Ein randalierender Pfau auf einem Teamcoaching-Wochenende

© Foto: Karoline, 2016

Neuer Monat, neuer Besuch in der Heimat. Natürlich darf da eine Stippvisite in meiner Lieblingsbuchhandlung nicht fehlen, sodass ich wieder einmal mit einem mir völlig unbekannten, aber vielversprechenden Buch nach Hause schlendern durfte. Diesmal war ich jedoch etwas skeptischer als sonst. Ich hatte bereits die durch und durch britische Reihe um Agatha Raisin kennen und lieben gelernt. Konnte eine Deutsche diese spezielle Art von Humor und die ländliche Idylle der Highlands authentisch vermitteln? Wie sich herausstellte ist Frau Bogdan, eine renommierte Übersetzerin, durchaus dazu in der Lage.

Lord und Lady McIntosh besitzen ein weitläufiges Anwesen in einem Tal am Fuße der Highlands. Früher einmal eine imposante Erscheinung, heute jedoch stark sanierungsbedürftig, so kommt ihr Herrenhaus daher. Mit der Vermietung umliegender Cottages bezahlen sie die ständig notwendigen Modernisierungen. Da kommen die sehr liquiden neuesten Gäste doch gerade recht. Die Investment-Abteilung einer Londoner Bank möchte die Zusammenarbeit der eigenbrötlerischen Mitarbeiter verbessern und veranschlagt ein Teambuilding-Wochenende inklusive einer leitenden Psychologin, einer Köchin und (zum Leidwesen aller) mit der Abteilungschefin. Wenn nur dieser wahnsinnige Pfau der McIntoshs nicht wäre! Doch er ist nun einmal da und ganz auf Krawall gebürstet. Sein Verhalten löst ungeahnte Kettenreaktionen aus und bald scheint jeder vor jedem ein Geheimnis zu haben.

Anfangs fiel es mir noch schwer die vier Investment-Banker Jim und Andrew, Bernard und David auseinander zu halten. Im Verlauf der Geschichte werden die einzelnen Charaktere aber auf so detaillierte Art mit ihren ganzen Marotten herausgearbeitet, dass man mühelos folgen kann. Denn wirklich jeder bekommt sein Fett weg. Hier gibt es weder schwarz noch weiß, sondern Sympathien in den unterschiedlichsten Schattierungen. Sogar die kontrollsüchtige Chefin, die die Großstadt liebt und gefiederte Tiere im Allgemeinen hasst, wird im Verlauf der Geschichte von einer weicheren Seite gezeigt. Am Ende mochte und hasste ich sie alle gleichermaßen. Nun gut, fast alle – meine besondere Liebe galt der Köchin, die sowohl genussorientiert als auch herrlich pragmatisch veranlagt ist und über einen wunderbaren Kümmertrieb verfügt. Darüber hinaus besitzt sie eine ausgezeichnete Menschenkenntnis, die ihr streckenweise mehr Durchblick als der Psychologin verleiht.

Der schnörkellose Schreibstil mit dem permanent ironischen Unterton hatte es mir bereits beim ersten Satz dieses Buches angetan.

„Einer der Pfauen war verrückt geworden. Vielleicht sah er auch nur schlecht, jedenfalls hielt er mit einem Mal alles, was blau war und glänzte, für Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt.“

Isabel Bogdan, Der Pfau, S. 7

Die häufige indirekte Rede verleiht der ganzen Geschichte einen angenehmen Plauderton, als ob ich sie direkt von jemandem erzählt bekommen würde. Der Leser wechselt häufig die Perspektive und erhält somit Einblick in die Gedankenwelt jeder auftretenden Figur (sogar in die des Jagdhundes der Chefin). Daher kann man sich prächtig über das Unwissen und die Macken der einzelnen Personen amüsieren. Damit man dabei auch schön den Überblick behält, gibt es häufig recht ironische Zusammenfassungen wer was bis jetzt weiß, über die ich mehrmals herzhaft lachen musste.

Der Pfau spiegelt die menschliche Natur in allen farbigen Facetten wider und ist somit für die Philanthropen wie Misanthropen unter uns gleichermaßen geeignet. Ohne zu viel verraten zu wollen: Ganz am Ende, wenn man innerlich bereits fast mit der Geschichte abgeschlossen hat, kommt noch ein unvorhersehbarer Paukenschlag. Dank dieses finalen Streiches musste ich noch Tage später schmunzeln und fragte mich, ob es nicht doch einen tieferen Sinn hinter dieser harmlos erscheinenden Geschichte gab.

Karoline

Autor: Isabel Bogdan
Buchtitel: Der Pfau
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

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3 Gedanken zu “Ein randalierender Pfau auf einem Teamcoaching-Wochenende

  1. jaytiii schreibt:

    Dieses Buch steht auch auf meiner to-buy Liste. Wohl oder übel haben sich bei mir im den vergangenen Tagen viele Bücher angehäuft, die es erst ansatzweise wegzulesen gilt. 🙂

    • Karoline schreibt:

      Dito… Ganz oben stehen da „Die Gestirne“, das neue Buch von Joel Dicker “ Die Geschichte der Baltimores“, den letzten Teil der Luna-Chroniken, die nächsten Agatha Raisin Bände und „Die maskierte Stadt“ von Genevieve Cogman… Uff, doch so viel… ^^ was ist es bei dir?:)

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