Shoppen bis zum Umfallen, Arbeit auf Lebenslänglich

© Foto: Ilke, 2016

© Foto: Ilke, 2016

Wie der ein oder andere Leser dieses Blogs sicher schon festgestellt hat, besitze ich ein Faible für seltsame Geschichten. In diesem Sinne habe ich mir neuen Lesestoff besorgt. Diesmal kamen Horror, Skurrilität und ein bisschen Gesellschaftskritik zusammen. Auf geht’s ins Labyrinth der Puppen.

Daniel arbeitet in einem gewöhnlichen Buchladen in einem großen Einkaufszentrum in Johannisburg. Sein Job ödet ihn genauso sehr an wie seine Kollegen. Im Gegensatz dazu kann Rhoda über Langeweile nicht klagen. Sie sollte eigentlich Babysitter für einen kleinen Jungen spielen, doch anstatt auf das Kind aufzupassen, setzte sie ihn im Games-Store ab, um sich Drogen bei ihrem Dealer des Vertrauens zu beschaffen. Es kommt, wie es kommen muss: der Junge ist auf einmal verschwunden. Rhoda ernennt kurzerhand Daniel, den sie kurz zuvor im Buchladen traf, zu ihrem Helfer, um das Kind schnellstmöglich wiederzufinden. Ernennen heißt hier, dass sie ihn mit (Waffen-)Gewalt dazu zwingt. Widerwillig führt Dan sie in die Personalkorridore. Doch je weiter beide vordringen, desto merkwürdiger sieht alles aus. Die Korridore kommen Dan plötzlich nicht mehr bekannt vor, alles wirkt verrottet und unfertig. Schlimmer noch: beide erhalten seltsame und verstörende SMS, treffen abgewrackte Obdachlose und werden von stinkenden Monstern verfolgt.  Und überall auf den Gängen liegen Körperteile von Schaufensterpuppen. Nach einer Odyssee durch dieses Labyrinth gelangen Dan und Rhoda endlich wieder ins Einkaufszentrum hinein, nur um festzustellen, dass plötzlich alles ganz anders ist. Sie sind in einer Parallelwelt gelandet, in der es nur drei Existenzformen gibt: bedingungsloser Shopper, Arbeiter oder Obdachloser. Jede Form ist bis ins Extreme übertrieben und wird vom großen Management kontrolliert. Wie können nun beide diesem Wahnsinn entkommen und was ist eigentlich mit dem Jungen passiert?

Rhoda und Dan sind zwei Protagonisten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Rhoda ist drogensüchtig, brutal und eigensinnig und wird wegen ihres dunkelhäutigen, vernarbten Aussehens von der Gesellschaft verstoßen. Dan ist ein weißer, verwöhnter, unselbstständiger Vorstadtbubi ohne Selbstbewusstsein oder Ahnung, was er mit seinem Leben anfangen soll. Da die Handlung in Afrika spielt, wurde gleich noch die Rassismusproblematik aufgegriffen. Ein bisschen zuviel Klischee meiner Meinung nach, die in die Hauptfiguren gesteckt wurde. Es freute mich allerdings, dass sich beide im Laufe der Handlung weiterentwickeln. Sowohl Realität als auch Parallelwelt sind äußerst eintönig gehalten. In der Parallelwelt finde ich das sehr gut und passend, da dort die Probleme unserer Zeit – Schönheitswahn, Armut und Reichtum, Spaß- und Leistungsgesellschaft  – bis auf die Spitze getrieben werden. Dieser Welt mangelt es völlig an Komplexität, da alles in einfache Schubladen gesteckt wird. Die Arbeiter sind an ihre Ladentheken gekettet und bekommen vom Management lediglich kurze Essenspausen zugeteilt. Kleine Implantate im Kopf der Arbeiter sorgen dafür, dass sie während der Arbeitszeit lediglich arbeitsrelevante Gespräche führen können. Dadurch verfallen sie am Schichtende in eine Art Standby-Modus und rollen sich hinter der Theke zusammen. Die Shopper gehen den ganzen Tag einkaufen und hetzen von einem Schnäppchen zum anderen, obwohl sie kein Geld für die Ware zahlen müssen. Noch dazu gelten sie nur als schön, wenn ihre Körper verändert werden oder gar Körperteile fehlen. Wer nicht in eine dieser beiden Kategorien passt, fristet sein Leben als Obdachloser und flüchtet vor den Wachen. Erfüllt jedoch ein Shopper oder Arbeiter seine Rolle nicht ausreichend, wird er vom Management abgewertet. Man kann sich vorstellen, was dies bedeutet.

Ursprünglich habe ich mir das E-Book wegen der schrägen Idee der Parallelwelt geholt, war jedoch enttäuscht darüber, dass nur etwa die Hälfte des Buches in dieser Dimension spielt. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis die Protagonisten dort ankamen. Obwohl der Weg durch das Labyrinth spannend beschrieben und von grausigen Begebenheiten erfüllt war, hat mich dieser Teil gelangweilt, da ich vor allem etwas über das andere Einkaufszentrum erfahren wollte. Zudem wurden die Aspekte der Mall, die mich besonders interessierten, nur teilweise oder ganz am Rande angesprochen. Die Referenzen auf Filme, Ereignisse und Restaurants (beispielsweise essen alle Arbeiter bei der Fastfood-Kette McDarm und im Kino hängt ein Plakat mit einem Sandra-Bollock-Verschnitt, der den Film Schmalz bewirbt) haben mir sehr gut gefallen und das eine oder andere Schmunzeln entlockt. Trotz des recht einfachen, umgangssprachlichen Schreibstils und des etwas zähen Beginns hat mich die Geschichte mitgerissen und unterhalten.

Der Originaltitel des Buches lautet The Mall. Zusammen mit The Ward und The new girl bilden die Bände die downside novels. Sie haben ähnliche Thematiken und eine Parallelwelt, sind aber unabhängig voneinander. Ich hege dennoch die leise Hoffnung, dass in einem der beiden folgenden Bände noch etwas über Dan und Rhoda erzählt wird. Leider ist bisher nur der erste Teil auf deutsch erschienen. Bei dem Autor S. L. Grey handelt es sich übrigens nicht um eine Person, sondern um das Autorenduo Sarah Lutz und Louis Greenberg.

Ilke

Autor: S. L. Grey
Buchtitel: Labyrinth der Puppen
Verlag: Festa

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