Vier völlig verstörende Frauen und ein Todesfall

© Foto: Katrin, 2016

Lange habe ich darüber nachgegrübelt, welches Buch ich zu unserem japanischen Fernlesen beisteuern möchte. Nur eines wusste ich genau: eine Autorin sollte es sein! Der Dezember ging ins Land und so langsam wurde die Zeit reichlich knapp. Zum Glück drückte mir Ilke kurz vor Weihnachten den Thriller Die Umarmung des Todes von Natsuo Kirino in die Hand – ein Mängelexemplar vom Grabbeltisch. Obwohl der Titel bereits 1997 erschienen war, hätte sie der Klappentext total angesprochen. Als Weltenbummler-Beitrag seien ihr aber die 600 Seiten Umfang momentan zu viel. Ein Mord und vier darin verwickelte Frauen? Auch mein Interesse war geweckt und damit mein literarisches Problem gelöst. Erwartungsvoll vertiefte ich mich also in die Abgründe der menschlichen Seele.

In einer Lunchpaket-Fabrik in Tokio arbeitet die 34-jährige Yayoi regelmäßig mit den drei anderen Frauen Masako, Kuniko und Yoshië am Fließband. Die Nachtschicht dort ist zwar lang und öde, bringt jedoch einen etwas besseren Stundenlohn ein. Mit dem hart verdienten Geld wollen sich Yayoi und ihr Mann Kenji irgendwann eine eigene kleine Wohnung leisten. Obwohl ihr Alltag eher freudlos ist und ihr Mann sie längst nicht mehr liebt, hält die junge Frau hartnäckig durch, vor allem wegen der zwei gemeinsamen Söhne. Als Kenji eines Abends mal wieder viel zu spät und angetrunken nach Hause kommt, beichtet er ihr hämisch, die gesamten Ersparnisse in einer Spielhölle durchgebracht zu haben. Yayoi sieht rot – und tötet ihn im Affekt. Als sie hilfesuchend eine ihrer Kolleginnen anruft, ahnt keine von ihnen, welch schwerwiegende Folgen das Vertuschen des Mordes nach sich ziehen wird …

Nachdem Yayoi ihren Ehemann ermordet hatte und dessen Leiche beiseite geschafft worden war, lagen noch immer drei Viertel des Romans vor mir. Wegen dieses scheinbar vorzeitigen Höhepunktes dachte ich mir: Was bitte soll da jetzt noch kommen? Rückblickend erklärte sich das natürlich von selbst: die Handlung ergibt sich ganz aus den ungleichen, teilweise gegensätzlichen Charakteren. In sieben Kapiteln schildert die Autorin vier Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: die scheinbar perfekte Ehefrau Yayoi Yamamoto, die selbstsichere Zynikerin Masako Katori, die völlig überforderte Yoshië Azuma und schließlich Kuniko Jonouchi, die ständig Geld und Status hinterher jagt. Da jede der Frauen ihr eigenes Päckchen zu tragen hat, entstehen trotz des gemeinsamen Geheimnisses unweigerlich Missgunst und Spannungen, die stetig Druck aufbauen. Ein regelmäßiger Perspektivenwechsel zu wichtigen Nebenfiguren ermöglicht zwar etwas Entspannung, wirft jedoch zusätzliche Fragen auf.

Leitmotive des Romans sind der starke Wunsch nach Freiheit und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Beide sind hier eng verknüpft mit dem Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit. Nicht umsonst ist der schnöde Mammon Auslöser des Mordes. Die Sehnsucht nach Selbstbestimmung verbindet alle vier Protagonistinnen und offenbart letztendlich deren dunkelste Gedanken. Interessant ist außerdem, dass die eigentlichen Hauptfiguren des Romans erst allmählich, fast unbemerkt, in den Vordergrund rücken. Wirkliche Symphatien konnte ich jedenfalls nur für eine einzige Person entwickeln. An einer Stelle des Buches dachte ich sogar, dass keine der Frauen verdient hat, heil aus der Sache raus zu kommen. Im Grunde habe ich ständig darauf gewartet, dass alles auffliegt und alle vier zur Verantwortung gezogen werden – insbesondere, als das schwer zu hütende Geheimnis immer weitere Kreise zieht. Durch geschickte Querverbindungen und unerwartete Wendungen sorgt Natsuo Kirino für einige Überraschungen. Daher bleibt der Ausgang fast bis zum Schluss unklar.

So ist Die Umarmung des Todes kein Who-Dunnit, sondern befasst sich mit Motiven, Konsequenzen und gestörten Persönlichkeiten. Dass dieser klug verfasste Roman nahezu 20 Jahre auf dem Buckel hat, merkt man ihm nicht an, denn er verfügt über eine gewisse Zeitlosigkeit. Er ist durchgängig spannend, an einigen Stellen nahezu zynisch und sorgt durch seinen präzisen, kühlen Schreibstil für Gänsehaut. Diese Geschichte lebt eindeutig von ihren Figuren und wartet förmlich darauf, gelesen zu werden. Liebhaber eiskalter Thriller bekommen hier vielschichtige Unterhaltung für dunkle, kuschelige Winterabende.

Katrin

Autorin: Natsuo Kirino
Buchtitel: Die Umarmung des Todes
Verlag: Goldmann Verlag

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2 Gedanken zu “Vier völlig verstörende Frauen und ein Todesfall

  1. Melanie schreibt:

    Hallo Katrin,
    „Umarmung des Todes“ hat mir mal vor Jahren meine beste Freundin ausgeliehen. Erst wusste ich gar nicht, was ich von dem Buch halten sollte, aber je mehr ich gelesen habe, desto toller fand ich es. Ist wirklich n kleiner Geheimtipp! 🙂
    LG Melli

    • Katrin schreibt:

      Empfand ich ganz ähnlich! Thriller zählen ja gar nicht unbedingt zu meinen Lieblingen. Aber das Buch entwickelte dann einfach einen ziemlichen Sog. Und dann diese Kaltblütigkeit … 😀 Echt gut geschrieben.

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