Das doppelte Lottchen auf Japanisch

© Foto: Karoline, 2016

© Foto: Karoline, 2016

Bereits im Weltenbummler-Monat zu Frankreich konnte ich euch mit meinem stattlichen Schuber der Schande bekannt machen. Dieser sollte nun auch bei Japan zum Einsatz kommen – und tatsächlich fand ich einen japanischen Nobelpreisträger aus dem Jahre 1968 namens Yasunari Kawabata. Sogleich vertiefte ich mich in sein Werk Kyoto oder Die jungen Liebenden in der alten Kaiserstadt und war überrascht, wie feinfühlig ein Mann doch das Schicksal einer jungen Frau beschreiben konnte.

Die junge Chiëko ist das einzige Kind eines Stoffgroßhändlers. Das einst florierende Unternehmen muss seit der Amerikanisierung Japans und der damit einhergehenden Industrialisierung des Gewerbes immer weitere Verluste einstecken. Der Familienvater liebt es Muster für seine geliebte Tochter zu entwerfen, obwohl er doch eher den Handel seiner Stoffe antreiben sollte. Um das Familienerbe zu retten sieht er nur zwei Auswege: die Firma verkaufen, solange sie noch Gewinn abwirft oder Chiëko günstig verheiraten. Letzteres könnte er jedoch ohne Einwilligung seiner Tochter nie übers Herz bringen. Zur Auswahl stünden Hideo, Sohn eines Webers und Geschäftspartners, sowie Chiëkos Kindheitsfreund Shinichi, ebenfalls Sohn eines Geschäftspartners.

Chiëko dagegen hat ganz andere Probleme. Seit ihrer Kindheit weiß sie, dass sie nicht das leibliche Kind ihrer Eltern ist, sondern als Findelkind in die Familie kam. Ihre Eltern lieben sie wie ihr eigen Fleisch und Blut und auch Chiëko macht sich keinerlei Gedanken um ihre Blutsverwandtschaft, bis sie eines Tages per Zufall auf ihre Zwillingsschwester Naëko trifft. Diese lebt bescheiden und arbeitet in einem kleinen Dorf, das vom Herstellen und Verarbeiten des berühmten Zedernholzes lebt. Immer wieder treffen sich die beiden trotz des Ständeunterschieds und können doch nicht so recht zueinander finden. Als dann noch die Heiratskandidaten ins Geschehen eingreifen, gibt es ein wahres Gefühlschaos.

Sehr markant bei Kawabatas Werk ist die Symbolhaftigkeit. Immer wieder werden Dinge nicht direkt angesprochen, sondern wie ein Gleichnis analysiert. So zieht sich durch das komplette Buch der Vergleich der beiden Zwillingsschwestern mit den beiden Veilchen, die in einem Ahornbaum im Garten blühen – nahe beieinander am selben Ort, doch nie komplett zueinander findend.

Chiëko sah, daß die Veilchen am Stamm des alten Ahornbaumes aufgeblüht waren. […]

Sie waren etwa einen Fußbreit voneinander entfernt. Als Chiëko ins mannbare Alter gekommen war, dachte sie manchmal: „Ob die Veilchen zueinander finden können? Ob sie sich kennen?“ Doch was kann „einander finden“ und „sich kennen“ für Veilchen bedeuten! […]

Schaute Chiëko von der Veranda hinüber oder sah sie den Stamm hinauf, und kam die Zeit, da das „Leben“ der Veilchen auf dem Baume sie anrührte, drang ihr ein Gefühl der Einsamkeit ins Herz.

Yasunari Kawabata, Kyoto oder Die jungen Liebenden in der alten Kaiserstadt, S. 7 f.

 

Am Ende hatte ich sogar die Überlegung, ob selbst die Zwillingsschwester nur eine Metapher für Chiëkos Wunschtraum sein könnte, frei von gesellschaftlichen Konventionen ein einfaches, aber glückliches Leben führen zu können.

Die ganze Handlung hätte auf 50 Seiten zusammengestaucht werden können, doch verliehen die anderen 140 Seiten dem Roman erst diese einzigartige Poesie. Es geht eben nicht nur um Chiëko und ihr Leben, sondern auch um den Alltag im modernen Kyoto, einer Stadt, die gefangen ist zwischen Tradition und Moderne. Altes und Neues treffen permanent aufeinander und gestalten das Leben der Einwohner zunehmend schwierig – so zum Beispiel den Kleidungsstil. Chiëko trägt die meiste Zeit einen klassischen Kimono mit Obi, den ihr Vater immer liebevoll für sie aussucht. Doch als sie im Winter hoch ins Zederndorf läuft, muss sie um sich zu wärmen westliche Hosen tragen.

Japans wunderschöne Flora im Wandel der Jahreszeiten bekommt ebenso wie die Kultur der Festlichkeiten einen festen Platz im Buch und macht es daher für alle Japan-Liebhaber zu einem besonderen Leseerlebnis. Doch Achtung: Ihr müsst Zeit mitbringen, denn sowohl die einzelnen Blumenarten, als auch die Feste zu Göttern und Heiligen werden nicht erklärt und bedürfen daher einer ausgiebigen Recherche.

Für mich jedenfalls war Kyoto oder Die jungen Liebenden in der alten Kaiserstadt ein wunderbarer Ausflug in die so ferne und fremde japanische Kultur. Einige Dinge verstehe ich nun besser, doch vieles bleibt mir nach wie vor ein Rätsel. Ebenfalls poetisch, aber auch frustrierend war das Ende. Zu meinem Leidwesen ist es offen, sodass ich mich nun schon seit Tagen frage, was wohl aus den mir lieb gewordenen Figuren geworden ist. Da muss ich mir nun anscheinend selbst etwas ausdenken.

Leider scheinen die Literatur-Nobelpreisträger in der damaligen Zeit nicht besonders viel Glück gehabt zu haben. Nachdem ich schon wegen des tödlichen Autounfalls von Albert Camus traurig war, musste ich nun lesen, dass auch Kawabata keines natürlichen Todes gestorben ist. Man konnte bis heute nicht einwandfrei klären, ob die Gasvergiftung ein Unfall oder Selbstmord war.

Karoline

Autor: Yasunari Kawabata
Buchtitel: Kyoto oder Die jungen Liebenden in der alten Kaiserstadt
Verlag: Axel Springer AG

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