Trotzige Mary, törichte Mary …

© Foto: Ilke, 2016

© Foto: Ilke, 2016

Seit meiner Kindheit liebe ich den Film Der geheime Garten, der inzwischen nicht mehr ganz so regelmäßig im Fernsehen läuft. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mitbekam, dass es sich um eine Verfilmung des englischen Kinderbuch-Klassikers von Frances H. Burnett handelt. Seitdem wollte ich natürlich das Original lesen. Letztes Jahr habe ich mir nun endlich diesen Wunsch erfüllt.

Die zehnjährige Mary Lennox lebt mit ihren Eltern in Indien. Aufgezogen wird sie von ihrem indischen Kindermädchen und der Dienerschaft, ihre Eltern haben wenig Interesse an ihr. Als die Cholera ausbricht ist Mary die einzige Überlebende des Hauses. Plötzlich verwaist wird sie zu ihrem Onkel Mr. Craven nach England geschickt – in das abgeschiedene Anwesen Misselthwaite, welches mitten im Moor liegt. Die kühle Hausdame Mrs. Medlock macht ihr sogleich klar, dass sie ihren Onkel in Ruhe lassen soll und er sowieso meist abwesend ist. Auf sich allein gestellt zu sein kennt Mary schon, nicht jedoch die Abwesenheit von Personal. Einzig das Hausmädchen Martha ist für die Betreuung des Kindes zuständig und bringt ihr zunächst einmal bei, sich anzukleiden. Die meiste Zeit des Tages verbringt Mary allein, bald erkundet sie das Anwesen und den Garten. Doch was nur verbringt sich hinter den hohen Efeumauern – irgendwo muss doch ein Tor sein, welches hineinführt! Nach und nach erfährt sie das Geheimnis dieses Ortes: hinter den Mauern befindet sich der Lieblingsgarten ihrer Tante, doch seit ihrem Tod vor zehn Jahren hat niemand mehr den Garten betreten, denn Mr. Craven verschloss das Tor und versteckte den Schlüssel. Aber Mary ist ein Trotzkopf und neugierig obendrein, sie setzt alles daran, den Garten zu finden. Dabei erhält sie unerwartete Hilfe vom grummeligen Gärtner und einem Rotkehlchen, das sie zum Freund auserkoren hat. Der Garten ist bei weitem nicht das einzige Geheimnis von Misselthwaite. Seit längerem hört sie herzzereißendes Heulen aus den Tiefen des Hauses. Auf einer nächtlichen Erkundungstour lernt Mary den Ursprung des Weinens kennen: ihren Cousin Colin, der überzeugt davon ist, bald sterben zu müssen. Doch die trotzige Mary ist anderer Meinung.

Es gibt mehrere deutsche Ausgaben dieses Kinderbuches, das erstmalig 1911 erschien und auch in dieser Zeit spielt. Bei der Auswahl der Ausgabe habe ich mich vom Preis und vom Cover leiten lassen; ich finde es sehr passend und künstlerisch. Leider war das ein Fehler, denn bei der Version von dtv junior handelt es sich um eine gekürzte Fassung. Wenige Passagen und Illustrationen sind mir also vorenthalten geblieben. Der Schreibstil ist insgesamt einfach und klar gehalten; sicher ist dies auch abhängig von der jeweiligen Übersetzung. Nichts desto trotz finde ich die Geschichte herzerwärmend und wunderschön. Die Nebenfiguren sind zwar recht flach, die Entwicklung von Mary und Colin ist dafür umso besser erkennbar. Es ist so schön zu lesen, wie Mary langsam auftaut, wie gut ihr die Moorluft, die Arbeit im Garten und die Freundschaft zu den Bewohnern des Anwesens bekommen. Man muss schmunzeln darüber, wie leicht sie Zugang zum gleichermaßen trotzigen Colin findet und als einzige nicht vor ihm spurt. Und wenn beide Kinder, die bisher nie Rücksicht auf andere nehmen mussten, in Meinungsverschiedenheiten geraten und sich zuerst ankeifen, sich nach kurzer Zeit aber wieder versöhnen, ist das einfach großartig.

Die Themen Einsamkeit und Freundschaft ziehen sich durch die komplette Geschichte. Beachtenswert finde ich die Einstellung zu Kindeswohl und -erziehung in diesem Buch, die recht frei und weniger autoritär ist und für die damalige Zeit eher unkonventionell war. Der geheime Garten sollte meiner Meinung nach jeder gelesen haben. Obwohl die Geschichte über 100 Jahre auf dem Buckel hat, ist sie dennoch zeitlos.

Ilke

Autor: Frances H. Burnett
Buchtitel: Der geheime Garten
Verlag: dtv junior

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4 Gedanken zu “Trotzige Mary, törichte Mary …

  1. jaytiii schreibt:

    Den Film habe ich immer geliebt! Dass es eine Buchverfilmung ist, wusste ich anfangs auch nicht. Jetzt steht es auf meiner to-buy Liste. 🙂

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