Ich bin ein buntes Zebra und hüpfe durch die Welt.

© Foto: Katrin, 2016

Erst vor einigen Wochen entdeckte ich einen Buchtipp zu Außergewöhnlich normal und war direkt interessiert. Das Sachbuch für, von und über hochbegabte, hochsensitive und hochsensible Menschen weckte sofort meine Neugier, mehr über deren alltägliche Stolpersteine zu erfahren – insbesondere da die Thematik auf jemanden in meinem Bekanntenkreis zutrifft. Vielleicht taugt das Buch ja als Hilfestellung im Alltag, um mehr Verständnis und ein entspannteres Miteinander zu ermöglichen?

Gleich zu Beginn stellt Autorin Anne Heintze klar, dass ihres ein eher persönliches Buch ist, dessen Fokus auf eigenen Erfahrungen und dem Austausch liegt, weniger auf Definitionen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Als Therapeutin, Heilpraktikerin und Coach arbeitet sie bereits seit mehr als 25 Jahren mit Menschen und gründete die Open Mind Akademie, welche hochsensitive und -begabte Personen darin unterstützt, ihr Potential voll auszuschöpfen. Auch in Außergewöhnlich normal möchte sie abseits der herrschenden starren Kategorien ein positives Selbstverständnis fördern. So erwarten den Leser, nach einer kurzen Einleitung, vier Kapitel rund um Merkmale, Probleme und Verhaltensweisen von hochbegabten, hochsensitiven und hochsensiblen Menschen, die im Buch mit Vorliebe als „bunte Zebras“ bezeichnet werden.

In den ersten beiden Kapiteln wird zunächst eine Grundlage geschaffen, um den im Buch thematisierten Begriffen auf die Spur zu kommen. Wo liegt der Unterschied zwischen Sensitivität und Sensibilität? Was bedeutet Hochbegabung? Welche Arten von Intelligenz, welche Sonderformen von Begabungen gibt es? Ergänzend ermöglichen verschiedene Merkmallisten Rückschlüsse auf die eigene Disposition. Im darauf folgenden Teil erläutert Heintze, mit welchen Problemen hochsensitive oder -begabte Personen zu kämpfen haben. Das reicht von Stress, Überreizung, Depression und Burnout bis hin zu typischen Verhaltensmustern, wie übermäßigem Perfektionismus oder dem sogenannten Hochstapler-Phänomen. Der vierte Abschnitt behandelt schließlich die Toleranz gegenüber sich selbst und anderen, spricht über Selbstwert und Selbstliebe oder darüber, wie Betroffene sich im Alltag Schönheit und Lebensqualität schaffen können. Philosophische Überlegungen, Sinnsuche, Liebe und Partnerschaft sowie das Finden der eigenen Identität im Berufsleben werden ebenfalls nicht ausgespart.

Zu Beginn stürzte ich mich zwar voller Tatendrang in die Lektüre, letztendlich klappte ich das Buch aber trotz gutem Bauchgefühl recht unbefriedigt zu. Auf der einen Seite liest sich das Sachbuch flott weg, da sich der aufgeschlossene Leser an vielen Stellen äußerst verstanden fühlen dürfte. Während ich allerdings die erste Hälfte des Buches halbwegs informativ fand, bereitete mir Kapitel 4 streckenweise arges Kopfzerbrechen. Grundsätzlich positiv fiel mir die knackige Abhandlung der Themen auf, wodurch sich der Leser niemals in ellenlangen Definitionen verliert. Gleichzeitig ist gerade dies von Nachteil, denn jeder Begriff, jedes Thema wird lediglich kurz angerissen. Genau an der Stelle, an welcher man sich eine intensive, differenzierte Auseinandersetzung wünscht, bricht der Text ab. Konkrete, praktische Ansatzpunkte, um den Alltag besonders Begabter zu verbessern oder das in ihnen schlummernde Potential zu entfalten, sind äußerst spärlich gesät. Stattdessen erschöpfen sich Ratschläge häufig in Allgemeinplätzen, während die Probleme der Betroffenen mitunter zu sehr auf die leichte Schulter genommen werden.

