer rund um sein geliebtes Stofftier Monsieur Hasehase zu den komischsten Situationen.

Ich war dann also schon zwei deiner Bücher verfallen und wurde immer aufgeregter. Unter diesen Umständen konnte von einem glücklichen Zufall des passenden Themas oder einer Eintagsfliegen-Autorin schließlich nicht mehr die Rede sein. Mit dem dritten Titel war es dann endgültig um mich geschehen. In Über kurz oder lang geht es um Louis, der in der Schule wenig erfolgreich ist und jetzt das vorgeschriebene Praktikum auf Anregung seiner Großmutter hin in ihrem angestammten Friseursalon macht. Trotz seiner Schüchternheit und seines introvertierten Naturells blüht er dort geradezu auf und glaubt seinen zukünftigen Beruf gefunden zu haben. Seine Familie allerdings weiß davon noch nichts und wäre wohl auch wenig begeistert. Wieder ein ganz anderes Thema, eine vollkommen neue Figur, aber in einer Situation, die vielleicht der ein oder andere schon selbst erlebt hat und mit Ängsten, die es zu verstehen gilt. Das Gefühl des Neuanfangs durchströmt dieses Buch von der ersten Seite an und der Leser kann sich an dieser Entfaltung geradezu betrinken. Hier liegt für mich deine Stärke! Das Fingerspitzengefühl für Jugendliche und ihre Lebenswelt, welches du immer wieder unter Beweis gestellt hast, lässt dich nicht vor schwierigen Themen zurückscheuen. Du flüchtest nicht in Plattitüden oder vertraust auf Schockierendes, sondern verleihst deinen Geschichten eine unvergleichliche Leichtigkeit, die ich nicht missen mag.

So sind deine Bücher schon zu einem Heilmittel bei schlechter Stimmung für mich geworden oder ich habe sie gar als Mutmacher eingesetzt. Oft war ich untröstlich, dass ich dich nicht schon als Schülerin persönlich erleben konnte. Das wäre zwar sicher im Rahmen des Fremdsprachenunterrichts gewesen und zugegebenermaßen haben das Französische und ich schon immer eine eher kämpferische Beziehung geführt. Um aber tatsächlich wirkliche Lieblingsbücher in der Originalfassung lesen zu können, ringe ich auch klaglos mit den Tücken deiner Muttersprache. Wenn ich dich nach diesem Brief dann eines Tages doch einmal treffe, werde ich dir nur noch eines erzählen müssen: Ich habe 10 Bücher, die immer mit mir ziehen. Von Wohnung zu Wohnung, Stadt zu Stadt. Dein Buch ist dabei!

Viele Grüße,

Bettina

Autor: Marie-Aude Murail
Buchtitel: Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler, Simpel, Über kurz oder lang
Verlag: S. Fischer Verlag

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2 Gedanken zu “Hallo!? Ist das Mikro an? Eine Lobpreisung der unvergleichlichen Marie-Aude Murail

  1. Katrin schreibt:

    Einen Liebesbrief an die Autorin finde ich bei diesen drei wundervollen Büchern absolut angemessen! Meine Unterschrift darfst du gern mit drunter setzen. 😉 Vor allem, da ich erst durch dich auf diese Titel aufmerksam geworden bin. Dir gilt also auch meine uneingeschränkte Dankbarkeit, Bettina. 😀

    • Bettina schreibt:

      Gern geschehen! Ist ja nur fair bei den Prachtbüchern, die ich nur durch dich gefunden habe 😀 Wenn die Dame dann mal zur Autorenlesung hier auftaucht steh ich auch mit strahlenden Augen und einem riesigen Bücherstapel vor ihr? Zusammen sind wir dann schon fast ein Fanclub … Auf jeden Fall Fangirls.

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