Ente zu verschenken

© Foto: Carmen, 2016

Warum ich das Buch aus der Bibliothek mitgenommen habe, kann ich nicht wirklich begründen. Bei den Neuerwerbungen schaue ich immer als erstes nach und deshalb landete diese eben in meinem Rucksack. Vielleicht war es ja die Kombination von rotem Auto und der freundlich lächelnden Nonne, die mich danach greifen ließ. An Gott glaube ich jedenfalls nicht, obwohl ich ihn manchmal anrufe, wenn ich Hilfe brauche. Kirchen hingegen besuche ich sehr gern, denn in ihnen fühle ich mich geborgen und behütet. Mir war klar, dass diese Lektüre eine Herausforderung wird, habe es jedoch nicht bereut. Schwester Jordana lässt den Leser teilhaben an Ihrer Entscheidung in ein Kloster einzutreten. Allerdings sollte man keine reine Biografie erwarten, eher ein Auf und Ab der Gefühle, gewürzt mit Einblicken in die Geschichte der Kirche.

Schon als Mädchen liebt Schwester Jordana Kirchen und wird gläubig erzogen, wobei sie das Kind aus einer evangelisch-katholischen Verbindung ist. Deshalb war bereits die Verbindung ihrer Eltern nicht ohne Schwierigkeit, da kein Vertreter der Kirche – evangelisch oder katholisch – sie verheiraten wollte. Als sich dann doch einer fand, forderte er, eventuell entstehende Kinder katholisch zu erziehen. Daher wuchs Schwester Jordana in beiden christlichen Welten auf und stieß immer wieder auf Ungerechtigkeiten: beispielsweise durfte sie nie als Ministrant in der Kirche mitwirken, was nur den Jungs vorbehalten war. Die Kirche gleichermaßen liebend, wie immer wieder in Frage stellend, will sie genau wie ihre Freundin Marie eigentlich Kinderkrankenschwester werden. Als ihre Freundin nach einem Besuch eines Ordens beschließt, Nonne zu werden, kann sie dies nicht begreifen. Darum will sie sich das Ganze näher ansehen. Auf diese Weise kommt sie mit den Zisterziensern in Berührung und findet es so schlecht nicht. Zudem wird sie regelrecht umworben, um in die Gemeinschaft zu finden und entscheidet sich nach Abschluss ihrer Lehre tatsächlich in den Orden einzutreten. Mit diesem Entschluss muss sie nun allem irdischen Gut entsagen. Ihr Auto schenkt sie einer Freundin, welche ihr aber später mitteilt, dass es kaputt ging, als Jordana in den Orden eintrat.

Zunächst funktioniert ihr neues Leben recht gut. Irgendwann wird jedoch die Nonne, welche Jordana stetig umworben hat, zur Oberin des Klosters berufen und alles verändert sich. Die neue Oberin findet Gefallen an der Macht über ihre Mitschwestern. Immer mehr Unterdrückung und Misstrauen machen sich breit und ganz allmählich beginnt Schwester Jordana an sich und ihrem Glauben zu zweifeln. Hin und her gerissen bleibt sie trotzdem einige weitere Jahre in dem Kloster, allerdings mit stetig wachsendem Unwillen und allmählicher Verzweiflung. Denn einfach wieder austreten kommt für sie natürlich nicht infrage. Ihre Rettung scheinen schließlich die Dominikanerinnen von Bethanien zu sein. Doch sind diese in der Lage, sie aufzufangen?

Als Atheistin habe ich dieses Buch mit dem schrägen Titel Ente zu verschenken  – Barfuß zu mir selbst durchaus mit gemischten Gefühlen aufgeschlagen. Doch die ungeschminkte Wahrheit, welche Schwester Jordana dem Leser quasi ins Gesicht schmeißt, macht es zu einem absolut liebenswerten Lesevergnügen. Wohl wissend um die Fehler der Kirche, siehe Tebartz van Elst, lässt die Nonne den Leser an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben – selbst daran, dass der Austritt aus dem Kloster eine Zeit lang denkbar für sie gewesen ist. Ihren Glauben hat sie dabei nie aufgegeben. Besonders spannend war die Art, auf welche Unterdrückung und Mobbing, Macht und Korruption im Orden thematisiert wurden. Die persönliche Entwicklung Jordanas, ihre Unterhaltungen mit Ordensschwestern und Zwiegespräche mit Gott bilden ebenfalls einen wichtigen Teil des Buches. Wunderbar zu lesen ist denn auch, wie sie endlich zurück zu sich selbst findet und zu dem was sie ursprünglich wollte: anderen helfen.

Das Ganze wird ergänzt durch geschichtliche Sequenzen der Kirchen- und Ordensentwicklung, ebenfalls mit kritischem Blick betrachtet. Diesem Sachbuch eine Chance gegeben zu haben, hat sich für mich wirklich gelohnt. Immerhin wurden so einige Fragen für mich beantwortet, während sich andere auftaten. Bemerkenswert fand ich in jedem Fall Schwester Jordanas Antwort auf die Frage wie denn ein so schönes, junges Mädchen daran denken könne, Nonne zu werden: „Für Gott nur das Beste!“

Carmen

Autorinnen: Schwester Jordana mit Iris Rohmann
Buchtitel: Ente zu verschenken – Barfuß unterwegs zu mir selbst

Verlag: rowohlt polaris

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2 Gedanken zu “Ente zu verschenken

  1. Ela schreibt:

    Zugegeben, ich bin jetzt durch den Titel direkt drauf aufmerksam geworden. Also wegen der Ente 🙂
    Deine Rezension ist toll und macht sehr neugierig auf dieses Thema, das eigentlich so gar nicht meines ist.
    Ich setze es mir einfach mal auf die Merkliste – vielleicht werde ich es zu einem späteren Zeitpunkt dann auch lesen, bin da wirklich hin- und hergerissen 🙂
    Liebe Grüße
    Ela

    • Carmen schreibt:

      Hallo Ela! Auch ich hab mich hier auf Neuland begeben, da ich nicht gläubig bin und eigentlich Mittelalterromane lese. Aber ich hab es nicht bereut, sehr flüssig und authentisch geschrieben. Vor allem die inneren Konflikte waren für mich nachvollziehbar. Liebe Grüße, Carmen

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