Wehe, wenn sie wieder spielen!

© Foto: Katrin, 2015

Zunächst dachte ich ernsthaft, die Jugendbuchreihe Finns Welt von Oliver Uschmann bereits auf Inkunabel empfohlen zu haben. Aber nein – alles Suchen auf unserer Seite war vergeblich! So stellten sich fast umgehend Schuldgefühle bei mir ein, als ich neulich vor dem Laptop sitzend mit leichtem Unbehagen nach rechts zu meinem Bücherregal schaute. Irgendwie schienen die drei Titel in ihrem Verlangen nach Zuwendung und gebührender Lobpreisung vorwurfsvoll zurück zu starren. Recht haben sie, denn unter den Titeln für die Altersgruppe ab 12 Jahren zählen die Abenteuer von Finn, Lukas und Flo zu meinen unbedingten Favoriten.

Finn Anders, der Protagonist der Buchreihe, ist 13 Jahre alt und ein begnadeter Lügner. Menschen wie Situationen schätzt er blitzschnell ein und führt nicht selten sogar seine Eltern aufs Glatteis. Außerdem kann er sich so gut wie alles merken was er aufschnappt. Wenn er mit seinen aberwitzigen Ideen regelmäßig übers Ziel hinaus schießt, sorgt das häufig für ziemliches Chaos. Sein fast ein Jahr älterer Kumpel Lukas Lindner ist ein leidenschaftlicher Fußballer, der nicht nur extrem durchtrainiert ist, sondern auch tatkräftig und manchmal etwas großspurig. Heckt Finn mal wieder einen abgefahrenen Plan aus, ist Lukas ohne große Worte dabei. Dasselbe gilt für den intelligenten Florian Hertl, der bei seiner alternativ eingestellten Mutter aufwächst. Den eingefleischten Gamer locken nur seine besten Kumpel (oder eine tragbare Spielkonsole) aus dem Kaninchenbau. Auf jeden Fall könnten die drei Freunde zwar unterschiedlicher nicht sein, halten aber trotzdem zusammen wie Pech und Schwefel.

Drei Bücher, drei Quests

Im ersten Teil der Buchreihe, Finn Released, erhält der geneigte Leser bereits zu Anfang eine Anleitung zum erfolgreichen Flunkern:

Das war ein gutes Bild, das mit dem stummen Schrei. Wer will, dass man seine Geschichten glaubt, braucht gute Bilder. Und viele Details. Das ist wichtig.

Finn Released, Oliver Uschmann, S. 18

Ein überaus nützliches Talent! Das kommt zum Einsatz, als die drei aufgrund akuter Langeweile und inspiriert von Flos innig geliebten Spielen ihre eigene Quest ersinnen: „Querfeldein“. Flo ist natürlich gleich mit Feuereifer dabei und erstellt das passende Regelwerk samt ausgeklügeltem Punktesystem. So lautet die Aufgabe, 12 Stunden lang immer geradeaus zu gehen. Egal ob Wald, Bahnschienen, Supermarkt oder Privatgrundstück – um bei der Überwindung von Hindernissen zu punkten, darf der sieben Meter breite Aktionskorridor nicht verlassen werden! Ganz klar, dass da etliches schief geht und im Laufe der Wanderung auch einige Probleme ans Licht kommen, mit denen sich die Jungs herumschlagen. Ob die Quest trotzdem gelingen kann?

Finn Reloaded stellt sich einer völlig anderen Problematik. Da Flo eine Vaterfigur in seinem Leben vermisst, lautet die Aufgabe dieses Mal, für Florians schöne, jedoch leicht schräge Mutter einen passenden Lebensgefährten zu finden. Aufgrund ihrer hohen Ansprüche ist das gar nicht so einfach und das Trio macht sich daran, ein ausgeklügeltes Charakter-Bewertungssystem zu entwerfen. Demnach müssen potentielle Partner in den vier Kategorien Masculinity, Mood, Mind und Mechanics möglichst viele Punkte erzielen. So kommt es beispielsweise dazu, dass drei erfolgsorientierte Herren der Schöpfung auf Zeit Betten beziehen dürfen – Lacher garantiert! Obwohl zunächst keine passenden Resultate erzielt werden können, taucht plötzlich doch noch ein Mann auf, der Flos Mutter tatsächlich gefällt. Zudem kann er allein mit bloßen Händen, etwas Holz und Moos Feuer machen sowie problemlos ein Baumhaus bauen. Wenn das mal nicht perfekt klingt …

Im dritten Band, Finn Remixed, ertricksen sich die Freunde den Traum aller 13-Jährigen: drei Wochen sturmfrei. Was stellt man mit soviel unüberwachter Freizeit bloß an? Ganz klar: Eine neue Quest wird gestartet. Mit Hilfe der Schwarzgeldkasse von Lukas’ Vater machen die Jungs es sich zur Aufgabe, ihre eigene Welt zu erschaffen: „Andersland“, eine elternfreie Welt voller Spaß für geknechtete Jugendliche. Flugs wird über Facebook das benötigte Volk rekrutiert und die drei Häuser samt ihren Grundstücken werden umgewandelt in Taverne, Fallen-Haus oder Farm. Mein persönliches Highlight war der Einsatz von Kerkerwand-Tapete, um nach einem Stromausfall in Flos Haus das Ambiente eines mittelalterlichen Schlosses herzustellen. Wie die drei Jungs und ihre Freundin Vivien im Laufe der realen Aufbausimulation herausfinden, ist es echt kniffelig, eine neue, halbwegs demokratische Gesellschaft am Leben zu erhalten.

