Auf der Suche nach einem bemerkenswerten Fleckchen Erde

© Foto: Karoline, 2016

Beim lang ersehnten Urlaub darf natürlich die darauf abgestimmte Literatur nicht fehlen. Doch was soll man mitnehmen? Etwas Leichtes für das Herz oder etwas Blutiges für die Spannung? Ich wollte literarisch gerne in die Ferne schweifen. Nachdem ich bereits seit Monaten immer wieder um Die seltsamsten Orte der Welt herumgeschlichen bin, ist das Werk schlussendlich dann doch in meinem Körbchen gelandet und durfte mich bei meiner Reise begleiten.

Alastair Bonnett gliedert sein gleichermaßen schickes, wie unterhaltsames Sachbuch zu außergewöhnlichen Orten in acht Bereiche. Ob nun berühmte Geisterstädte, Niemandsländer, vergängliche oder verlorengegangene Flecken Erde – jeder Abschnitt übte seinen ganz eigenen Reiz auf mich aus.

So beeindruckte mich bei Verlorengegangenen Orten das Schicksal der Aralkum-Wüste. Einst war der Aralsee eines der größten Meere der Welt. Nun ist er, durch Menschenhand verursacht, eine große und karge Wüste. Wo das ganze Wasser hingeflossen ist und wie die dort lebenden Menschen mit dem Verlust dieses Ortes umgehen, beschreibt der Autor informativ und gut komprimiert auf nur sechs Seiten. Besonders amüsant-kurios wirkt hingegen die Stadt Baarle, die im Kapitel Enklaven und abtrünnige Nationen beschrieben wird. Durch die ganze Ortschaft ziehen sich die Ländergrenzen von Belgien und den Niederlanden, selbst vor einzelnen Häusern machen sie nicht Halt. Dies ist auch der Grund wieso die betroffenen Hausbesitzer die Lage ihrer Hauseingänge häufig veränderten, denn Abgaben mussten an das Land gezahlt werden, in dem sich die Tür befand. Da war es doch nur logisch sie dorthin zu verschieben, wo gerade geringere Steuern zu entrichten waren.

Mein Lieblingskapitel war jedoch das der sechs Geisterstädte. Ich hatte leichte Gänsehaut bei dem Schicksal Prypjats, eine Vorzeigestadt der 80er Jahre, die keine drei Kilometer von Tschernobyl entfernt ist und noch fast 1000 Jahre verseucht sein wird. Wittenoom, eine australische Kleinstadt, die von den Blauen Asbest-Minen lebte und wegen seines tödlichen Staubes 2007 offiziell von den Landkarten verbannt wurde, hinterließ ebenfalls kleine Gruselschauer. Ich konnte nur den Kopf schütteln über all das Elend, das wir uns selbst und der Natur angetan haben. Da könnte man doch glatt zum Umweltaktivisten werden!

Genau an dieser Stelle möchte Herr Bonnett ansetzen. Sein Buch schafft es, dass man sich verantwortlich fühlt und die Topophilie (Liebe zu Orten) ganz neu für sich entdeckt. Es ist ihm ausgezeichnet gelungen, durch die Bank weg interessante Ecken auszuwählen, die er prägnant auf selten mehr als fünf Seiten beschreibt. Er vermittelt solide Grundkenntnisse über das Gebiet, zeigt wie die dort lebenden Menschen mit diesem besonderen Ort umgehen und macht gleichzeitig Lust darauf einmal tiefer zu forschen. Ich konnte mich gar nicht recht entscheiden welchen versteckten Winkel ich hier beschreiben sollte, denn alle sind bemerkenswert skurril und einzigartig. Was Jane Austen und ein Dogging-Platz (eine Stelle für Freiluftaktivitäten sexueller Natur) gemeinsam haben, verrate ich hier absichtlich nicht 😉

Alastair Bonnet hat mir seine Philosophie der Ortschaften präsentiert. Vorher hatte ich mir noch nie richtig Gedanken über mich und die Gebiete um mich herum gemacht. Wo kam der Fuchs eigentlich her, der mir neulich Abend in der Innenstadt begegnete? Und wieso braucht jedes Kind seine eigene kleine Höhle? Einige seiner Argumente konnte ich sehr gut nachvollziehen, andere wirkten mir etwas zu gewollt. So konnte ich den künstlerischen Bestrebungen nach der Erschaffung eines neuen Raumes weit weniger etwas abgewinnen, als den historischen Begebenheiten. Nichtsdestotrotz wurde ich im Urlaub ausgezeichnet unterhalten. Ich konnte in die weite und nahe Ferne schweifen und lernen, dass ich nur genauer hinschauen muss, um ungenutzte oder nicht beachtete Plätze zu entdecken.

Karoline

Autor: Alastair Bonnett
Buchtitel: Die seltsamsten Orte der Welt
Übersetzung: Aus dem Englischen von
Andreas Wirthensohn
Verlag: C.H. Beck

 

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10 Gedanken zu “Auf der Suche nach einem bemerkenswerten Fleckchen Erde

  1. Melanie schreibt:

    Halli-Hallo Karo,
    „die seltsamsten Orte der Welt“ fand ich auch ziemlich beeindruckend.Die Kapitel mit den Geisterstädten und den Mikrostaaten haben mir von allen am besten gefallen. Manchmal denke ich immer, es kann einen nichts mehr „schocken“…weit gefehlt! 😊

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