Samstagshäppchen: Gesichter der Wohnungslosigkeit

© Foto: Ilke, 2015

© Foto: Ilke, 2016

Als die Berliner Morgenpost im Dezember 2013 ihre Redaktionsräumlichkeiten an den Kurfürstendamm verlegte, nahmen die Redakteuere bald etwas wahr, das allgegenwärtig ist und doch kaum beachtet wird. Ein Obdachloser lag vor der Tür ihres Büros. Mit neuem Blick beobachteten Sie, wieviele Menschen immerzu unterwegs sind und sich in keine eigene Wohnung zurückziehen können. Sie waren schockiert, dass dies in unserem Land überhaupt möglich ist und beschlossen, nach den Ursachen zu forschen. Am Ende entstand ein eindrucksvoller Bildband über diejenigen, die immer da sind und doch kaum auffallen: Unsichtbar.

Uta Keseling, Reporterin der Berliner Morgenpost, und deren Cheffotograf Reto Klar führen dazu Interviews mit den wohnungslosen Gästen der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo in Berlin. Die Interviewten hatten einen großen Einfluss darauf, wieviel und welche Aussagen veröffentlicht wurden. In einfachen, klaren Bildern, teilweise schwarz-weiß, teilweise matt farbig, werden werden 52 Menschen portraitiert: das heißt 52 Schicksale, Gedanken, Hoffnungen, Leben. Jedem ist eine Doppelseite gewidmet, auf der einen Seite ein Portrait, auf der anderen ein Statement der Person. Dieses ist manchmal nur ein Satz, manchmal eine halbe Seite. Einige erzählen offen über ihre Gefühle und den Grund der Wohnungslosigkeit, andere reden nur kurz und oberflächlich über ihre Lage. Zusätzlich bietet das Buch eine Reportage, in der der Leser einen Einblick in die Arbeit der Bahnhofsmission erhält.

Es ist kein Bildband, den man im klassischen Sinne als schön bezeichnen kann. Einem wird schmerzlich und klar vor Augen geführt, dass jeder in solch eine Situation geraten kann – unabhängig von Alter, Bildungsgrad, sozialem Status, Nationalität. Manche sind durch Zufall oder Pech reingerutscht, andere durch eigenes Fehlverhalten dorthin gelangt. Man hat sofort Mitgefühl für das Schicksal der Menschen und ebenso Wut über die Ungerechtigkeit. Es wird deutlich, welche Schwächen unser Sozialsystem hat und dass es längst nicht jedem helfen kann, der Hilfe benötigt. Ein Ausweg ist schwer, denn als Obdachloser ist man gebrandmarkt. Dennoch, oder eben wegen jener Emotionalität, die der Bildband ausstrahlt, ist es ein sehr gutes und wichtiges Buch. Es hilft, die Sichtweise auf das eigene Leben und auf wohnungslose Menschen zurechtzurücken. Den Reinerlös des Buches erhalten die Bahnhofsmissionen zur Unterstützung ihrer Arbeit.

Einen kleinen Einblick in Bewegtbildern könnt ihr auf der Website erhaschen.

Ilke

Autor: Reto Klar (Fotos), Uta Keseling (Text)
Buchtitel: Unsichtbar
Verlag: Verlag Atelier im Bauernhaus

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