See you later, Alligator, und auf in die Sümpfe!

© Foto: Karoline, 2016

Wie sehr vertraut ihr eurem Lieblingsbuchhändler? Erst kürzlich stellte ich bei einem Besuch fest, dass mein Vertrauen fast grenzenlos ist. Ich wollte etwas Außergewöhnliches lesen, ein Buch, auf das ich von alleine nie kommen würde. Siehe da, mein Buchhändler des Vertrauens zauberte Das zerstörte Leben des Wes Trench von Tom Cooper hervor. Eine Kaufentscheidung, die ich nicht bereuen sollte.

Zu Beginn war ich überrascht, so viele Hauptakteure im Buch vorzufinden. Es geht nicht allein um den titelgebenden Wes Trench, der sein jugendliches Leben auf dem Shrimp-Kutter seines übellaunigen Vaters fristet, während er von einer besseren Zukunft träumt. Es geht vor allem auch um die Drogen-Insel der Toup-Brüder. Die haben sich ein besonders ruhiges Fleckchen des Südstaaten-Sumpfes Bayou herausgesucht, um dort ihre Marihuana-Pflanzen zu ziehen. Dabei kommt ihnen der einarmige Hobby-Schatzsucher Lindquist zu nahe. Der wiederum interessiert sich überhaupt nicht für Drogen, sondern viel mehr für den alten Freibeuter-Schatz des berüchtigten Jean Lafitte. Mit einem Metalldetektor sucht der kauzige, einsame Mann eine Insel nach der anderen ab. Sehr an den Drogen interessiert sind dagegen die Kleinkriminellen Hanson und Cosgrove, die sich bei der Ableistung ihrer Sozialstunden in New Orleans kennenlernen. Der außerordentlich gute Joint während der Mittagspause wird zur fixen Idee und schon bald suchen die beiden die Sümpfe nach der Drogen-Insel ab. Zur gleichen Zeit macht sich Brady Grimes im Auftrag der Ölgesellschaft BP auf den Weg Richtung Bayou, um Unterschriften zu sammeln. Dabei wird er von seiner persönlichen Motivation angetrieben, so viele Menschen wie möglich ins Unglück zu stürzen. Und das alles nur, weil er selbst einmal eine “Sumpfratte” war, die von den anderen nicht akzeptiert wurde.

Mir war nie bewusst gewesen, dass es solch eine gebeutelte Region innerhalb der USA gibt. Im Jahr 2005 verwüstete der Hurrikan Katrina Teile der USA und zerstörte das junge Leben des Wes Trench in dem Moment, als er sah wie seine Mutter in den Fluten versank. Durch den Macondo Blowout 2010, bei dem wahrscheinlich 800 Millionen Liter Erdöl durch die Explosion auf einer Bohrinsel ausliefen, ist das ganze Ökosystem der Bayou nachhaltig geschädigt. Seitdem leben die Fischer von der Hand in den Mund. Es machte mich wütend zu lesen wie die Ölgesellschaft ihre Haie wie Grimes ausschickt und das Elend der Leute ausnutzt. So werden vergleichsweise geringe Abfindungen gezahlt, damit die Gesellschaft später, wenn das wahre Ausmaß der Katastrophe öffentlich werden sollte, nicht mehr von Privatleuten verklagt werden kann.

In jedem Kapitel betrachtet der Erzähler eine andere Hauptperson. Dies treibt die Geschichte wunderbar voran und macht sie kurzweilig wie abwechslungsreich. Die Seiten flogen nur so vor mir dahin, was auch nicht zuletzt am flüssigen sowie schnörkellosen Schreibstil des Autors und der spannenden Thematik lag. Zu Beginn fragte ich mich noch, wie all diese Personen jemals zueinander finden werden, doch ist dies gar nicht das Hauptziel des Romans. Natürlich gibt es einige Zusammentreffen, jedoch bildet jede einzelne Person nur ein Puzzleteil im portraitierten Gesamtbild des Südstaaten-Sumpfes. Mein Kopfkino lief aufgrund der bildhaften Beschreibungen dieses Dschungels auf Hochtouren.

Der amerikanische Originaltitel des Romans heißt übrigens The Marauders, zu Deutsch Die Plünderer, Die Marodeure. Damit ist es zwar kein so reißerischer Titel wie die deutsche Variante, die die Zerstörung eines Lebens verspricht, aber er passt einfach wie die Faust aufs Auge. Denn letztendlich geht es hier immer nur ums Plündern: Familie Trench fischt im Bayou die Shrimps ab, Lindquist will einen Schatz aus der Versenkung holen, Hanson und Cosgrove bestehlen Leute, um sich ein neues Leben zu finanzieren, BP bereichert sich an den Erdölvorkommnissen und legt nach der Katastrophe die Geschädigten aufs Kreuz.

Das zerstörte Leben des Wes Trench wartet mit viel Drama und tragischen Schicksalen auf. Es ist traurig, niederschmetternd und trotzdem hoffnungsvoll. Der immer wieder aufkeimende schwarze Humor erhellt zum Glück die sonst so deprimierende Geschichte. So musste ich laut in der Bahn lachen, als ich las wie die Toup-Brüder im Schweiße ihres Angesichts einen zwei Meter langen Alligator in das Schlafzimmer vom einarmigen Lindquist schleppen. Der stolpert dann auch prompt nachts sturzbetrunken drüber, nur um anschließend aufs Bett zu springen und „wie ein Kastrat zu kreischen“. Ich litt mit jeder einzelnen Seite und werde wohl einige Tage brauchen, um alles gelesene zu verarbeiten. Wenn ich meinen Buchhändler des Vertrauens das nächste Mal besuche, werde ich mich bei der Buchauswahl wieder uneingeschränkt auf ihn verlassen!

Karoline

Autor: Tom Cooper
Buchtitel: Das zerstörte Leben des Wes Trench
Verlag: Ullstein Verlag

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