Von der Schwierigkeit einen Mord aufzuklären

© Foto: Katrin, 2016

Wie bereits im Januar angekündigt, findet nun im Mai unser dritter Weltenbummler-Monat statt. Da wir uns dieses Mal Russland vorknöpfen wollten, machte ich mich auf die etwas mühsame Suche nach einer zeitgenössischen, russischen Autorin. In der HTWK-Bibliothek entdeckte ich schließlich die Romane der Krimi-Zarin Polina Daschkowa. Auch einer der Buchtitel, Das Haus der bösen Mädchen, klang doch schon mal nicht schlecht. Eine Information auf dem Schutzumschlag versicherte mir überzeugend, die Autorin gelte mit weltweit mehr als 40 Millionen verkauften Büchern als wichtigste Vertreterin des neuen russischen Spannungsromans. Wer so viele Fans hat, sollte doch wohl in der Lage sein auch mich zu unterhalten!

Die Geschichte beginnt eigentlich recht harmlos. Eines schönen Tages führt die attraktive Lilija in einem Moskauer Café ein recht hitziges Gespräch mit einem grobschlächtigen Mann mittleren Alters. Nur wenig später liegt sie tot in ihrer Wohnung – eiskalt ermordet mit 18 Messerstichen. Die Hauptverdächtige ist schnell gefunden, denn Lilijas leicht debile Nichte Ljussja gesteht das grausige Verbrechen noch am Tatort. Allein der Ermittler Ilja Borodin mag nicht an die Schuld der Vierzehnjährigen glauben. Warum hätte die verängstigte Waise ihre geliebte Tante und einzige Bezugsperson umbringen sollen? Obwohl er von seinem Vorgesetzten keine Unterstützung für seine Theorie erfährt, beginnt Borodin tiefer zu graben. Dabei wird im Laufe der Untersuchungen eine Zeugin, die junge Obdachlose Sima, umgebracht. Als auch noch ein scharfsinniger Kollege von der Miliz dem unbekannten Messerstecher zum Opfer fällt, wird die Situation regelrecht brenzlig. Wie passen diese Vorfälle mit dem ursprünglichen Mord an Lilija zusammen?

Was mir gleich auf der ersten Seite dieses Romans auffiel, war die schöne, bildhafte Wortwahl, mit der ich nicht unbedingt gerechnet hatte. Zunächst etwas gewöhnungsbedürftig erschien mir hingegen der Sprachgebrauch an manchen Stellen, z.B. die Verwendung von „Miliz“ statt „Polizei“ oder die Ansprache der Personen mit „Bürger“. Aufgrund der Allgemeingültigkeit der Geschichte fiel dies indessen schon bald nicht mehr auf. Trotz des klaren, kultivierten Schreibstils musste ich allerdings irgendwann feststellen, dass es mir schwer fiel, der Handlung zu folgen. Innerlich wartete ich darauf, dass mir die Autorin endlich etwas offenbarte das mir helfen würde, die Geschehnisse einzuordnen. Doch stattdessen häuften sich bis fast zur Hälfte des Romans Nebenhandlungen an, ohne dass eine mögliche Erklärung für Lilijas Tod in Sicht kam. Immer mehr Randfiguren tauchten auf – vom besten Freund des Mordopfers, über zwei verbrecherische Zwillingsschwestern, bis hin zur verzweifelten jungen Mutter – die allesamt um ein Zentrum kreisten, das ganz offensichtlich meinen Blicken entrückt war. An einem Punkt war ich sogar kurz davor, das Buch beiseite zu legen, denn derart lange im Dunkeln zu tappen, strengte zeitweise wirklich an. Da bringt es auch nichts, dass der Spannungsbogen sachte und gespickt mit kleinen Höhepunkten immer weiter ansteigt. Anfangs sorgen die nämlich eher für zusätzliche Verwirrung, anstatt etwas aufzuklären. Wer also einen fordernden Krimi lesen möchte, der die Daumenschraube ganz gemächlich anzieht, wird hier definitiv fündig.

Selbstverständlich gibt es mit dem Ermittler Borodin einen durch und durch sympathischen Charakter mit Ecken und Kanten, dessen Gedankengängen man gern folgt. Nichtsdestotrotz ist seine Rolle im Vergleich zu den zahlreichen Nebenfiguren nicht besonders stark gewichtet, sodass er nur bedingt als Hauptfigur gelten kann. Während des Schmökerns habe ich natürlich nicht mitgezählt, doch auf den knapp 400 Seiten des Romans erlebt der Leser die Ereignisse aus der Sicht von mindestens 12 verschiedenen Personen. Jede von ihnen ist zwar sehr realistisch gestaltet, manche bei aller Kürze sogar erstaunlich tiefgründig, doch fällt es größtenteils schwer, eine echte Bindung zu den Figuren aufzubauen. Da zusätzlich mit Rückblenden gearbeitet wird und die Perspektivwechsel typografisch nur unmerklich hervorgehoben sind, verlor ich mitunter tatsächlich etwas die Orientierung in der Handlung. Als ich das Buch letztendlich zuschlug, tat ich das einerseits mit einem Gefühl vager Ratlosigkeit. Ob mir das Buch nun gefallen hatte oder nicht, konnte ich beim besten Willen nicht beantworten. Auf der anderen Seite kam jedoch ziemliche Bewunderung über die Virtuosität der Autorin auf, die es geschafft hat, all die losen Enden zu einem runden und durchaus befriedigenden Ende zusammenzuführen. Respekt!

Insgesamt war dies wohl der am komplexesten konstruierte Krimi, den ich bislang gelesen habe. Zwar kann ich nicht behaupten, dass Das Haus der bösen Mädchen meinen Geschmack genau getroffen hat – jedoch ist das Buch ganz sicher äußerst innovativ, was Erzählperspektive und Spannungsbogen betrifft. Genau diese stilistischen Aspekte haben zum Schluss mein Interesse an anderen Werken von Polina Daschkowa geweckt, sodass ich durchaus gewillt bin, wenigstens einen weiteren ihrer Romane zu lesen. Der falsche Engel oder Bis in alle Ewigkeit klingen in meinen Ohren inhaltlich ebenfalls sehr ansprechend. Vielleicht könnt ihr mir ja sogar einen anderen ihrer Titel voller Überzeugung empfehlen?

Katrin

Autorin: Polina Daschkowa
Buchtitel: Das Haus der bösen Mädchen
Verlag: Aufbau

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