Lache und lächle, wann immer es dir einfällt. Das ist sooo hilfreich!

Anne Heintze, Außergewöhnlich normal, S. 198

Dieses Kratzen an der Oberfläche hat mich im Laufe der Lektüre zunehmend frustriert, da sich das Gefühl einstellte, hier müsse doch eigentlich viel mehr kommen. Somit ist Außergewöhnlich normal nicht Fisch noch Fleisch. Es funktioniert weder als Sachbuch auf rein fachlicher Ebene, noch als Ratgeber und schafft es nicht, dem eigenen Untertitel gerecht zu werden. Hinzu kommt, dass mich das Buch streckenweise sogar sprachlich und stilistisch nicht überzeugen konnte. Wiederholt störten mich inhaltlich redundante Formulierungen, der Mangel an Vielfalt bei der Wortwahl und die tendenziell fragwürdige Kommasetzung. Vor allem die inflationär verwendete Metapher der „bunten Zebras“ strapazierte mit der Zeit meine Geduld.

Außergewöhnlich normal wird nur durch seinen hohen Sympathiefaktor, seine Authentizität und die vermittelte Zuversicht im Umgang mit den eigenen Fähigkeiten vor einem härteren Urteil gerettet. Das Buch entfaltet seine Stärke auf der persönlichen Ebene, wenn die Autorin oder andere Hochsensitive und Hochbegabte von ihren Erfahrungen berichten. Dies führt dazu, dass der Leser viele geschilderte Situationen, Emotionen oder Gedanken wiedererkennt und sich bestätigt fühlt, Andersartigkeit zelebrieren lernt, zu gegenseitiger Toleranz angehalten wird und die Liebe zu den eigenen Gaben entdeckt.

Es kommt also auf die Erwartungshaltung an, mit der das Buch aufgeschlagen wird. Wer fachliche Information wünscht und Ratschläge für den Umgang mit der eigenen Hochsensibilität, -sensitivität und -begabung sucht, wird meiner Meinung nach wohl enttäuscht sein. Als positiver, leichter Einstieg in das Thema taugt es jedoch mit Sicherheit. Die kleine Literaturliste im Anhang ist auf jeden Fall ein guter Anfang, um sich ausführlicher zu informieren.

Katrin

Autorin: Anne Heintze
Buchtitel: Außergewöhnlich normal – Hochbegabt, hochsensitiv, hochsensibel: Wie Sie Ihr Potential erkennen und entfalten
Verlag: Ariston

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3 Gedanken zu “Ich bin ein buntes Zebra und hüpfe durch die Welt.

  1. madameflamusse schreibt:

    so jetzt mußte ich es doch gleich lesen…finde ich ne sehr gute Rezension..vielelicht ist es ja extra so kurz gehalten gibt noch einige andere Bücher von Ihr zum Thema….is ja schon auch so ne Geldsache..mehr Bücher mehr Einnahmen, vermute ich…da will man vielleicht nicht gelich das ganze Pulver verschießen. Aber ja ich mag Sie auch nicht so besonders, und schau mal beim Sellin rein, da geht es wirklich darum was wie und wie umgesetzt werden kann, sehr hilfreich und klar seine Bücher, also die 2 die ich kenne.

    • Katrin schreibt:

      Danke, für den Tipp.
      Ich fand es halt schade, da es sich deswegen wie eine Mogelpackung anfühlt. Sind ja immerhin knapp 17 € für eine Klappenbroschur – das würde schon etwas schmerzen.

      • madameflamusse schreibt:

        Ja, mich ärgert sowas ungemein, ich hätte da keine so gute Rezension schreiben können…scheint heute schon auch so ne Sache zu sein…also ist sicher nicht nur bei Ihr so.

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