Von Hühnern, Äpfeln und anderen Delikatessen

© Foto: Markus, 2016

Als ich die wunderbare Möglichkeit bekam einen Artikel für Inkunabel zu verfassen, machte ich mir viele Gedanken, welcher Titel sich für ein Debüt eignen würde. Kürzlich entdeckte ich den dänischen Regisseur und Drehbuchschreiber Anders Thomas Jensen für mich, dessen Filme bisher an mir vorbeigegangen waren. Erst als ich mich über die weiteren Werke des dänischen Welt-Stars Mads Mikkelsen informierte, wurde ich auf die schwarze Komödie Adams Äpfel aufmerksam, die mich mit ihrem speziellen und skurrilen Humor sofort für sich gewann. Also begab ich mich auf die Suche nach weiteren Arbeiten des Regisseurs und stieß auf die DVD-Box Von Hühnern, Äpfeln und anderen Delikatessen, die Jensens bisherige Regiearbeiten Flickering Lights, Dänische Delikatessen, Adams Äpfel und Men & Chicken beinhaltet.

In seinem Regiedebüt Flickering Lights (2000), der in Deutschland auch unter dem Namen Blinkende Lichter bekannt ist, stehen die vier Kleinkriminellen Torkild (Sөren Pilark), Peter (Ulrich Thomsen), Arne (Mads Mikkelsen) und Stefan (Nikolaj Lie Kaas) im Mittelpunkt. Anstatt die gestohlenen drei Millionen Kronen ihrem Auftraggeber auszuhändigen, wollen sie mit dem Geldkoffer nach Barcelona flüchten. Allerdings kommen sie aufgrund ihres klapprigen Autos nur bis zu einer heruntergekommenen Herberge kurz vor der dänischen Grenze. Währenddessen ist ihnen der schlecht gelaunte Obergangster auf den Fersen. In Dänische Delikatessen (2003) möchten die zwei Freunde Svend (Mads Mikkelsen) und Bjarne (Nikolaj Lie Kaas) in einer dänischen Einöde ihre eigene Metzgerei eröffnen. Leider läuft das Geschäft anfangs sehr schlecht. Erst als Svend über Nacht aus Versehen einen Elektriker in ihrem Kühlhaus einschließt, entwickeln sie eine Geschäftsidee namens „Killler Jiller“, die dem Geschäft der beiden Leben einhaucht. In Adams Äpfel (2005) kümmert sich der gutmütige und grenzenlos optimistische Pfarrer Ivan (Mads Mikkelsen) auf seinem Kirchengelände um resozialisierte Straftäter. Dem Neonazi Adam (Ulrich Thomsen) gibt er die Aufgabe, sich um den Apfelbaum vor der Kirche zu kümmern und aus den Früchten einen Kuchen zu backen. Allerdings wird dieses Vorhaben durch Krähen, Würmer und andere Mächte deutlich erschwert. In Jensens aktuellstem Werk Men and Chicken (2015) erfahren die zwei sehr unterschiedlichen Brüder Gabriel (David Dencik) und Elias (Mads Mikkelsen) nach dem Tod ihres Vaters, dass sie nicht seine leiblichen Söhne sind. Sie begeben sich auf die Suche nach ihrem biologischen Vater, einem Stammzellenforscher, der sich auf der abgeschiedenen Insel Ork befinden soll …

Wie schon für den schwarzhumorigen Film In China essen sie Hunde von Lasse Spang Olsen hat Jensen auch für seine vier Regiearbeiten jeweils das Drehbuch verfasst. Sein eigenwilliger Erzählstil ist in all diesen Filmen zu erkennen. Ich würde sie am ehesten als eine Kombination aus berührendem Drama und bitterböser Komödie bezeichnen. Alle Geschichten leben zunächst von einer schrägen Grundidee, die durch einen überzeichneten, häufig grotesken und politisch unkorrekten Humor gekennzeichnet ist. Nicht selten bleibt dem Zuschauer während einiger Szenen das Lachen im Hals stecken. So gesteht beispielsweise in Adams Äpfel eine alkoholkranke Frau dem Pfarrer unter Tränen, sie befürchte, ihr Kind komme mit einer Behinderung auf die Welt, während sich dieser mit dem Neonazi Adam über die Anzahl der Kekse auf dem Tisch streitet. Dabei ist das noch eine der harmloseren Einfälle, mit denen der Regisseur den arglosen Zuschauer bombardiert. Neben vereinzelten brutalen Szenen stechen vor allem die temporeichen und schwarzhumorigen Dialoge hervor.

Ein weiteres wesentliches Merkmal das Jensens Filme auszeichnet, sind seine moralisch flexiblen Charaktere. Die Ursachen für deren Verhalten liegen häufig in der Vergangenheit – meist sind es traumatische Ereignisse in Bezug auf familiäre Hintergründe. Dadurch erschafft er sonderbare Charaktere, die gleichzeitig hassens- und liebenswert sind. Diesen Protagonisten würde man im realen Leben nicht gern gegenübertreten wollen, doch sie wecken Interesse und man möchte wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Jedoch macht es sich Jensen mit den übertriebenen Schicksalsschlägen als Ausgangspunkt für das Handeln der Charaktere teilweise etwas zu einfach.

Des Weiteren tragen die in Jensens Filmen immer wiederkehrenden Schauspieler Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Ulrich Thomsen und Ole Thestrup wesentlich zu deren Qualität bei. Vor allem Mads Mikkelsen nimmt man jede seiner Rollen ab, egal ob es sich dabei um einen gutherzigen Pfarrer oder impulsiven Mörder handelt.

Insgesamt finde ich alle vier Regiearbeiten von Anders Thomas Jensen sehenswert. Besonders empfehle ich Adams Äpfel und Flickering Lights, die für mich seine mit Abstand stärksten Filme sind. Sie schaffen es am besten den bitterbösen Humor sowie die tragischen, brutalen und berührenden Momente miteinander verschmelzen zu lassen. Bei Dänische Delikatessen sowie Men & Chicken überwiegen hingegen die bizarren und verstörenden Szenen. Meiner Meinung nach sind vor allem bei Men & Chicken diese Elemente zu dominant. Dadurch ging bei mir im Vergleich zu den vorangegangenen Filmen die Leichtigkeit etwas verloren und am Ende blieb ein fader Beigeschmack zurück. Wem die ersten drei Filme gefielen, wird trotzdem gut unterhalten, allerdings sollten die Erwartungen etwas gesenkt werden. Wer jedoch schon in früheren Filmen mit Jensens Humor Probleme hat, dem wird auch seine aktuellste Arbeit keinen Spaß bereiten. In jedem Fall habe ich die Investition in die DVD-Box nicht bereut, denn der dänische Regisseur hat mich definitiv von sich überzeugt.

Markus

Regisseur: Anders Thomas Jensen
Titel der DVD-/Blu-ray-Box: Von Hühnern, Äpfeln und anderen Delikatessen
Erscheinungsjahr: 2001–2015

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2 Gedanken zu “Von Hühnern, Äpfeln und anderen Delikatessen

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