Die Erotik der fernöstlichen Küche – und noch so viel mehr

© Foto: Karoline, 2015

Was ist Erotik in der Literatur? Ist sie das Schmuddelheft, bei dem man aufgrund des anzüglichen Covers förmlich erröten muss? Besteht sie vielleicht aus den Formaten Shades of Grey oder der After-Reihe, die von allen Altersgruppen (diesmal erhobenen Hauptes) verschlungen werden? Durchaus! Darüber hinaus gibt es jedoch noch etwas – ich möchte es an dieser Stelle „Erotik mit Botschaft“ nennen. Ich fand sie im Roman Der Koch von Martin Suter. Ich erwartete seichte Erotik der kulinarischen Art und wurde mit erstaunlich viel Tiefgang und einigen Blicken über den Tellerrand belohnt.

Maravan ist Küchenhilfe im Sternerestaurant Huwyler. Er floh vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka, musste jedoch seine Familie zurücklassen. Diese unterstützt er finanziell so gut er kann. In seiner Heimat als Koch ausgebildet, darf er als Asylbewerber in der Schweiz nur den überheblichen einheimischen Köchen die Geräte putzen und Gemüse schneiden. Einzig die attraktive Kellnerin Andrea erkennt sein wahres Potential und lässt sich auf ein gemeinsames Essen bei ihm Zuhause ein. Ein fataler Fehler, denn Maravans Kochkünste sind aphrodisierender Art. So landet Andrea, die eigentlich nur auf Frauen steht, nach nur ein paar anregenden Gängen in Maravans Bett. Leider hat diese gemeinsame Nacht ein böses Nachspiel, sodass sich beide kurze Zeit später als fristlos entlassen betrachten dürfen. Doch die geschäftstüchtige Andrea hat schon einen Plan: Love Food! Angeknackste Ehen sollen mit Maravans exotisch-erotischem Essen aufgebessert werden. Maravan ist hin und her gerissen zwischen seinen religiösen Vorbehalten und dem Wunsch seine Familie zu unterstützen. Kann er sich auf die impulsive Andrea verlassen?

In diesem Buch gibt es keine expliziten Sexszenen. Die Zubereitung der traditionellen sri-lankischen Speisen mit der Abwandlung durch die molekulare Küche ließen mir jedoch das Wasser im Mund zusammenlaufen und waren erotischer als jede Sexszene es hätte sein können. Martin Suter liefert eine äußerst appetitanregende Erzählkunst, die ihresgleichen sucht. Als Krönung des Ganzen gibt es im Anhang des Buches das von Maravan selbst kreierte Love-Menu vereinfacht zum Nachkochen.

Doch wer denkt, es würde nur ums erotische Kochen gehen, der irrt sich. Der Leser erfährt vieles über das vom Bürgerkrieg zerrüttete Sri Lanka – ein zutiefst gespaltenes Land, in dem täglich Menschen qualvoll zu Tode kommen. Auch Maravans Familie leidet unter dieser Situation und hat sein in der Schweiz verdientes Geld bitter nötig. Besonders getroffen hat mich das Schicksal des kleinen Neffen Ulagu, der mit 12 Jahren einfach spurlos verschwindet und dessen Schicksal nur mit viel Bestechung herauszufinden ist. Aber auch seine Großtante, die ihn das Kochen und so manche Lebensweisheit lehrte, habe ich ins Herz geschlossen. Maravan ist oft hin und her gerissen zwischen seinen Sri Lankischen Wurzeln, die er zu ehren versucht, und dem westlichen Lebensstil, dessen Freizügigkeit ihn manchmal überfordert, aber auch reizt.

Mich haben nicht nur Handlungsverlauf und Charakterzeichnung, sondern auch das Ende sehr zufrieden gestimmt. Man kann es nicht als Happy End bezeichnen, trotzdem gibt es Genugtuung und Gerechtigkeit. Anders wäre es bei diesen schrecklichen politischen Intrigen auch nicht glaubhaft gewesen. Erotisches Kochen und korrupte Machenschaften gehen Hand in Hand und formen eine packende, unverwechselbare Handlung. Mein persönliches Fazit lautet daher also: ein rundum gelungenes, wunderbar gehaltvolles Buch.

Karoline

Autor: Martin Suter
Buchtitel: Der Koch
Verlag: Diogenes Verlag

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4 Gedanken zu “Die Erotik der fernöstlichen Küche – und noch so viel mehr

    • Karoline schreibt:

      Du hast recht! 2014 gab es einen Film mit Jessica Schwarz. Der hat aber nicht so gute Kritiken bekommen… Sollte ich mir dann wohl eher nicht ansehen^^ Hast du ihn dir denn angeguckt? Lief der vielleicht sogar in ner Sneak?

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