Ein klitzekleines Rad in einer riesigen Maschinerie

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© Foto: Karoline, 2015

Seit zwei Jahren steht auf meinem Fensterbrett mein stattlicher Schuber der Schande. Genau 20 Bücher von Literatur-Nobelpreisträgern schreien seitdem danach von mir gelesen zu werden. Daher schien mir unser Weltenbummler-Monat gerade der richtige Zeitpunkt zu sein, um einmal diese literarischen Perlen genauer zu betrachten. Recht schnell wurde ich fündig, denn im Jahre 1957 bekam der Franzose Albert Camus den begehrten Preis verliehen. Sein Roman Der Fremde ist mit 126 Seiten zwar recht schmal, aber trotzdem keine leichte Kost für zwischendurch – ich habe dennoch nicht bereut es gelesen zu haben!

Gleichgültig, gefühlskalt und meinungslos – so lernt der Leser den Büroangestellten Meursault kennen. Als seine Mutter im Altersheim stirbt verspürt er keinerlei Trauer oder Zorn. Lediglich vor seinem Chef versucht er die freien Tage, die er nun bekommt zu rechtfertigen, indem er betont, dass es ja wohl nicht seine Schuld sei. Bei Totenwache und Beerdigung vergießt er keine einzige Träne und kann bei Trauerbekundungen nicht einmal die Frage beantworten, wie alt seine Mutter denn nun eigentlich geworden sei. Einzige Motivation und Gefühlsregungen an diesem Tag sind für ihn das schöne Wetter, das kommende Essen sowie der viele Schlaf durch den zusätzlichen freien Tag. Kurze Zeit später freundet er sich mit seinem zwielichtigen Nachbarn Raymond an, der im Viertel als Zuhälter verschrien ist. Gemeinsam hecken sie einen Plan aus, um die angeblich unehrliche Freundin Raymonds zu bestrafen. Nachdem Raymond sie so verdroschen hat, dass alle Nachbarn sowie Polizei auf der Matte stehen, schwört der Bruder der Gepeinigten Rache. Am Strand kommt es zu einem blutigen Höhepunkt, für den sich Meursault anschließend in einem harten Gerichtsverfahren verantworten muss. Er, der doch eigentlich immer nur irgendwie dabei und nie der wahre Strippenzieher war, bekommt nun die ganze Härte des Gesetzes zu spüren.

Das Drama ist aus Sicht des Hauptcharakters geschrieben. Der Leser erfährt Meursaults geheimste Gedanken und muss sich ebenfalls mit seiner allzeit präsenten Gleichgültigkeit sich selbst und anderen gegenüber abfinden. Er betrachtet alles und jeden als austauschbar, als kleines Rad in einem riesigen System, das sofort ersetzbar ist und das auf lange Sicht niemand vermissen wird. Wie er zu dieser trostlosen Weltanschauung gelangen konnte, erfährt man nicht. Lediglich eine Andeutung am Rande lässt vermuten, dass Meusault als Student einmal Ideale und Ziele im Leben hatte, die durch seinen erzwungenen Studienabbruch zunichte gemacht wurden und einer tiefen Bitterkeit wichen.

Im ersten Teil dieses Dramas findet die Beerdigung seiner Mutter statt, bei der der Leser einen ersten Eindruck seiner Art zu Denken gewinnen kann. Kurzum: Meursault scheint mir von Anfang an ein kleiner Soziopath zu sein. Diese Vermutung wird im zweiten Teil vollends bestätigt. Als Beispiel sei hier der Umgang mit seiner Geliebten Marie zu nennen. Als sie ihn fragt, ob er sie liebe, antwortet er nur schlicht mit einem „nein“ – doch er wäre nicht abgeneigt sie zu heiraten, wenn sie sich das denn unbedingt wünsche. Weder sie noch ich können dort seine fragwürdige Motivation nachvollziehen.

Selbst wenn ich die Lebensgeschichte von Meusault nicht außergewöhnlich finde und im ganzen Buch eigentlich recht wenig passiert, kann ich doch an anderer Stelle die Rechtfertigung für den Nobelpreis erkennen. Der einfache und nüchtern gehaltene Schreibstil, der gern Wortwiederholungen als stilistisches Mittel einsetzt, erschafft diese deprimierende Atmosphäre, unter der auch der Hauptheld leiden muss. Ich konnte sehr häufig seine trüben, jedoch philosophischen Gedankengänge nachvollziehen. Was wird wirklich von uns bleiben, wenn wir einmal weg sind? Wird es jemanden geben, der einfach unseren Platz einnimmt? Wenn sich niemand mehr an uns erinnert, hat es uns dann überhaupt gegeben? Diesen existentialistischen Gedanken werde ich dank Albert Camus wohl noch an so einigen regnerischen Tagen nachhängen. Der Autor jedenfalls braucht sich darum keinerlei Gedanken zu machen, denn sowohl sein Nobelpreis als auch sein tragischer Tod nach einem Autounfall drei Jahre nach der Verleihung werden noch lange im Gedächtnis der auf der Welt Zurückgelassenen bleiben.

Das war es auch schon mit unserem ersten Weltenbummler-Monat. Wir hoffen, euch hat der kleine Ausflug ins schöne Frankreich genauso gefallen wie uns. Wer noch etwas länger schwelgen möchte, kann das gerne bei unseren Buch-Rezensionen zu Glückliche Menschen küssen auch im Regen von Agnès Martin-Lugand oder Ich wär‘ so gerne Ethnologin … von Margaux Motin tun.

Wir waren dadurch auf jeden Fall so inspiriert, dass wir uns im nächsten Jahr schon auf weitere Weltenbummler-Monate einigen konnten – euch erwartet also bald das ferne Japan.

Karoline

Autor: Albert Camus
Buchtitel: Der Fremde
Verlag: Axel Springer AG

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3 Gedanken zu “Ein klitzekleines Rad in einer riesigen Maschinerie

    • Karoline schreibt:

      Oh, sehr interessant. In welchem Buchclub bist du denn? Und habt ihr den Roman dann richtig analysiert? Da gibt’s bestimmt viele tiefgründige Symbole, die mir beim ersten Mal Lesen gar nicht aufgefallen sind…

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