Erhebt eure Stimme!

© Foto: Ilke, 2016

© Foto: Ilke, 2016

Die Schule habe ich schon einige Jahre hinter mir gelassen. Um ehrlich zu sein, bin ich auch recht froh darüber. Sie war für mich ein notwendiges Übel das ich in Kauf nehmen musste, um einen Abschluss zu erhalten und danach die Karriere planen zu können. Bei uns gilt es als Selbstverständlichkeit, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen sowie Kenntnisse in Geistes- und Naturwissenschaften zu erwerben. Tatsächlich ist es unser Privileg. Bildung sollte ein Grundrecht für alle sein, doch in etlichen Teilen der Welt sind Kinder, oftmals sogar nur Mädchen, vom Besuch einer Schule ausgeschlossen. In diesen Ländern muss das Recht auf Bildung verteidigt bzw. erst erkämpft werden. Es gibt sicher tausende von Geschichten, eine davon ist Ich bin Malala von Malala Yousafzai – dem damals fünfzehnjährigen Mädchen, das von den Taliban auf ihrem Schulweg angeschossen wurde.

Das Swat-Tal, in dem Malala und ihre Familie lebten, war das Paradies auf Erden, wie Malala betont. Einst war es ein eigenständiges Fürstentum, bevor Pakistan gegründet und das Tal angegliedert wurde. Dennoch blieb es lange Zeit autonom. Sehr ausführlich und bildhaft beschreibt sie ihr bisheriges Leben. Malala und ihre Familie sind Paschtunen, ein Volk, das sich aus mehreren Stämmen zusammensetzt und eigene Richtlinien und Traditionen besitzt. Darauf sind sie äußerst stolz und leben noch heute nach den paschtunischen Regeln. Malalas Vater Ziauddin ist nicht nur Gründer und Besitzer der Khushal-Schule, er ist auch politisch sehr engagiert. Dieses Interesse, die Geschehnisse des Landes und der Bevölkerung sowie die Wichtigkeit von Bildung brachte er auch seiner Tochter nahe. Stets förderte er ihre Wissbegier und ihre Courage, für das einzutreten, was ihr wichtig ist. Bereits als Kind war Malala eine ausgezeichnete Schülerin, die stets ihr Bestes geben und über sich hinauswachsen wollte. Zusammen mit ihren Freundinnen wetteiferte sie um den Platz der Klassenbesten. Bevor die Taliban in ihre Stadt kamen gab es vereinzelte Stimmen, die die Bildung von Mädchen als unislamisch abstempelten. Doch dies wurde von Ziauddin stets als falsch enttarnt, denn ihr Gott wolle gebildete Jungen und Mädchen. Es gab nicht viele Möglichkeiten, als Frau einen Beruf zu ergreifen, aber eine Beschäftigung als Ärztin war besonders beliebt. Nicht jedoch bei Malala, sie wollte Erfinderin werden. Als die Taliban 2007 das Swat-Tal durch ihre Terrorherrschaft übernahmen, wurden die Rechte der Bevölkerung, vor allem jene der Frauen und Mädchen, immer weiter beschnitten. Schulen wurden geschlossen und zerbombt, ungehorsame Menschen wurden ausgepeischt und später sogar getötet. Malala und ihre Familie hatten Angst, ließen sich davon jedoch nicht unterkriegen. Selbst nach dem Tag, als Malala und zwei ihrer Freundinnen im Bus angeschossen wurden, gab sie nicht auf. Der Angriff sollte sie stoppen, da sie sich offen für die Bildung von Mädchen und damit gegen die Taliban stellte, letztendlich verhalf er ihr aber zu internationaler Berühmtheit und zu dem Status den sie brauchte, um die Welt in großem Maße verändern zu können.

Der Hauptaugenmerk der Biografie liegt auf der Geschichte und Entwicklung Pakistans, vor allem dem Swat und ihrer Heimatstadt Mingora, und der voranschreitenden Talibanisierung des Landes bzw.  des Tals. Die Zeit im Krankenhaus und Malalas Genesung danach wird dafür eher beiläufig erzählt. Die Biografie wirkt in erster Linie wie ein Geschichtsbuch, Malala wie eine Augenzeugin. Obwohl es ihre Geschichte und sie immer präsent ist, rückt sie sich nicht in den Vordergrund. Das Buch schafft beim Leser ein Grundverständnis für die Politik und die Mentalität in Pakistan. So wird klar, warum zum Beispiel die Talibanisierung des Landes möglich war, wie aus einer politischen Entscheidung eine andere resultierte und den Weg ebnete. Weiterhin wird deutlich, dass das Land tief gespalten ist und nicht jeder Einwohner mit den verschiedenen politischen Entscheidungen einverstanden war. In Pakistan leben eben nicht nur Terroristen und fundamentale Islamisten. Der Glaube an den Islam zieht sich natürlich stark durch das Buch, da es Teil ihres Lebens ist. Da gerade in heutiger Zeit der Islam häufig verteufelt wird, ist es umso wichtiger, andere Facetten der Religion zu beleuchten und eine positive Sicht darauf kennen zu lernen. Oft betont Malala die Friedfertigkeit und Gerechtigkeit des Islam. Taliban sind in ihren Augen keine gläubigen Muslime, da sie den Glauben nicht korrekt leben und deuten.

Mittlerweile leben Malala und ihre Familie in Birmingham, England. Im dortigen Krankenhaus wurde sie nach dem Attentat behandelt und bekam die bestmögliche Behandlung für eine reibungslose Rekonvaleszenz. Auch wenn Birmingham aktuell ihre Heimat ist, träumt sie weiterhin vom Swat und möchte in Zukunft wieder dorthin zurück.  2014 bekam sie für ihren Kampf um Kinderrechte den Friedensnobelpreis verliehen. Auszeichnungen bedeuten ihr allerdings nicht viel, sie möchte weiterhin für die Bildung von Kindern weltweit kämpfen. Dies ist ihre Mission. In Zusammenarbeit  mit der Unesco gründeten sie und ihr Vater 2012 die Malala-Stiftung, die es sich zum Ziel erklärt hat,Kindern weltweit eine sichere Schulbildung zu ermöglichen, sodass sie ihr Potential erkennen und voll ausschöpfen können. Auf dieses Ziel möchte sie weiterhin in der Dokumentation Malala  – Ihr Recht auf Bildung aufmerksam machen.

Ich bin Malala ist eine Biografie, die nicht zum Zweck der Selbstdarstellung verfasst wurde. Malala hat ihre Geschichte aufgeschrieben und veröffentlicht, um anderen Mädchen den Mut zu geben, ebenfalls ihre Stimme zu erheben. Beim Lesen wird man gepackt von der Schönheit und Andersartigkeit vom Swat, man erlebt die Höhen und Tiefen von Malalas Lebens, ist gerührt von der Gastfreundschaft des paschtunischen Volkes und erschrocken und wütend über die Grausamkeit der Taliban. Das Buch gibt einem ein gutes und trauriges Gefühl zugleich. Und es hinterlässt eine tiefe Bewunderung für diese außergewöhnliche, mutige, junge Frau.

Ilke

Autor: Malala Yousafzai mit Christina Lamb
uchtitel: Ich bin Malala
Verlag: Knaur

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