Carmen tanzt Spitze

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© Foto: Karoline, Arrangement: Katrin, 2016

Wer kennt nicht wenigstens dem Namen nach die Oper Carmen mit ihren einprägsamen Melodien? Die Musikalische Komödie in Leipzig hat auf deren Grundlage ein stimmungsvolles Handlungsballett inszeniert, in dem sich das klassische Drama um Liebe, Eifersucht und Freiheit im Tanz entfaltet.

Der Soldat Don José und die hübsche Micaëla wollen sich gemeinsam eine Zukunft aufbauen. Als jedoch die verführerische Zigeunerin Carmen in die Stadt kommt, verdreht sie allen Männern den Kopf. Wider besseres Wissen ist auch Don José fasziniert von dieser Frau. Kurz darauf kommt es zwischen Carmen und den Arbeiterinnen einer Zigarettenfabrik zum Streit, bei dem sie eine der Frauen mit dem Messer verletzt. Das folgende Verhör durch Leutnant Zuniga verhöhnt sie genauso, wie den Vorfall selbst. Als sie auf dessen Befehl von Don José abgeführt wird, umgarnt sie den Soldaten solange, bis er ihr zur Flucht verhilft – im Gegenzug für eine heiße Liebesnacht. Seine Strafe für diese Verfehlung folgt auf dem Fuße. Dessen ungeachtet verfällt er der schönen und unabhängigen Zigeunerin. Als Don José sie während einer weiteren Liebesnacht wegen des Zapfenstreichs verlassen will, ist ein Bruch zwischen den beiden unvermeidlich, da sich die stolze Carmen von ihm verschmäht fühlt. Daraufhin beginnt sie eine heiße Affäre mit dem berühmten Stierkämpfer Escamillo, der in Sevilla angekommen ist. Don José rast vor Eifersucht und es folgt eine heftige Auseinandersetzung zwischen den Männern. Eigentlich gewarnt durch diesen Vorfall, zieht Carmen trotzdem gemeinsam mit Escamillo und großem Gefolge vor dem Stierkampf in die Arena ein. Diese letzte bewusste Provokation des Soldaten hat unheilvolle Konsequenzen …

Eröffnet wird das Ballett durch das Orchester der Musikalischen Komödie. Als der Vorhang aufgeht, bestaunt der Zuschauer zunächst einmal die minimalistische, in rot gehaltene Kulisse, mit ihren großen Jalousie-Drehtüren und der überdimensionalen Stierfigur im Hintergrund. Die Handlung wurde im Vergleich zur Original-Oper etwas vereinfacht, weshalb die Spielzeit knapp zwei Stunden beträgt. Da die Darsteller nicht über die Möglichkeit gesprochener Dialoge verfügen, werden Handlung und Emotionen allein über Körpersprache und Choreografie vermittelt. Vor den Augen des Publikums entfalten sich auf diese Weise Romantik, Leidenschaft oder Verführung, bis hin zu Provokation, Wut und Verachtung. Der gezielt in Schlüsselszenen eingesetzte Chor klingt fantastisch und beweist wie der Rest des Ensembles, über welch hervorragende Künstler die Musikalische Komödie verfügt.

Die Choreografie enthielt viele amüsante Details und das Timing der Tänzer während der Abläufe war beeindruckend, wodurch dramatische Höhepunkte perfekt in Szene gesetzt wurden – vor allem im Zusammenspiel mit der Orchestermusik. Verschiedene Accessoires (Jacken, Zigaretten, Tuch) wurden scheinbar mühelos in die Choreografie eingebaut, obwohl sie in den komplizierten Bewegunsabläufen sicher nicht leicht zu handhaben waren. Die Tanzszenen mit ihren zahlreichen Hebefiguren, neckischen Schrittfolgen, graziösen Drehungen und akrobatischen Einlagen haben mich jedenfalls begeistert. Genaues Hinschauen lohnt sich, denn bestimmte Motive durchziehen das gesamte Stück. Vor allem das Auftauchen der Farbe Rot hat immer wieder eine gewisse Bewandnis, was sich insbesondere im dramatischen Finale zeigt. Einziger Kritikpunkt war in meinen Augen, dass die Darstellung in manchen Szenen einen Hauch zu plakativ geraten ist. So hat Carmen nicht ganz die Klasse, die ich erwartet hatte. Aufgrund ihrer Bewegungen und Choreografie wirkt sie eher lasziv und lässig arrogant, statt wirklich verführerisch, freiheitsliebend und stolz. Streckenweise kam sie mir einfach zickig und oberflächlich vor, aber niemals wirklich leidenschaftlich oder verliebt. Für meine Begriffe hätten ihre Gesten und Bewegungen ruhig ein klein wenig subtiler sein können, obwohl diese überdeutliche Betonung andererseits auch keinen Zweifel an den Absichten der Protagonistin ließ und oftmals sogar ironisch wirkte.

Auch die Kostüme der Darsteller taten ihr Übrigens zur Charakterisierung der Figuren. Nicht umsonst trägt diese Carmen kurze schwarze Hosen und keine rote Blume im Haar, sondern einen roten BH am schlanken Leib. Erst ganz zum Schluss sieht der Zuschauer Carmen im feuerroten Kleid – Vorbote des dramatischen Finales. Überhaupt waren die Kostüme einfach toll und häufig mit kleinen, originellen Details versehen: von den ein-ärmeligen Uniformjacken, welche die durchtrainierten Arme der Soldaten zur Geltung brachten, über die aufwändig bestickte weiße Hose des Toreros, bis hin zu den wunderschönen schwarzen Kleidern der Tänzerinnen und Chorsängerinnen. Selbst der rote Stierkämpfer-Umhang hat in einer Szene mit Carmen einen eigenen kleinen Auftritt.

Als meine reizende Begleitung Karo und ich nach dem Stück kurz mit einer anderen Besucherin sprachen, war sie genauso wie wir begeistert, dass das Ballett komplett mit eigenem Personal der Musikalischen Komödie auf die Bühne gebracht worden war. Ihrem Kommentar, „Hut ab!“, kann ich an dieser Stelle nur beipflichten. Diese besondere Version von Carmen sieht gut aus, hört sich genauso fantastisch an und unterhält einfach grandios. Wer ebenfalls in den Genuss kommen möchte, sollte sich aber beeilen, denn die voraussichtlich letzten Aufführungen des Ballets finden bereits am 26. April und 20. Mai statt.

Katrin

Ballett: Mirko Mahr
Musik: Georges Bizet, Rodion Konstantinowitsch Schtschedrin
Titel: Carmen, Handlungsballett in drei Akten für Jugendliche ab 12 Jahren
Besetzung: Ballett, Chor und Orchester der Musikalischen Komödie Leipzig
Veranstalter: Oper Leipzig

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