Pfiffige Stories aus dem Alltag

Die Prämissen der einzelnen Bände bilden immer das Kernstück der Geschichte und bringen alles erst so richtig in Gang. Das Schöne an den Büchern ist außerdem, dass sie unabhängig voneinander gelesen werden können. Auf der inneren Buchklappe werden knapp die Startsituation, die Teilnehmer sowie die aktuelle Quest erläutert. Zusätzlich enthalten Teil 2 und 3 eine kurze Einleitung zu den Figuren und bereits gelösten Aufgaben, sodass der Einstieg leicht fällt.

Was mich vollkommen überzeugt hat, sind neben den symphatischen Charakteren insbesondere der Ideenreichtum und die Realitätsnähe der Geschichten. Meiner Meinung nach sind allein die Quests ziemlich genial und werden stets mit einem Augenzwinkern geschildert. Erzählt wird in Echtzeit aus der Ich-Perspektive von Finn, was es einem leicht macht, sich mit dieser Figur zu identifizieren. Die verwendete Sprache ist genauso klar wie schön und die Dialoge sind so nah an der Umgangssprache gehalten, dass man förmlich vor sich sehen kann was passiert. Alle Situationen scheinen direkt aus dem Alltag gegriffen: das unterschiedliche Familienleben der Jungs, die Unterhaltungen und das Abhängen mit Freunden, gelegentliche Reibereien … Im Kinderbuchladen Serifee unterhielt ich mich eines Tages mit einem Kunden, der die Bücher gemeinsam mit seinen zwei Söhnen gelesen hatte. Alle drei waren hellauf begeistert von Finns, Lukas’ und Florians Abenteuern. Am Ende des Gespräches meinte der Vater ganz trocken, spätestens seit dem dritten Band würde er seine Jungs nur mit miesem Bauchgefühl unbeaufsichtigt über längere Zeit zu Hause lassen. 😀

Wenn es an den Büchern etwas zu bemängeln gibt dann ist es wohl, dass die Hauptfigur Finn für sein Alter wahrscheinlich etwas zu schlau ist. Im Grunde weiß er alles und verfügt über nahezu unmenschliche Überzeugungskraft. Das Gute ist jedoch, dass alle Aktionen stets realistische Konsequenzen nach sich ziehen. So erlebt Finn es beispielsweise, dass ihm aufgrund seiner Lüge über einen Wildunfall niemand mehr glaubt, als dann tatsächlich einer passiert. Deshalb darf die coole Hauptfigur meiner Meinung nach ruhig etwas übertriebene Stärken aufweisen. Vom Gefühl her wird in jedem Teil einer der Charaktere in den Vordergrund gerückt – zunächst Finn, dann Flo und am Ende Lukas. Allerdings wurde das im dritten Band nicht konsequent umgesetzt, sondern bedingt durch die Quest eher die Gruppendynamik näher beleuchtet. Dass mit Lukas’ Freundin Vivien ein überzeugender Mädchencharakter eine wichtige Rolle spielt, empfand ich als angemessene Bereicherung, während die Beschreibung von Lukas’ Persönlichkeit doch etwas zu oberflächlich blieb.

Mich würde es definitiv sehr freuen, wenn die Geschichte um die drei Jungs und ihren erweiterten Freundeskreis noch weiterginge. Immerhin eröffnen die letzten Seiten von Finn Remixed spannende Perspektiven und ich hatte sofort das Bedürfnis, mehr zu erfahren. Die drei Romane sind derart originell, intelligent geschrieben und witzig, dass beim gemeinsamen Lesen selbst Eltern ihren Spaß haben werden. Jedenfalls war es klasse, noch einmal ausgiebig in den Büchern zu schmökern. Außerdem fiel mir gerade eben ein, wem sie noch gefallen könnten. Ich bin dann mal weg und schnüre ein Päckchen für meine Bekannte Jule. 😉

Katrin

Titel: Finns Welt – Finn Released, Finn Reloaded und Finn Remixed; ab 12 Jahren
Autor: Oliver Uschmann
Verlag: Loewe

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4 Gedanken zu “Wehe, wenn sie wieder spielen!

  1. Karoline schreibt:

    Meinst du das könnte auch was für mich sein? Ich finde von der Beschreibung her klingt es fast wie eine kindlich-jugendliche Version von Scott Pilgrim 😄

    • Katrin schreibt:

      Vergleichen würde ich es nicht unbedingt. 😉 Aber dafür kommt halt alles ziemlich real rüber – man nimmt dem Autor ab, dass so abgefahrene Sachen wirklich passieren könnten (theoretisch, unter gewissen Umständen). Das gefällt mir einfach.

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