Zwei Geschwister auf dem langen Weg nach Haus

© Foto: Katrin, 2016

Serifee sei Dank ist mir wieder ein ungewöhnliches Buch vor die Nase gekommen, das ich unbedingt empfehlen möchte. Walking Home – Der lange Weg nach Hause wurde vielleicht für jüngere Leser geschrieben, doch auch mich hat es gepackt und nicht mehr losgelassen. Diese Geschichte ist berührend und bleibt mit Sicherheit lange im Gedächtnis. Zugleich eindringlich und realistisch wird die momentan allgegenwärtige Flüchtlingsthematik angesprochen, indem der beschwerliche Weg zweier Geschwister im von Bürgerkriegen zerrissenen Kenia geschildert wird.

Dem 13-jährigen Muchoki und seiner kleinen Schwester Jata ist fast nichts mehr geblieben. Ihr Heimatdorf Eldoret wurde dem Erdboden gleichgemacht und sie haben nahezu ihre gesamte Familie verloren. Zusammen mit ihrer an Malaria erkrankten Mutter konnten sich die beiden in ein entferntes Flüchtlingslager retten, doch ihre Zukunft ist ungewiss. Als ihre Mutter stirbt, sollen die beiden Kinder voneinander getrennt werden. Um zusammen bleiben zu können, verlassen sie das überfüllte Flüchtlingslager Hals über Kopf. Voller Hoffnung folgen sie der Spur einer überlieferten Familien-Geschichte, die zu ihrem unsichtbaren Faden wird. Durch wüstes Land und die gefährliche Stadt Nairobi soll er sie ins ferne Kikima zu ihren Großeltern führen, die von ihrer Existenz gar nichts wissen. Um ihre unbekannte Familie zu erreichen, müssen die Geschwister zu Fuß mehr als 200 km überwinden. Im Gepäck haben sie nur einen Kanister mit Wasser, zwei Decken sowie Essbesteck und etwas Nahrung. Zuversichtlich beginnen sie ihren anstrengenden Marsch ins Unbekannte.

Das Buch ist, passend für Leser ab 12 Jahren, in eher kurzen, doch wohl formulierten Sätzen verfasst. Die vom Autor verwendete Sprache ist einfach und schön, an keiner Stelle wirkt sie gewöhnlich oder ungeschliffen. Die Wanderung wird hierbei aus der Perspektive von Muchoki beschrieben. Obwohl er selbst noch ein Kind ist, hängt das Wohlbefinden seiner Schwester von ihm ab. Durch diese Umstände wird er in die Rolle eines Erwachsenen gedrängt und zeigt sich äußerst verantwortungsbewusst. Trotz seiner generellen Skepsis bleibt er allerdings neuen Erfahrungen gegenüber offen und ist am Ende sogar bereit, umzudenken. Im Kontrast zu ihrem Bruder verkörpert Jata kindliche Unbefangenheit und Herzlichkeit, die ihm fehlen. Diese Verschiedenheit geht unter die Haut und man fühlt unweigerlich mit den Geschwistern, wenn sie müde und hungrig, doch unbeirrbar auf staubigen Straßen immer weiter gehen. Aufgeben ist für Muchoki ohnehin keine Option, denn Jatas Vertrauen in ihn ist unerschütterlich. Nicht umsonst bedeutet sein Name „derjenige, der zurückkehrt“.

Warmherzig schildert der Autor eine abenteuerliche Reise, in der es ums Überleben und Verzeihen geht. Der Leser begleitet einen Jungen, der Angst und Zweifel beiseite schiebt, um seine kleine Schwester zu beschützen und nach Hause zu bringen. Anfangs ist Muchoki noch voller Bitterkeit und Wut den Angehörigen der Stämme gegenüber, die seine Familie getötet haben. Doch unterwegs erkennt er gemeinsam mit dem Leser, dass es überall gute und schlechte Menschen gibt – und dass Hilfsbereitschaft auch an unerwarteten Orten zu finden ist.

Eine große Stärke des Buches ist auf jeden Fall seine Realitätsnähe. Es zahlt sich daher aus, dass der kanadische Autor Eric Walters den Weg seiner fiktiven Protagonisten selbst zurückgelegt und dokumentiert hat. Ergänzend verweisen verschiedene Symbole am Rand des Buches auf eine Internetseite, die zahlreiche Zusatzmaterialien zur Verfügung stellt – von englischen Kommentaren und Videos bis hin zu Fotos oder Karten. Diese ermöglichen es, die Reise nachzuverfolgen und offenbaren Wissenswertes über Land und Leute. Das ist definitiv interessant, doch denke ich, ein enhanced E-Book hätte die Inhalte sogar besser zur Geltung bringen können, als das gebundene Buch. So lenken die Symbole anfangs eher ab und stören den Lesefluss etwas.

Prägnant und kompromisslos ehrlich schildert der Autor Leid und Hoffnung, ohne dass er sich in reißerischen Darstellungen oder Formulierungen verirrt. Alle Hindernisse, denen die Hauptfiguren begegnen, sind sicher nach westlichen Maßstäben nicht alltäglicher Natur, jedoch nie auf Sensation heischende Art übertrieben. Ungeachtet der ruhigen, fast sachlichen Erzählweise gibt es immer wieder kleine Spannungsmomente, die mitreißen und eine Verbindung zu den zwei einsamen Kindern entstehen lassen. Dazwischen bleibt stets genügend Raum, damit die Eindrücke der Erzählung auf einen wirken können.

Walking Home ist ein Jugendbuch, dessen Thematik selbst Erwachsene nicht kalt lassen dürfte. Da manche Passagen garantiert zum Diskutieren anregen, eignet es sich auch sehr gut zum gemeinsamen Lesen. Die Geschichte ist gleichermaßen zum Weinen traurig, wie zum Seufzen schön, an einigen Stellen spannend, an anderen wiederum nachdenklich stimmend. Unaufdringlich, aber überzeugend vermittelt sie den hohen Wert von Familie, Zusammenhalt, Toleranz und Hilfsbereitschaft. Letztendlich bleibt also nur eine Frage offen: Wer möchte den Geschwistern auf ihrem langen Weg nach Hause Gesellschaft leisten?

Katrin

Autor: Eric Walters
Buchtitel: Walking Home – Der lange Weg nach Hause, ab 12 Jahren
Verlag: Knesebeck

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