Der Kampf mit den Worten und andere Misslichkeiten

© Foto: Katrin, 2016

Wie glücklich ich doch darüber bin, dass es auf Inkunabel unser zentraler Vorsatz ist, Begeisterung zu teilen! Denn in eben diesem Moment hat mich mal wieder ein wunderbares Jugendbuch sehr froh gestimmt: Am Ende des Alphabets von Fleur Beale. Daher werde ich im Folgenden wohl etwas ins Schwärmen geraten. Worum es geht? Um nichts Geringeres als den Aufbau des eigenen Selbstwertgefühls – gerade dann, wenn man mit Hindernissen zu kämpfen hat.

Die 14-jährige Ruby Yarrow hält in ihrer Familie alles zusammen. Sie kocht, putzt und betreut ihre kleinen Halbbrüder Davey und Theo, die sie abgöttisch lieben. Obwohl ihr jüngerer Bruder Max nie einen Finger krumm macht, beschwert sie sich nie und wagt es nicht, für sich selbst einzutreten. Da sie eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat, hegt ihre Mutter keine großen Erwartungen an die berufliche Zukunft ihrer Tochter. Während Rubys Bedürfnisse völlig unter den Tisch fallen, wird Max aufgrund seiner hohen Intelligenz ständig umhegt. Anstatt für Rückhalt und Förderung zu sorgen, nimmt ihre Mutter die Legasthenie als gegeben hin und hält Ruby immer wieder unbewusst klein. Vater Calvin liebt seine Stieftochter zwar, traut sich jedoch nicht regulierend einzugreifen. Schließlich bittet ihre Mutter sie darum ihr Zimmer auf unbestimmte Zeit mit Davey und Theo zu teilen, damit Max in Ruhe lernen kann. Zutiefst unglücklich und widerstrebend willigt Ruby ein. Als ihre beste Freundin davon hört, kündigt sie ihr prompt die Freundschaft. Damit ist das Maß des Erträglichen jedoch erreicht! Nun ist Ruby endlich gezwungen, auch mal „Nein!“ zu sagen und Rückgrat zu entwickeln. Sie streikt! So wirbelt sie die gesamten Abläufe innerhalb der Patchwork-Familie ordentlich durcheinander, denn der verwöhnte Max ist mit Rubys plötzlicher Kampfansage alles andere als einverstanden.

Am Ende des Alphabets ist ein warmherziges, kämpferisches Buch, das am Ende für ein hoffnungsvolles Kribbeln in der Magengrube sorgt. Wenn Ruby ihren Alltag schildert, ihre Gedanken und Selbstzweifel mitteilt, dann ist der Leser beinahe augenblicklich auf ihrer Seite. Selten habe ich ein Buch gelesen, das auf nur 200 Seiten derart mitreißt und so viele kleine Höhen und Tiefen beinhaltet. Es motiviert unglaublich, sich gemeinsam mit der Protagonistin über jeden kleinen Triumph zu freuen. Einfach schön ist es mitzuerleben, wie sie sich trotz ihres Zwiespalts stets aufs Neue überwindet und sich mit etwas Hilfe von außen ihre passive Nachgiebigkeit in Stärke und Selbstwertgefühl verwandeln. Raum einnehmen, ernst genommen werden, die eigenen Fähigkeiten erkennen, Aufmerksamkeit einfordern … Sind es nicht genau diese Dinge, die sich vor allem Mädchen häufig hart erarbeiten müssen? Dieses Buch ist ein kleiner Befreiungsschlag und ganz sicher in der Lage, seine Leserinnen und Leser etwas aufzurichten.

Trotzdem kann ich es mir nicht verkneifen, ein bisschen zu meckern. Dass fast die gesamten Nebenfiguren seltsam farblos bleiben, ist bei der präsenten Hauptfigur und dem raschen Erzähltempo noch gut zu verschmerzen. So ist der Sprachstil klar und Sätze wie auch Kapitel sind dementsprechend eher kurz geraten. Wer nur halbwegs gern liest, wird also in einem Rutsch durch die Geschichte geschleust. Geschenkt. Doch inhaltlich hätte ich mir gewünscht, dass Rubys Familie sich mehr mit ihrer Legasthenie auseinander setzt, statt sie derart passiv als groben Nachteil hinzunehmen. Dieser völlige Mangel an Unterstützung war mir ein Rätsel – obwohl Rubys Widerstand gegen die herrschenden Gegebenheiten dadurch natürlich an Dringlichkeit gewinnt. Außerdem schmerzte es mich nahezu, dass an etlichen Stellen der Dativ Verwendung fand, statt des passenderen Genitivs. In einem Jugendbuch in dem es auch um Sprache geht, empfand ich das als störend und furchtbar unelegant.

Den positiven Gesamteindruck dieses (für mich vielleicht sogar ersten) neuseeländischen Romans schmälern die genannten Kritikpunkte jedoch keineswegs. In der Geschichte wird sich wahrscheinlich jeder wiedererkennen, der lernen musste, für sich selbst einzustehen. Die beschriebenen Kabbeleien, kleinen Ungerechtigkeiten, aber auch der Zusammenhalt untereinander sorgen für einen leichten Zugang. Außerdem ist die Kernaussage insgesamt herrlich positiv, weshalb es leicht ist, sich einfach dem Sog der Ereignisse zu überlassen. Von solch leckerem Lesezucker lässt man sich gern die Hirnwindungen kitzeln und hofft anschließend breit grinsend auf Nachschub!

Katrin

Autorin: Fleur Beale
Buchtitel: Am Ende des Alphabets, ab 12 Jahren
Verlag: Knesebeck

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