Ein Leben im falschen Körper

© Foto: Ilke, 2016

© Foto: Ilke, 2016

In der heutigen Zeit ist es nichts allzu ungewöhnliches mehr, einen Mann in Frauenkleidern und hübsch zurechtgemacht zu sehen. Offen wird über Transgender gesprochen und langsam gilt die Lebensweise als akzeptiert. Doch dies war nicht immer so. Im Januar kam ein Film in die Kinos, der sich mit einem der ersten Transgender der Welt beschäftigt. Da mich das Thema sehr interessiert musste ich mir natürlich The Danish Girl anschauen.

Inmitten der 20er Jahre führen der Landschaftsmaler Einar Wegener (Eddie Redmayne) und seine Frau Gerda (Alicia Vikander) ein erfülltes und bewegtes Leben in Kopenhagen. Gerda ist ebenfalls Künstlerin und hat sich auf Portraitmalerei spezialisiert. Eine folgenreiche Wendung tritt ein, als ein Model für Gerda nicht auftaucht und Gerda ihren Mann bittet, für sie in Seidenstrümpfe und feine Schuhe zu schlüpfen, denn sie ist mit der Fertigstellung des Bildes in Verzug. Zudem drapiert sie ein Kleid an ihm, damit der Faltenwurf des Kleides echt wirkt. Einar findet diese Idee witzig und ist recht schnell begeistert von dem Anblick und dem Gefühl des Stoffes auf seiner Haut. Die Kunstfigur wird fortan Lili genannt. Gerda ist fasziniert von der weiblichen Seite ihres Mannes und führt das Spiel weiter: sie lehrt ihn Haltung und Bewegung einer Frau und kleidet ihn sogar ein. Zudem hat sie Freude daran, Lili zu portraitieren. Die Motive kommen gut an; als Gerda in einer Galerie ihre Bilder ausstellen darf, wird sie nicht von Einar begleitet, sondern von Lili. Schon bald merkt Einar, dass dies kein Spiel ist; ihm wird bewusst, dass er eigentlich eine Frau ist und jahrelang im falschen Körper lebte. Getrieben von Selbstzweifeln und verschiedensten Gefühlen verfällt der Künstler in eine Identitätskrise. Einar möchte vollständig zu Lili werden; es reicht nicht mehr, nur Frauenkleider tragen. Nach langer Zeit und mehreren erfolglosen Arztbesuchen finden Gerda und Lili den deutschen Arzt Dr. Warnerkos, der den waghalsigen Schritt einer Geschlechtsumwandlung durchführen wird. Und so wird in einer Dresdner Frauenklink aus Einar Wegener Lili Elbe.

Einfühlsam, mit schönen Bildern versehen, geht dieses Drama einfach unter die Haut. Eddie Redmayne geht vollends in seiner Rolle auf – oder eher seinen beiden Rollen – und spielt überzeugend den charmanten Künstler und die an Selbstbewusstsein gewinnende Lili. Allein das Anschauen des inneren Kampfes eines Mannes, dem klar wird, dass er schon immer innerlich eine Frau ist und nun zu sich selbst findet, ist unglaublich herzzereißend und aufwühlend. Gleichzeitig ist es aber auch so schön und erwärmend zu sehen, wie diese Person als Lili aufblüht und Freude an den kleinsten Dingen entwickelt: Die ersten Schritte als Frau, das Einstudieren von weiblichen Bewegungen, das Gefühl vom Seidenkleid am Körper. Ab einem gewissen Punkt nervt das Wehleidige etwas, doch das geht schnell vorbei.
Alicia Vikander spielt ebenso überzeugend die extrovertierte und leidenschaftliche Ehefrau, die ihren Partner über alles liebt und bei allen Entscheidungen unterstützt, inklusive dem Werdegang zur Frau. Sich selbst nimmt sie eher zurück, nur manchmal begehrt sie auf und wirft Einar vor, dass sich nicht alles immer nur um ihn, bzw. Lili, drehen kann. Ihre innere Zerissenheit ist direkt greifbar und lässt bei manchen vielleicht die eine oder andere Träne rollen. So liebt sie ihren Mann und möchte bei ihm sein, gleichzeitig seinen Wunsch unterstützen, zur Frau zu werden; auch wenn das bedeutet, dass ihr Mann nicht mehr da sein wird.

Der Film basiert auf dem Roman The Danish Girl von David Eberhoff, welcher wiederum auf den Tagebüchern von Lili Elbe beruht. Lili Elbe war tatsächlich eine der ersten Transsexuellen weltweit, die Operationen waren bahnbrechend. Wer sich ausführlicher mit ihrem Leben beschäftigt wird feststellen, dass die Ereignisse im Film sehr zusammengepresst dargestellt sind. Man erhält den Eindruck, vom 1. Mal in Frauenkleidern zur geschlechtsangleichenden Operation sind nur wenige Monate vergangen, tatsächlich waren es allerdings mehrere Jahre. Eine Einblendung der Zeit im Film hätte ich mir gewünscht. Einige Punkte wurden leider außer acht gelassen. Zudem sind die Charaktere recht klischeehaft dargestellt und man könnte grundsätzlich darüber diskutieren, was überhaupt eine Frau ausmacht. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau.
Ich kann den Film wärmstens empfehlen.

Ilke

Regisseur: Tom Hooper
Filmtitel: The Danish Girl
Erscheinungsjahr: 2016

 

 

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