So seltsam die Nacht

© Foto: Ilke, 2015

So gut wie jeder freut sich, nach einem anstrengenden Tag ins Bett zu fallen, die Nacht und den Schlaf zu genießen. Doch manchmal ist die Nachtruhe fern oder nicht erholsam. Im Erzählband Dornröschenschlaf von Banana Yoshimoto wird dieses Thema aufgegriffen. In drei Geschichten erzählt sie von seltsamen Begebenheiten während der Nacht, vom Schlaf und vom Erwachen.

Dornröschenschlaf
Terako könnte den ganzen Tag nur schlafen. Immerzu ist sie müde, immer öfter ist sie von einfachen Tätigkeiten erschöpft, sie fällt ins Bett und versinkt sogleich in einen tiefen Schlaf. Einzig die Telefonanrufe ihres Liebsten Iwanaga vermögen sie aufzuwecken. Er sorgt sehr gut für sie, deshalb braucht sie nicht zu arbeiten und kann tagsüber tun und lassen, was sie will. Sie genießt die regelmäßigen Treffen mit ihm, doch fühlt sie sich gleichzeitig einsam. Der Tod ihrer Freundin Shiori hat sie tief getroffen und ein großes Loch in ihr hinterlassen. Wie soll sie damit umgehen? Sollte sie Iwanaga davon erzählten und vor allem: Kann sie sich aus den klammernden Klauen des immer häufiger auftretenden Dauerschlafes befreien?

Nachtwanderer
Shibami muss mit dem Tod ihres Bruders Yoshimoto klarkommen. Ein längst vergessener Brief über ihn taucht plötzlich wieder auf und lässt sie in Erinnerungen schwelgen. Doch nicht nur Shibami, sondern auch ihre Cousine Marië, die eine Beziehung mit Yoshimoto führte, ist im Trauerprozess gefangen. Marië zieht jede Nacht durch Bars, verschwindet ab und zu ganz und taucht – einem Geist gleich – immer öfter nachts bei Shibami zu Hause auf. Shibami muss nicht nur sich selbst, sondern ebenso ihrer Cousine über die Trauer hinweghelfen. Der plötzliche Anruf einer ehemaligen Austauschschülerin, die angeblich ein Kind von Yoshimoto erwartete, macht das aufkeimende Chaos perfekt. Und so überlegt Shibami, sich mit der einstigen Freundin zu treffen.

Eine geheimnisvolle Erfahrung
Seit geraumer Zeit betrinkt sich Fumi jeden Abend. Nur im Rauschzustand kann sie dieses wunderschöne und betörende Lied hören, wenn sie ihr Ohr ans Kissen drückt. Bei einem Gespräch mit ihrem Freund Mizuo kommt ihr plötzlich ihre einzige Rivalin Haru in den Sinn, mit der sie einst um die Gunst des gleichen Mannes buhlte. Nach etwas Recherche findet sie heraus, dass Haru verstorben ist. Versucht die Tote vielleicht, mit Fumi Kontakt aufzunehmen? Auf Anraten ihres Freundes nimmt Fumi an einer Seance teil.

Jede der drei Erzählungen ist in der Ich-Perspektive verfasst. Sie stehen unabhängig voneinander und sind doch aufgrund der gleichen Thematik Schwestern, wie die Autorin betont. Mit 176 Seiten in der Taschenbuchausgabe (110 Seiten in der E-Book-Ausgabe) ist das Buch recht dünn und die Episoden entsprechend kurz gehalten. Die Autorin versteht es, mit wenigen, dafür aber sehr poetischen Worten stimmige Geschichten zu ersinnen. So dunkel wie die Nacht sind auch die Themen, die in den Geschichten angesprochen werden. Es geht um Verlust, Tod, Depression und Sucht, weshalb die Grundstimmung sehr melancholisch und traurig ist. Dennoch vermag es Banana Yoshimoto auch Hoffnung und Trost zu spenden. Dies gelingt ihr vermutlich deshalb so gut, weil sie eigene Erfahrungen in jede Geschichte hat einfließen lassen.

Obwohl jede der drei Storys den gleichen Aufbau und eine ähnliche Thematik besitzt, fand ich alle gelungen. Anfangs hatte ich die Befürchtung, dass ich mich langweilen könnte, diese löste sich aber zum Glück in Luft auf. Die Geschichten sind recht gleich und trotzdem anders; für jeden ist etwas dabei. Mich hat vor allem die erste Kurzgeschichte angesprochen, irgendwie fühlte ich mich mit Terako verbunden. Geschichte Nummer Drei ist dem einen oder anderen vielleicht zu spirituell, mich hat das nicht gestört – im Gegenteil. Vermutlich braucht man eine gewisse Stimmung, um die Erzählungen genießen zu können. Sie zu lesen lohnt sich allemal. Vielleicht in der nächsten, schlaflosen Nacht?

Ilke

Autor: Banana Yoshimoto
Buchtitel: Dornröschenschlaf – Drei Erzählungen von der Nacht
Verlag: Diogenes

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s