Eine Revolution ist nicht leicht zu schaffen

Der irdische Kelch Cover

© Foto: Bettina, 2016

Lieber Michail Prischwin,

nachdem Russland als Gastland für unseren Weltenbummlermonat feststand, habe ich erst einmal sowohl mein Gedächtnis, als auch meinen Bücherschrank nach brauchbarem Material durchforstet. Am Anfang schien dies sehr vielversprechende Möglichkeiten aufzutun. Doch immer wieder scheiterte ich bei der Auswahl an meinen Kriterien: im Original auf russisch verfasst, in Russland spielend und von einem Russen geschrieben sollte mein Buch sein. Gar nicht so leicht bei einem derart facettenreichen Land. Das Glück war mir aber hold und auf der Leipziger Buchmesse landete ich mir nichts dir nichts am ersten Tag im Stand des kleinen Guggolz Verlages. Da stand dann ein Buch von dir: Der irdische Kelch.

Auf einem alten Landsitz in der Provinz soll nun, nach der Revolution, ein Museum des Gutslebens entstehen. So kommt unsere Hauptfigur Alpatow ins Dorf und ist fortan der Schularbeiter der Region und Leiter dieses Museums. Es scheint aber, die Bewohner haben für die Künste und den Unterricht nichts übrig oder schlicht andere Sorgen. Es mangelt an vielem und besonders am Essen. Alpatow kann sich von seiner Arbeit kaum ernähren und wird immer wieder mit Korruption, Provisorien und Gleichgültigkeit konfrontiert. Dein Roman baut sich dann aus vielen kleinen Abschnitten aus Alpatows Leben auf dem Land auf, beschränkt sich auf kurze 130 Seiten und der Guggolz Verlag hat ihm ein wahrlich hübsches Kleid gegeben. Schon der Untertitel Das Jahr neunzehn des zwanzigsten Jahrhunderts, verheißt einen Einblick in die noch nahe russische Geschichte, zu einer Zeit, die große Wellen schlagen wird. Nutzen kann ich ihn allerdings wenig, denn es fällt mir immer wieder schwer, deine Erzählung wirklich zu verstehen.

Schon in den ersten Kapiteln des Buches stehe ich ratlos vor deinem Text, zwischen uns ein Kultur- vielleicht auch ein Zeitgraben. Russische Geschichte ist wahrlich keine meiner Stärken und die Eigenheiten des Landes sind mir fremd. Ich schlage also nach, was Kultkom ist und worin der Unterschied zwischen einem Sowchos und einem Kolchos liegt. Kaum habe ich dies halbwegs verstanden, bin ich dabei herauszubekommen wann die petrinische Zeit war und was zum Teufel ein Telega ist. Dann und wann bin ich mir nicht sicher ob ein Wort ein mir unbekannter Begriff ist oder doch nur wieder der Kosename einer Figur. All dies macht das Lesen zwar ungemein lehrreich, aber mühsam. Für mich will einfach in Der irdische Kelch kein rechter Lesefluss entstehen. Wie der Gegenpol beim Magneten werfen mich Kleinigkeiten aus der Geschichte und zwingen mich immer wieder zum erneuten Anlauf.

Ich manövriere mich also mit Hilfe von kleinen Brücken durch dein Werk: den Naturpassagen. Wenn du gerade wenig offensichtlich über gesellschaftlichen Wandel und das Los des Menschen in einer neuen Welt schreibst, bringst du die schönsten Seiten deiner Heimat aufs Papier. Du beschreibst den Moorsumpf beim Herrenhaus, der die großen Flüsse des Landes speist, die Beeren oder Pilze, die sich dort finden lassen oder gar das Wolfsrudel beim Heulen in der Nacht. Wie ein Tableau breitet sich dann die Weite Russlands vor mir aus. Nicht jeder mag solche Beschreibungen, das ist wahr, doch wer ein Fünkchen dafür übrig hat, wird bei dir einige Perlen finden. Wo ich sonst in deinem Text verloren bin, höre ich jetzt jedes Wort. Während ich in anderen Teilen schnell die Orientierung verliere, webst du hier ein Band, dem ich vertrauensvoll folge. Dann sind mir die vielen anstrengenden Fragmente von Alpatow die Mühe wert!

Diesmal haben wir trotzdem nicht ganz zueinander gefunden, du und ich. Vielleicht ist es einfach ein Fall von schlechtem Timing. Durchaus möglich, dass ich einige weitere Jahre fleißiger Leserschaft vor mir habe, bevor wir uns verstehen. Meine Freude an deinen Beschreibungen zeigt mir aber, dass immerhin die Hälfte des Weges schon geschafft ist. Etwas Zeit zum Üben bevor ich es erneut mit uns beiden versuche, gebe ich mir also. Du gehst schließlich nirgendwo hin und ich plane auch noch eine Weile hier zu sein.

Bis dahin und viele Grüße,

Bettina

Autor: Michail Prischwin
Buchtitel: Der irdische Kelch – Das Jahr neunzehn des zwanzigsten Jahrhunderts
Verlag: Guggolz Verlag

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