Eine große, gemalte Welle

Miss Hokusai Bild

© Foto: Bettina, 2016

Für Japan interessiere ich mich schon so lang, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann, wann der Funke übergesprungen ist. Auf jeden Fall bin ich nun Feuer und Flamme. Die Literatur, Manga und Anime sind einige Facetten der japanischen Kultur, die ich kennen und lieben lernte. Diese Liste erweitert sich ständig und gerade erst konnte ich die traditionelle Kunstform des Holzdrucks für mich entdecken. Umso freudiger haben mich die Artikel zu einem Film gestimmt, der genau diese Elemente in sich vereint: Miss Hokusai. Damals versuchte ich noch, mich in meiner Vorfreude zurückzuhalten. Zu gering schien mir die Wahrscheinlichkeit, dass ein japanischer Animationsfilm mit doch eher speziellen Themen in Deutschland in den Kinos zu sehen sein würde. Da hatte ich zu früh verzagt!

Meine Befürchtungen sollten sich, in meinem Fall dank der Japan Filmtage Hamburg, nicht bewahrheiten. Diese sorgten dafür, dass ich den Streifen nicht nur prompt, sondern auch noch im Orignialton bewundern konnte. So saß ich glückseelig im Kinosaal und der Vorhang öffnete sich für die Geschichte von O-Ei, Tochter des berühmten Künstlers Hokusai. Im 19. Jahrhundert lebte und arbeitete sie gemeinsam mit ihrem Vater in Tokyo, das damals noch Edo hieß. Arbeiten muss man hierbei betonen, denn O-Ei war selbst eine geschätzte Künstlerin. Das mag in der heutigen Zeit zu unrecht größtenteils vergessen sein, doch es prägte ihr Leben.

In vielen kleinen Episoden folgt der Zuschauer O-Ei durch ihre Welt. Häufig besucht sie ihre kleine Schwester O-Nao und geht mit ihr spazieren. Bei diesen Ausflügen betrachtet sie die Umgebung intensiv und genau, schon allein um O-Nao davon zu berichten, denn die hat leider eine sehr zarte Konstitution und ist blind zur Welt gekommen. So stapfen sie gemeinsam durch Schneelandschaften, sitzen teetrinkend auf einer Aussichtplatform und betrachten den Fuji oder erleben die geschäftigen Brücken von Edo. Auf denen begegnet O-Ei schon mal ein paar Herren, für die sie sich interessieren könnte.

Auch die künstlerische Arbeit und die Entwicklung von O-Ei taucht immer wieder auf. Sie zeichnet herausragend und fertigt beeindruckende Werke. Wie ihr Vater besitzt sie eine hohe Sensibilität für die Natur, aber auch für das Spirituelle und Übernatürliche. Wenn sie Drachen zeichnet dann nur, wenn deren Geist vom Himmel herabsteigt; gemeinsam mit Hokusai besucht sie selbst Kurtisanen, von denen man munkelt, sie seien von Dämonen besessen. Doch wie soll eine junge Frau, vielleicht noch ein Mädchen, erotische Liebesszenen malen können, wenn von ihr selbst erwartet wird unschuldig zu sein? Diese Beschränkungen von O-Eis Leben als Frau und als Künstlerin spiegeln sich immer in ihrem Handeln wieder. Trotzdem ringt sie beständig um ihre Unabhängigkeit und strebt besonders geistige Eigenständigkeit an.

Viele dieser Szenen sind mir noch immer glasklar in Erinnerung geblieben. Sie verweben zum Beispiel gekonnt realistisches Erzählen mit stimmungsvollen Geistergeschichten. Visuell-bombastische Einstellungen mit Gänsehautgefühlen wechseln sich mit Teilen ab, die nachdenklich und melancholisch stimmen. Allein dafür würden die Macher des Films bei mir Lorbeeren einheimsen. Die Animation und Inszenierung von Edo mit seinen Häusern und Brücken ist jedoch in jedem Fall eine weitere Huldigung wert. Immer wieder sind kleine Abschnitte eingestreut, die Kenner aus den Motiven Hokusais bekannt sein dürften. Da ist die Große Welle von Kanagawa, andere Bilder aus den 36 Ansichten des Berges Fuji und viele mehr. Aus den vielen Episoden entsteht ein solch vielfältiger Einblick in das Leben in Japan zu dieser Zeit, dass man sich gar nicht sattsehen kann. Diese eher lose Struktur macht den Film aber auch wenig linear und vielleicht weniger zielgerichtet als es manchem Zuschauer gefallen mag. Ich mache mich allerdings schon jetzt auf die Suche nach der Mangavorlage des Stoffes und den weiteren Werken des Regisseurs dieses Kleinods.

Bettina

Regisseur: Keiichi Hara
Filmtitel: Miss Hokusai
Erscheinungsjahr: 2016

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2 Gedanken zu “Eine große, gemalte Welle

  1. Denise schreibt:

    Vielen Dank für diese schöne Rezension. Dadurch bin ich erst auf den Film aufmerksam geworden

    • Bettina schreibt:

      So etwas höre ich doch immer gern! Mir lag die Machart und das Thema des Filmes sehr. Falls du da ähnlich gepolt bist, kann ich dir nur raten ihn anzuschauen. Ich hoffe jedenfalls, dass du Gelegenheit dazu hast Miss Hokusai zu sehen 🙂

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